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Protest von vorn und hinten: Markus Baumann von der DB Netze (stehend) hatte im Strukturausschuss des Kreistags, der am Montag im Gasthof Klement in Isen tagte, einen schweren Stand. Kritik kam von den Kreisräten und Landrat Martin Bayerstorfer (5. v.r.), aber auch von Wasentegernbacher Bürgern um ihren Sprecher Franz Bauer (hinten, grün-weiß kariertes Hemd).

Streit um Bahnübergang Wasentegernbach

„Zur Not bis vors Bundesverfassungsgericht“

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Der Kreistag unterstützt die Wasentegernbacher in ihrem Kampf gegen die Deutsche Bahn. Einer bis zu sieben Meter hohen Brücke, auf der Autos die Gleise überwinden, erteilte der Strukturausschuss eine klare Absage. Die Bahn soll an den Verhandlungstisch

Wegen einiger Außentermine tagte der Kreis-Strukturausschuss am Montag ausnahmsweise im Gasthof Klement in Isen. Im Nebenzimmer ging es eng zu, weil nicht nur die Kreisräte hören wollten, wie sich die Bahn den Ausbau in Wasentegernbach vorstellt, sondern auch zahlreiche Bürger aus dem 300 Einwohner zählenden Dorfener Ortsteil. Der Landkreis ist involviert, weil es sich bei der Ortsdurchfahrt um eine Kreisstraße handelt.

Erst fünf Tage war es am Tag der Sitzung her, dass die DB Netze den Wasentegernbachern ihre Pläne für den zweigleisigen Ausbau durch den Ort vorgestellt hatte. Wie berichtet, gibt es sieben Varianten, die entweder eine Tieferlegung der Gleise oder aber der Straße vorsehen. Markus Baumann von der Bahn erklärte am Montag erneut: „Sicher ist nur, dass der höhengleiche, mit Schranken gesicherte Übergang weg muss.“ Dies sei eine klare Festlegung des Eisenbahnbundesamtes (EBA) und des Bundesverkehrsministeriums. Denn über 90 Prozent aller Schienenunfälle ereigneten sich hier.

Baumann wiederholte die Variante, die den Planern als die wirtschaftlichste erscheint: Die Straße durch den Ort wird über eine bis zu sieben Meter hohe Brücke über die dann zweigleisige Strecke München-Mühldorf geführt. Hinzu kämen meterhohe Lärmschutzwände. Wer was anderes wolle, müsse das bezahlen.

Für die 300 Bürger, aber auch den Stadtrat sowie Dorfens Bürgermeister Heinz Grundner ist diese Vorzugsvariante inakzeptabel. Denn Brücke und Wände würden das Dorf spalten.

Dieser Sichtweise schloss sich der Kreistag an. Dem einstimmigen Beschluss ging eine hitzige Debatte voraus. In dieser drohte das eigentliche Ziel, nämlich die Unterstützung der Wasentegernbacher, zeitweise aus dem Blickfeld zu geraten.

Horst Schmidt (SPD) und Hans Schreiner (FW) verlangten, dass noch nicht abgestimmt werde. „Wir haben zu wenig Information“, monierte Schreiner. „Wir konnten uns noch nicht komplett in die Thematik einlesen“, sekundierte Schmidt. Sie kritisierten Landrat Martin Bayerstorfer (CSU), dass sie erst der Ladung hätten entnehmen müssen, dass am 2. Mai eine Bürgerversammlung dazu stattfinde. Das sei zu kurzfristig gewesen.

Nicht nur Bayerstorfer, auch Franz Hofstetter und vor allem Grundner (alle CSU) appellierten, einen Beschluss zu fassen. Die Zeit dränge. Das bestätigte Baumann von der DB. „Es ist großer Druck in der Sache. Wir sind aufgefordert, alle Details zusammenzuführen, damit Ende 2018 das Planfeststellungsverfahren beim Eisenbahnbundesamt beantragt werden kann.“ Wasentegernbach sei einer der letzten offenen Punkte in der Ausbaustrecke (ABS) 38.

Als sich die Räte wieder auf eine Marschrichtung verständigt hatten, formulierte Bayerstorfer einen Beschlussvorschlag, der einstimmig angenommen wurde: Der Landkreis erteilt der Variante eine klare Absage und drängt auf eine Alternative mit einer abgesenkten Bahntrasse. In diesem Fall werde sich der Landkreis – wie im Eisenbahnkreuzungsgesetz vorgesehen – mit 33,3 Prozent an den Kosten beteiligen, neben DB und Bund. Die von der Bahn favorisierte Variante würde den Kreis etwa 2,5 Millionen Euro kosten. Eine vollständige Tieferlegung der Gleise, so Baumann, käme deutlich teurer – im Extremfall bis zu 30 Millionen Euro im Falle eines Bahn-Trogs. Der Beschluss fiel einstimmig aus.

Vor diesem Votum, das Bayerstorfer und Hofstetter mit dem eindringlichen Appell an die Bahn verbanden, „sofort wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren“, musste sich der Bahn-Vertreter geharnischte Kritik anhören. Er könne nicht erkennen, dass die Brücke die gesetzlich geforderte wirtschaftlichste Lösung sei, so Bayerstorfer. „Denn die Schutzgüter Mensch, Landschaft und Ortsbild werden nicht hinreichend berücksichtigt.“ Er stellte Blockade in Aussicht. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie hier einfach etwas bauen, immerhin handelt es sich um eine Straße des Landkreises.“

Besonders sauer stieß den Kreisräten auf, dass Baumann erklärt hatte, die Entscheidung über die Trasse könne schon in den nächsten Tagen fallen. Wenn aus Dorfen oder Erding nichts oder nur Ablehnung komme, werde es die große Brücke.

Schmidt betonte, diese Lösung sei „allenfalls die billigste, nicht die wirtschaftlichste“. Komme sie, wäre das der Super GAU, der Worst Case, ergänzte Grundner. Schmidt sprach von „Erpressung durch die Bahn“. Vize-Landrat Jakob Schwimmer (CSU) drohte: „Zur Not ziehen wir bis vors Verfassungsgericht. Denn so geht man im 21. Jahrhundert nicht mehr mit Bürgern um. Das war vielleicht einmal.“ Schwimmer unkte, ob vielleicht dieses Auftreten der Bahn der Grund sei, warum sie nicht weiterkomme. Er sprach von einem „unverschämten und bodenlosen Vorgehen“.

Franz Bauer, einer der Sprecher der Wasentegernbacher, verteilte ein zweiseitiges Schreiben, in dem er – wie eine Woche zuvor – vor den dramatischen Folgen der Zerschneidung der Ortschaft mit ihrer von Zusammenhalt geprägten Bürgerschaft warnte. Zudem wies er auf die Hochwassergefahr in diesem Bereich hin und auf die Funktion der Kreisstraße als Umfahrung für die B 15 in Dorfen.

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