Drehorgelmann Winfried Klein

Ein Leben im Takt der Handkurbel

Musiker mit Leib und Seele ist Winfried Klein. Sein gesamtes Arbeitsleben war er als studierter Kirchenmusiker tätig. Erst ein gebrochener Finger beendete die Karriere des Iseners und führte zu einer Existenzgründung in der Herstellung von Drehorgelliedern. Die ganze Familie ist daran beteiligt.

VON GERDA UND PETER GEBEL

Isen– Seine erste Begegnung mit einer Drehorgel hatte Klein als Kind beim Besuch des Freizeitparks Phantasialand in Brühl. „Das hat mich damals schwer beeindruckt“, erzählt der gebürtige Rheinländer. Sein Vater war gelernter Schreiner und nebenher als Kirchenorganist tätig. Sohn Winfried wählte die Kirchenmusik als Profession und studierte dabei neben dem Orgel- und Klavierspiel auch Gesang, Chorleitung und Komposition.

Den Beruf übte der heute 65-jährige 30 Jahre lang mit Begeisterung an diversen bayerischen Kirchen aus, bis ein gebrochener Finger ihn ausbremste. „Trotz einer Operation konnte ich anschließend drei Finger nicht mehr richtig abbiegen, was mich dann beim Orgelspiel stark beeinträchtigte“, erinnert sich der Musiker.

Für die Drehorgeln hatte sich inzwischen sein Vater Reiner erwärmt, der für seinen Ruhestand eine Beschäftigung suchte. Das nötige Wissen eignete sich der gelernte Schreiner nach dem Prinzip „Learning by doing“ an. Im Laufe von 18 Jahren baute der Senior 20 Drehorgeln, die er im Familienkreis verschenkte.

Auch Sohn Winfried bekam 1995 eine der väterlichen Drehorgeln übereignet. Schnell reichten ihm die bereits vorhandenen Musikstücke für das Instrument nicht mehr aus, und er begann, neue Lieder für die Drehorgel zu arrangieren. Die Herausforderung dabei ist der geringe Tonumfang der Drehorgel, bei der viele der für ein Lied erforderlichen Töne nicht zur Verfügung stehen. Hier ist der Fachmann gefragt, der mit geschickten Anpassungen eine möglichst ähnliche Klangweise an der Drehorgel herstellt.

Mühsamer war die Umsetzung der Noten auf das Lochband, das dann in die Drehorgel eingelegt wird. Zuerst wurde eine Vorlage für die Position der Löcher gezeichnet, dann wurden die Löcher von Hand mit einem Stanzeisen und einem Hammer in den Papierstreifen geklopft. „Da sind wir oft Nächte lang gesessen beim Stanzen“ erinnert sich Elisabeth Wolf, die mit Winfried Klein seit fünf Jahren in Isen lebt.

Die 62-jährige Wienerin arbeitet als Verwaltungsangestellte in München und unterstützte das Drehorgel-Hobby ihres Partners von Beginn an. Kennengelernt haben sich die beiden vor 20 Jahren bei einem Tanzkurs für Singles in der Erdinger Volkshochschule. Dem gemeinsamen Anfängerkurs folgten viele weitere, die das Paar bis zum goldenen Tanzabzeichen führten. „Das Tanzen ist eine geniale Kombination aus Musik, Bewegung, Konzentration und Partnerschaft“, schwärmt Winfried Klein und bedauert, dass im Moment wenig Zeit ist für die gemeinsame Leidenschaft.

Aus seiner früheren Ehe hat Klein vier Kinder und neun Enkel, Nummer zehn ist bereits unterwegs. Auch seine Partnerin hat zwei eigene Kinder und fünf Enkel aufzuweisen.

Das Handstanzen der Liederrollen wurde schon bald überflüssig durch den Einsatz einer alten Pfaff-Nähmaschine. „Hier hat mein Vater die Nadel durch einen kleinen Stanzbolzen ersetzt, der die Löcher schneller und präziser stanzen konnte“, berichtet Klein stolz. Damit die Löcher an die richtige Stelle kamen, befand sich darunter ein Raster, die Stanzung wurde mit einem Handhebel ausgelöst.

Die nächste Verbesserung stellte der Einsatz eines Kompressors dar, wodurch die Nähmaschine mit einem Fußpedal bedient werden konnte. Der Durchbruch gelang jedoch erst Kleins Sohn Jakob (34), der Informatik studierte. Er entwickelte für den Vater eine eigene Software für eine computergesteuerte Stanzmaschine, die genau auf seine Bedürfnisse abgestimmt wurde.

„Damit brauche ich die Papierrolle nur noch einzuspannen, und die Maschine stanzt die Löcher in 30 bis 60 Minuten, je nach Länge und Aufwand der Lieder, ganz allein“, freut sich der Musiker.

Neben seinem Hauptberuf als Kirchenmusiker widmete er sich der Erstellung von Lochbändern für Drehorgellieder für den Eigengebrauch und auch für befreundete Drehorgelspieler. Erst als seine Fingerverletzung ihn zur Aufgabe der Kirchenmusik zwang, entschied sich Klein vor etwa zehn Jahren, das Hobby zum Beruf zu machen.

„Ich wollte nicht arbeitslos sein, da wurde ich lieber zum Existenzgründer und meldete ein Gewerbe als „Drehorgelliederstanzer“ an. Dieser eher seltene Beruf war dem zuständigen Beamten wohl unbekannt, denn er machte daraus einen „Drehorgellederstanzer“.

