Im Haus der Hoffnung: Petra Meyringer, Henriette Sporer, Sonja Leukel, Wolfgang Fischer, Marion Schwager und Harry Hainz (v. l.) leben gemeinsam in einer integrativen Wohn- und Lebensgemeinschaft für Menschen mit und ohne Handicap. Foto: Lang

Leserhilfswerk Licht in die Herzen

Eigenständiges Leben im Haus der Hoffnung

Heldering - Harry Hainz war ein sportlicher Typ. Dreimal in der Woche ging er ins Fitness-Studio. Im Winter war er Skifahren, im Sommer liebte er Radfahren und er war ein leidenschaftlicher Tänzer. „Heute bin ich froh, wenn ich von Heldering nach Taufkirchen komme“, sagt er. Harry Hainz sitzt seit fünf Jahren im Rollstuhl.

Seine Muskeln lassen immer mehr nach. Zu viel Sport treiben wäre für ihn sogar kontraproduktiv. Sein Körper würde überhitzen und die Entzündungen damit verstärken. Eine Verschlechterung seines Zustandes wäre die Folge. Hainz hat seit seinem 27. Lebensjahr Multiple Sklerose. Heute ist er 56. Schwäche bis Lähmung der Muskulatur sind typische MS-Erscheinungen. Die Nervenleitungen sind unterbrochen. Spasmen und Schmerzen die Regel. Aber der geborene Münchner, der früher in Inning und seit zwei Jahren in der Wohngemeinschaft „Lebens(t)raum“ in Heldering lebt, jammert nicht.

Vor fünf Jahren hatte der 56-Jährige noch einen Heimarbeitsplatz, von dem aus er für seine ehemalige Firma tätig war. Er fertigte hochkomplizierte Elektroplanungen für Klimatechnik. Heute recherchiert und spielt er die meiste Zeit am Computer. Hainz ist froh, dass er nicht alleine ist, dass er in der WG Menschen hat, die sich in ihn hineinfühlen können, mit denen er reden, essen und sich auch mal hackeln kann. Zehn Personen leben in dem Anwesen in Heldering, dessen Grund und Boden von der Stiftung Trias erworben und dem Verein „Lebens(t)raum“ auf Erbpacht überlassen wurde. Nur 30 Mitglieder gibt es. Das Gebäude und den barrierefreien Umbau hat der Verein bezahlt. Eine knappe Million Euro hat das verschlungen. Finanziert wird das Ganze über die Miete.

Möglichst lange eigenständig leben

600 Euro für eine 40 Quadratmeter Wohnung sind hier beispielsweise zu bezahlen. Darin enthalten sind 160 Euro pauschal für die Gemeinschaftsräume und die Nebenkosten. Hier zu wohnen ist also nicht gerade billig. Besonders wenn man nur über eine Rente von 900 Euro verfügt, wie Sonja Leukel. Acht Menschen mit Handicap, ein Querschnittsgelähmter, eine Frau mit Wirbelsäulenversteifung und sechs MS-Patienten wohnen hier mit zwei gesunden Mitbewohnern. Ihr Ziel ist es, möglichst lange eigenständig zu leben, trotz ihrer körperlichen Einschränkungen. Für manche ist die Gemeinschaft sogar Familienersatz, denn sie wohnen viele Kilometer von zuhause entfernt, weil es kaum solche Einrichtungen gibt. Ziel des Projektes ist es zudem, sich gegenseitig zu unterstützen.

