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Arbeiten verboten: Henry Okpara (l.) und Din Mohammad Nasiri müssen untätig in den Tag hinein leben. 

Arbeitsverbot für Flüchtlinge

Zum Nichtstun verdammt

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Sie wollen sich integrieren, möchten arbeiten und so ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten. Doch das Landratsamt hat ein Arbeitsverbot erteilt. Din Mohammad Nasiri und Henry Okpara können das nicht verstehen, sie sind fassungslos.

Dorfen – Die beiden jungen Männer kommen aus verschiedenen Kulturkreisen. Din Hohammad Nasiri (28) stammt aus Afghanistan, Henry Okpara (28) aus Nigeria. Doch beide Männer eint ihr Schicksal – sie sind in ihren Ländern vor Terroristen geflohen. In Deutschland wollen sie ein neues Leben beginnen – und alles tun, um bis zur Entscheidung ihrer Asylanträge der Allgemeinheit nicht auf der Tasche zu liegen. Doch die zwei jungen Männer sind vom Landratsamt Erding aufgrund einer Weisung des Innenministeriums dazu verdammt worden, nur untätig rumzuhängen.

Dabei haben beide Asylbewerber von der Arbeitsagentur eine Einstiegsqualifikation erhalten. Beide haben ihm Rahmen dessen bereits Praktika gemacht – Nasiri bei einer Trockenbaufirma in München, Okpara bei einer Metallbaufirma in St. Wolfgang. Ihre Arbeitsleistung war gut, beide Firmen hätten die jungen Männer jetzt übernommen. Beiden wurde auch ein Ausbildungsplatz in Aussicht gestellt. Doch die Kreisbehörde sagt kategorisch „Nein“. Die Begründung ist für Flüchtlingshelfer nicht nachvollziehbar: Beide hätten zu geringe Deutschkenntnisse, ihre Identität sei nicht eindeutig geklärt, behauptet das Ausländeramt im Landratsamt. Doch Nasiri und Okpara sprechen schon recht gut deutsch. Und beide beteuern, dass die Ausländerbehörde Dokumente hätte, die ihre Herkunft bestätigen. Nasiri hat beim BAMF Ausweis und Führerschein abgegeben, Okpara seinen Militärausweis. Die Papiere sind jetzt beim Landratsamt.

Es ist gerade das behördlich verordnete Rumsitzen, dass Flüchtlinge stark belastet. Die Gedanken kreisen dann nicht um eine bessere Zukunft, sondern um die Vergangenheit. Traumatische Erlebnisse kommen immer und immer wieder hoch. Beim Afghanen Nasiri ist das die Ermordung seines Vaters durch die Taliban. Seine Mutter hatte Angst um das Leben ihrer vier Söhne. Sie überredete Nasiri, mit seinen drei jüngeren Brüdern nach Deutschland zu fliehen. Er ist seit zwei Jahren hier – geflohen ist er über die Balkan-Route. Seine drei jüngeren Brüder sind mittlerweile in Norwegen – aus Angst, in Deutschland abgeschoben zu werden.

Der Nigerianer Okpara ist seit rund eineinhalb Jahren in Deutschland. Er war in seiner Heimat beim Militär, wurde eingesetzt, um die Terrormiliz Boko Haram zu bekämpfen. Doch es fehlte beim Kampf an allem, erzählt er: an genügend Waffen, an Unterstützung durch andere Einheiten. Bei einem Angriff durch Boko Haram wurden viele Kameraden aus Okparas Einheit getötet. Für den jungen Mann war das der Punkt, wo er nicht mehr länger beim Militär bleiben wollte. Er weigerte sich, zu kämpfen. Vom nigerianischen Militär wurde er deshalb ins Gefängnis gesteckt. Bei einem Überfall der Terrormiliz auf das Gefängnis wurde Okpara als Geisel genommen und verschleppt. Aus einem Gefangenenlager gelang ihm schließlich die Flucht.

Es ist der harte Kurs Bayerns in der Asylpolitik, der viele Flüchtlinge in oft schwierige Situationen bringt. Die Landesregierung hat ein Arbeits- und Ausbildungsverbot für Asylbewerber aus sicheren Herkunftsländern verhängt. Folglich dürfen auch bereits erteilte Beschäftigungserlaubnisse nicht mehr verlängert werden. Damit sind die Flüchtlinge zum Rumhängen verdammt – in einem Leben voller Ungewissheit.

Depressionen nehmen stark zu

Bei immer mehr Asylbewerbern bahnt sich eine Depression den Weg. Sie leiden oft unter Schlafstörungen, Essensproblemen – und haben Angst vor der Zukunft. In oft engen Unterkünften, wo sich zwei Flüchtlinge einen knapp sieben Quadratmeter großen Container teilen müssen, wächst auch die Aggression. Im Klinikum Taufkirchen etwa werden mehrere Asylbewerber stationär behandelt. Sie sind nervlich völlig am Ende. Das geht auch Flüchtlingshelfern an die Nieren, die sich um die Asylbewerber kümmern. „Wir versuchen, den Geflüchteten die Menschlichkeit zu bieten, die ihnen von der Politik immer öfter verwehrt wird“, sagt eine Helferin. Den Glauben an eine gute Zukunft bringt dies Flüchtlingen nur selten zurück.

Die Redaktion hat beim Landratsamt Erding am Dienstag um eine Stellungnahme zu den Arbeitsverboten für die beiden Asylbewerber angefragt. Die Pressestelle verwies darauf, dass die beiden Fälle erst geprüft werden müssten. Bis Redaktionsschluss gestern Abend gab es noch keine Stellungnahme der Kreisbehörde. >Kommentar

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