Die Geschäftsidee umfasst die Stanzung von Musikstücken aller Art für das jeweilige Instrument des Kunden, der diese aus einer umfangreichen Liste wählen kann. Ist das Lied nicht aufgeführt, wird es zuerst eigens für die Drehorgel arrangiert und anschließend auf die Papierrolle gestanzt.

Kleins Repertoire wird dadurch immer größer, es umfasst klassische Musik, Kirchenlieder, Hymnen und Kinderlieder, aber auch zahlreiche Schlager und Oldies. Möchte der Kunde sein Musikstück exklusiv verwenden und gestattet keine weitere Nutzung, wird es natürlich teurer.

Absoluter Bestseller in der Verkaufsstatistik ist der Song „Marina“ von Rocco Granata, der ab 33 Euro zu haben ist. Die Drehorgeln von Winfried Klein sind nicht nur im heimischen Wohnzimmer in Betrieb. Zusammen mit seiner Partnerin Elisabeth spielt er häufig bei Konzerten, Weihnachtsmärkten oder auch bei großen Drehorgeltreffen in Berlin, Leipzig oder Wien.

„Da freuen wir uns immer, wenn wir wieder alte Bekannte sehen“, erzählt die 62-Jährige mit leuchtenden Augen. Auch für Klein sind das gemeinsame Musizieren und der Erfahrungsaustausch ein Erlebnis, das er nicht missen möchte. Doch auch im kleineren Kreis ist das Drehorgel-Duo oft zu hören. Häufig wird es gebucht für Kindergeburtstage, Jubiläen, Hochzeiten oder andere Veranstaltungen.

Extra für seine Partnerin hat Klein auch sein erstes Lied selbst arrangiert. „Hör mein Lied, Elisabeth“ wurde damals noch von einem Kollegen gestanzt. Nicht fehlen dürfen dabei die beiden Plüschaffen Rudi und Trudi, die auf der Drehorgel sitzen. Trudi betätigt sogar eine kleine Miniatur-Drehorgel, die aber nur als Spendenbox dient. „Die Leute möchten oft eine Spende einwerfen, beinahe hätten sie die Münzen schon in den Pfeifenschlitz eingeworfen“, berichtet die Drehorgelfrau schmunzelnd.

Für die Auftritte wirft sich Klein ganz stilecht in Frack und Zylinder. Diese formelle Kleidung tragen viele Drehorgelspieler, um sich von dem früheren Bettler-Image abzuheben.

Ein besonderes Highlight war für Klein der Auftrag, die Titelmelodie der Fernsehserie „Lindenstraße“ für Drehorgel zu arrangieren. Die Uraufführung in Speyer bei einer Jubiläumsfeier für die Serie begeisterte das gesamte Fernsehteam. „Ich durfte Mutter Beimer beim Kurbeln an der Drehorgel die Hand führen“, erzählt er lachend.

Für sein Gewerbe nutzt Winfried Klein diverse Räume im Isener Haus. Die Drehorgeln stehen im Wohnzimmer, das Büro mit Computer und angeschlossenem Keyboard befindet sich im ersten Stock und die Werkstatt mit der Stanzmaschine im Keller. „Da habe ich täglich eine Sporteinheit, denn 30 bis 40 Mal laufe ich sicher täglich vom Büro in den Keller“, erklärt der vielseitige Geschäftsmann. Seine Bänder verkauft er in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch in Kanada, Mexiko und Israel spielen seine Kunden die Drehorgellieder aus Isen.

Kleins Lieblingslied an der Drehorgel ist der Song „What a wonderful world“ von Louis Armstrong. Als bekennender Ferrari-Fan spielte Klein früher gern bei einem Formel-1-Sieg von Michael Schumacher die italienische Nationalhymne. Auch die Hymne des FC Bayern ist bei ihm öfter zu hören.

Besondere Freude macht ihm die Aufführung von Kindermusicals wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“ oder „Der Regenbogenfisch“, für die er die Musik für die Drehorgel arrangiert und auch mit seiner volltönenden Stimme vorträgt. „Das  ist das Schönste, wenn die Kinder dann voller Begeisterung mitgehen, manche bleiben gleich sitzen und schauen sich die Aufführung noch ein paar Mal an“, freut sich der Musiker über seine faszinierte Zuhörerschaft. Zum Einsatz kommt hier übrigens ein Beamer, der die Buchseiten als Bilderbuchkino an die Wand wirft, oder ein japanisches Kamishibai-Erzähltheater mit austauschbaren Bildtafeln.

Ein Leben ohne Musik können sich Winfried Klein und seine Lebensgefährtin Elisabeth Wolf nicht vorstellen. Sie sind sich einig mit Rainhard Fendrich und seiner Erkenntnis „Musik ist ein wichtiges Lebensmittel“.

Drehorgel-Treff in Isen:

Drehorgel-Lieder live erleben können Interessenten beim jährlichen Treffen der „Drehorgelfreunde aus dem bayerischen In- und Ausland“, das Winfried Klein organisiert. Sie gestalten am Samstag, 9. Februar, die Vorabendmesse um 16 Uhr in der Pfarrkirche St. Zeno. Anschließend wird im Gasthof Klement eine kleine Serenade gespielt und eifrig gefachsimpelt. Interessierte Besucher sind dazu herzlich willkommen und dürfen die Instrumente auch ausprobieren.

Informationen zu Drehorgeltreffen, Musikauswahl, Drehorgeln und Zubehör findet man auf der Homepage von Winfried Klein unter www.drehorgellieder.de.

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