Im Alltag bedeutet dies, dass man sich ein paar Mal am Tag trifft, etwa zum Essen oder Kartenspielen. Am Frühstück können Hainz und Leukel nicht teilnehmen, weil zu dieser Zeit ihr Pflegedienst kommt. Für beide ist das kein Problem. Denn sie genießen es, wenn die Pfleger sich Zeit für sie nehmen – eine halbe Stunde am Tag. Beim gemeinsamen Kochen ist Hainz immer dabei, als Vorkoster – mehr geht nicht mehr. Weil seine Mitbewohner gerne Gemüse kochen und er ein Fleischesser ist, freut er sich auf jeden Donnerstag. Da gibt es Hausmannskost. Auch Nachbarin Rosi Lechner bringt gelegentlich Deftiges vorbei. Sie hilft auch mit im Haushalt, übernimmt den Einkauf oder das Rasenmähen – „was wir körperlich nicht mehr schaffen“, erklärt Petra Meyringer. Vieles macht Lechner ehrenamtlich, aber sie wird auch teilweise für ihre Arbeit bezahlt. Lechner ist die Frau für die Notfälle. Manchmal wird sie von den „Lebens(t)raum“-Bewohnern zum Abendessen eingeladen und sie darf ihren Pool mitbenutzen.

Die WG wünscht sich einen Aufsitzrasenmäher mit Räumschild, um einerseits Ausgaben für Rasenmähen und Schneeschippen zu sparen. Andererseits könnte der eine oder andere Bewohner, der den Rasenmäher noch bedienen kann, sich damit einer sinnvollen Tätigkeit widmen. Freuen würden sie sich auch, wenn ein Verein sie mal auf einen Ausflug mitnehmen würde, weil das mit Rollstuhlfahrern gar nicht so einfach ist.

Ein Gefühl der Ausgrenzung

Hainz schätzt seine Mitbewohner, ihre Lebensfreude und sein eigenständiges Leben. Das Schlimmste an seiner Krankheit ist für ihn, dass er sich nicht mehr vernünftig artikulieren und nicht mehr laufen kann. Deshalb fühlt er sich von der Gesellschaft mitunter ausgegrenzt. Manchmal hadert er mit seinem Schicksal. Seine Ehe ist an der Erkrankung zerbrochen. Wenigstens besuchen ihn seine Tochter und die beiden Enkelkinder, die in Inning leben, alle zwei bis drei Wochen. Es schmerzt ihn, dass er mit ihnen nicht mehr unternehmen kann, aber damit will er sie nicht belasten. Deshalb setzt er sein strahlendes Lachen auf – und macht wieder einmal gute Miene zum bösen Spiel.

Das Bayerische Fernsehen hat den Werdegang des „Lebens(t)raum e.V.“ über Jahre begleitet. Die Dokumentation „Ein Haus der Hoffnung“ wird am Sonntag, 20. Dezember, um 16 Uhr im BR ausgestrahlt. Weitere Infos unter www.lebenstraum-web.de.

Das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger unterstützt den Verein „Lebens(t)raum“ Menschen wie Harry Heinz. Spenden sind auf Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54700519950000017111. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf der Überweisung. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer eine Veröffentlichung nicht wünscht, vermerkt es bitte ebenfalls auf der Überweisung.

Birgit Lang

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neue Sozialpädagogin setzt auf Prävention
Der Markt Isen baut seine Jugendarbeit aus. Die neue Sozialpädagogin Michaela Lehner soll sich aber nicht nur um die Schüler kümmern.
Neue Sozialpädagogin setzt auf Prävention
Wetters Segen für den Schutz der Mutter Gottes
Der Mai ist die Zeit der besonderen Marienverehrung. Gläubige versammeln sich jetzt allerorten in christlicher Tradition zu Maiandachten. Eine ganz besondere Maiandacht …
Wetters Segen für den Schutz der Mutter Gottes
Schmid will 50 000 Euro Schadenersatz
Erding - Der Streit zwischen Schwenkgrill-Betreiber Sascha Schmid und dem Verschönerungsverein Erding geht in die nächste Runde. Schmid hatte geklagt, weil er mit seinem …
Schmid will 50 000 Euro Schadenersatz
Schaulaufen der Wirtschaft
Erding - Premiere in Erding: Erstmals finden die Gewerbetage in der Altstadt statt. Am Samstag und Sonntag steht auf dem Schrannenplatz und in der Langen Zeile alles im …
Schaulaufen der Wirtschaft

Kommentare