Helfer der ersten Stunde: Georg Schwaiger will vor allem Kindern in Lindum eine Perspektive bieten.
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Helfer der ersten Stunde: Georg Schwaiger will vor allem Kindern in Lindum eine Perspektive bieten.

Neuer Fahrplan ab September

Dorfener Stadtbus fährt auch für Lindumer Flüchtlinge

Ein Runder Tisch einigt sich auf eine Busanbindung  der Dorfener Flüchtlingsunterkunft ab September. Das Internet-Problem ist aber  noch nicht gelöst.

Dorfen – Der Dorfener Stadtbus fährt ab September nachmittags auch nach Lindum. Damit rückt die Stadt für die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Ausflugsgaststätte etwas näher, und auch die Aktiven von der Flüchtlingshilfe atmen auf. Damit ist einer ihrer wichtigsten Wünsche in Erfüllung gegangen. Möglich wurde das durch einen Runden Tisch in der vergangenen Woche im Rathaus. Vertreter der Regierung von Oberbayern, von Stadt und Flüchtlingshilfe saßen beieinander. Einen Internetanschluss für die Unterkunft gibt es aber noch nicht.

Die Online-Verbindung wäre aber gerade für die Kinder in der Corona-Zeit so wichtig für das Homeschooling gewesen. So wurden sie abgehängt. „Wir suchen nach Lösungen“, verspricht Heinz Grundner, auch wenn die Stadt eigentlich gar nicht zuständig sei. „Wir wollen ja alle, dass sich die Flüchtlinge besser eingliedern“, so der Bürgermeister. Die Flüchtlingshilfe will zudem Spenden sammeln.

Die Pandemie traf die Flüchtlinge in Lindum hart. Die ehrenamtlichen Helfer dürfen bis heute nicht in die Unterkunft, selbst dem Sozialarbeiter wurde der Zutritt weit über den Lockdown hinaus verweigert. „Wir wissen nicht, wie es den Flüchtlingen geht, können nur sporadisch Kontakt am Telefon halten“, berichtet Franz Leutner, Vorsitzender der Dorfener Flüchtlingshilfe.

„Die Flüchtlinge haben keine Handyverträge, sondern Prepaid-Karten. Doch die sind schnell abtelefoniert“, erklärt Georg Schwaiger, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer in Lindum. So konnten sie wichtige Informationen, etwa über den Pandemieverlauf oder die Zahl der Infektionen, nicht in ihrer Sprache im Internet abrufen.

Gerade geflüchtete Kinder brauchen viel Unterstützung beim Lernen. Sie sind oft durch die Flucht traumatisiert und erfassen Lerninhalte oft langsamer. „Die Mütter sprechen die deutsche Sprache noch nicht. Wie also sollen sie ihrem Nachwuchs lesen oder schreiben beibringen?“, fragt Schwaiger.

Homeschooling war jedenfalls nicht möglich. Arbeitsblätter konnten nicht ausgedruckt werden, und mit den Hausaufgaben waren die Flüchtlingskinder schlichtweg überfordert. Dennoch ist die Regierung Oberbayern nicht bereit, in Wlan für Lindum zu investieren. Das Problem: Der ehemalige Gasthof Stiller ist verwinkelt, die Installationskosten liegen bei 3000 Euro.

Immerhin soll es nun die Busverbindung geben. Daher ist Michaela Meister, SPD-Stadträtin und Mitglied der Dorfener Flüchtlingshilfe, mit dem Runden Tisch sehr zufrieden: „Die Stadt will sich um eine Busverbindung zwischen Dorfen und Lindum kümmern“, freut sich Meister. „Das ist eine enorme Erleichterung.“

Auf Wohnungssuche: Die Familie müsste nicht mehr im Wailtl-Keller leben. Doch Wohnraum ist knapp.

In einem Pilotprojekt wird der Stadtbus ab September auch am Nachmittag nach Lindum fahren. Auch für die Helfer ist es eine Entlastung, wenn sie Fahrten zwischen Dorfen und der Unterkunft nicht mehr selbst stemmen müssen.

In Dorfen funktioniert der Helferkreis noch. Doch viele Flüchtlingshelfer sind mittlerweile selbst am Limit. „Ich setze mich weiter für die Flüchtlinge in Lindum ein, keine Frage – doch ich überlege mir vorher genau, für wen es sich lohnt“, meint Schwaiger. Für ihn „lohne“ sich das Engagement immer dann, wenn es um Familien mit Kindern gehe.

Schwaiger ist ehemaliger Landwirt und mittlerweile Privatier. Er kommt aus Lindum und wollte vor vier Jahren ein Zeichen setzen, als der ehemalige Gasthof Stiller zur Flüchtlingsunterkunft wurde. „Was ich damals alles so am Stammtisch gehört habe – da wollte ich auch gegen Vorurteile angehen.“

Aus zwei Stunden ehrenamtlicher Arbeit wurden schnell zwei Tage die Woche. Schwaiger hat sich die Familiengeschichten der Flüchtlinge durchgelesen, sich ein eigenes Bild gemacht. Der Lindumer begleitet seine Schützlinge nach München oder Landshut, unterstützt sie bei rechtlichen Fragen oder Asylanträgen.

Für ihn ist es wichtig, dass die Geflüchteten auch eine Perspektive in ihrer neuen Heimat haben. „Und eine eigene Wohnung – doch das ist nicht so einfach. Wer vermietet schon an eine alleinerziehende Frau mit vier Kindern?“, sagt Schwaiger.

Wohnraum ist in Dorfen ohnehin knapp. Auch Elisabeth Waxenberger sorgt sich um die Unterbringung der Flüchtlinge. Seit Jahren betreut die ehemalige Lehrerin eine Familie, die derzeit noch im Wailtl-Keller wohnt. „Für die Mutter und ihre Kinder wäre es eine riesige Erleichterung, wenn sich ein Vermieter finden würde“, sagt die Dorfenerin.

Im Moment lebt die fünfköpfige Familie in einem einzigen Raum. Das Schicksal der Frau und ihrer vier Kinder liegt Waxenberger am Herzen. „Die Frau kommt aus Eritrea“, erzählt die pensionierte Lehrerin. Sie sei übers Mittelmeer geflohen, ihre Kinder habe sie zunächst zurücklassen müssen. „Die Flucht war zu gefährlich, aber ebenso das Leben in Eritrea.“ Über drei Jahre habe es gedauert, bis die Familie wieder vereint war. Einen Job hatte die Frau auch schon: „Doch dann kam Corona, und ihr wurde gekündigt.“

Auch im Wailtl-Keller war Homeschooling schwierig, berichtet Waxenberger. „Immer wieder brach die Leitung zusammen. Und wie soll konzentriertes Lernen und Hausaufgaben machen für die Kinder in diesen beengten Verhältnissen möglich sein?“ Dem Rektor der Grundschule seien zudem die Hände gebunden gewesen, erzählt Waxenberger. Es sei ihm nicht erlaubt gewesen, die Flüchtlingskinder während der Corona-Krise in die Notbetreuung zu nehmen.

Da sei nun Handeln seitens der Politik gefragt, fordert die Helferin. „Grundschulkinder ohne familiären Bildungshintergrund brauchen eine persönliche Betreuung durch die Schule. Was, wenn eine neue Corona-Welle anrollt?“

Michaele Heske

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