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Sie kämpfen für ihre Familie: Patricia Blum und Jörg E. Auf dem Bildschirm im Hintergrund ist die Webseite „Freiheit für Victoria“ zu sehen.

Verzweifelter Kampf um Tochter

Schmaler Grat zwischen Liebe und Missbrauch

Dorfen - Als die geistig behinderte Victoria, 25, Mutter wird, kommt das Kind in Pflege und sie selbst in ein Heim. Die junge Frau sei sexuell missbraucht worden, glauben die Richter. Ihre Mutter aber verteidigt die Liebe ihrer Tochter zu einem älteren Mann - und kämpft entschlossen.

Victoria ist eine junge Frau, und sie hat eine bewegende Geschichte. Es geht darin um Liebe, um ein Kind, um einen verzweifelten Kampf. Es geht um die Frage, ob geistig behinderte Menschen ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung haben. Und darum, wann sie beschützt werden müssen. Darüber gibt es Streit, und beide Seiten sind sich sicher, dass sie das Beste für Victoria tun. Auch deshalb ist die Geschichte von Victoria eine tragische Geschichte.

Victoria ist 25 Jahre alt und von Geburt an geistig behindert. Ein Gutachten attestiert ihr „umfassenden Betreuungsbedarf“ und „umfassende Geschäftsunfähigkeit“. 2010 wurde sie schwanger, von einem viel älteren, nicht-behinderten Mann. Sohn Felix (Name geändert) kam gesund zur Welt. Doch er darf nicht bei seinen Eltern aufwachsen. Denn die Richter und Behörden glauben, Victorias Schwangerschaft rühre vom „sexuellen Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person“ her.

Jörg E. mit Victoria

Victoria wurde noch in der Schwangerschaft auf gerichtliche Anordnung hin aus der Obhut ihrer Mutter genommen. Sie lebt seither im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder in Algasing im oberbayerischen Dorfen. Dort wurde Felix geboren, er ist jetzt anderthalb Jahre alt. Er kam nach der Geburt auf Anordnung des Amtsgerichts Erding zu einer anonymen Pflegefamilie. Der Antrag des Vaters Jörg E. auf das Sorgerecht wurde abgelehnt – wegen des damals gegen ihn laufenden Verfahrens: möglicher sexueller Missbrauch.

Patricia Blum, 53, die Mutter von Victoria, glaubt dagegen an die Liebe ihrer Tochter zu Jörg E. Der Vater von Felix ist inzwischen 73 Jahre alt. Er lebte schon Jahre vor der Schwangerschaft gemeinsam mit Victoria und deren Mutter unter einem Dach. Nun kämpfen Blum und Jörg E. – um die „Freiheit“ von Victoria und Felix. Vor Gericht, mit Behörden – und im Internet. Mit der Webseite www.freiheit-fuer-victoria.de will Patricia Blum Öffentlichkeit schaffen und die Zusammenführung der Familie vorantreiben. Sie sagt: „Wir sind in die Fänge einer unbarmherzigen und familienverachtenden Justiz geraten.“

Anders sieht das der gerichtlich bestellte Betreuer von Victoria, Diplom-Sozialpädagoge Andreas Meier aus Erding. Für ihn ist das Problem „ein ganz besonderes“. Das Vorgehen von Gericht und Jugendamt hält er für uneingeschränkt richtig. Da der Verdacht auf sexuellen Missbrauch und „viele weitere Ungereimtheiten“ bestünden, hätte der Richter nicht anders handeln können, als Victoria aus ihrer Familie herauszulösen. Weil zudem klar sei, dass Victorias Mutter die Beziehung ihrer Tochter zu Jörg E. nicht unterbinden werde, könne Victoria nicht nach Hause zurück. Victoria sei wegen ihrer Behinderung „manipulierbar“. Dass sich Jörg E. als Victorias Verlobter sieht, hält Meier für ein Unding. Victoria sei zivilrechtlich gesehen vollkommen geschäftsunfähig. Rechtserklärungen von ihr hätten keine Wirkung. Meier: „Mein Eindruck ist, dass er eher eine Art Onkel-Rolle besetzt.“

Victoria kam 1987 in Karlsruhe zur Welt. Bei der Geburt gab es Komplikationen. Dass Victoria geistig behindert ist, war erst nach zwei Jahren klar. Mutter Patricia Blum, eine freischaffende Künstlerin, hatte da schon ihr zweites Kind, 1997 kam das dritte. Die Erinnerung daran, was folgte, treibt ihr Tränen in die Augen.

Blums damaliger Ehemann wollte Victoria im Heim unterbringen. Dagegen wehrte sich die Mutter. Die Ehe zerbrach. 2002 zog Blum mit ihren Kindern nach Bayern. Victoria besuchte Schulen und Behinderteneinrichtungen, ihre Mutter betreute sie. 2009 fand Patricia Blum für sie einen Platz in der Lebensgemeinschaft Höhenberg bei Velden im Kreis Landshut. Sie zog in die Nähe der Einrichtung. Hier sollte Victoria eine Ausbildung machen. Dann wurde ihre Tochter schwanger. Es sind die Umstände, die zur Schwangerschaft führten, die die Richter und Sozialarbeiter umtreiben – und bis heute an einen Missbrauch glauben lassen.

Blum erzählt indes eine Liebesgeschichte. Kennengelernt hätten sich Victoria und Jörg E. schon im Dezember 2003 – „als er als mein Freund in die Familie eintrat“. Patricia Blum und er waren ein Paar. Von Anfang an habe Jörg E. Victorias Interesse geweckt, da er sie „als einen ganz normalen Menschen betrachtet und behandelt“ habe. Doch die Beziehung von Jörg E. zu Victorias Mutter kühlte ab. Was blieb, nennt Blum eine „wunderbare Freundschaft“. Beide leben aus wirtschaftlichen Gründen bis heute in einer Wohngemeinschaft zusammen. Als Patricia Blum im Herbst 2009 einen neuen Verehrer kennenlernte, gestand ihr Jörg E. „die heimliche Liebe zu meiner Tochter“. Blum war erst schockiert. „Es gab Turbulenzen“, sagt sie. Dann habe sie erkannt, „wie verrückt glücklich doch diese beiden sind“.

Verrückt glücklich? Außenstehende fragten sich eher, was einen über 70-jährigen Mann dazu veranlasst, ein Verhältnis mit einer so jungen, geistig behinderten Frau zu unterhalten – und mit ihr ein Kind zu zeugen. Jörg E. war früher Flugkapitän, sagt er, hat zwei Söhne. Einer starb bei einem Unfall. Seine Ehe ist schon lange zerbrochen. Für ihn ist die Beziehung zu Victoria etwas ganz Gewöhnliches: „Es ist Liebe“, beteuert er. „Ich erlag Victorias natürlichem Charme und ihrer fröhlichen Ausstrahlung.“ Er wolle Victoria heiraten. Was er nicht versteht: „Wer nimmt sich das Recht heraus zu bestimmen, wer wen und wann und wo zu lieben hat?“

Doch der Fall ist nicht einfach. Selbst der Anwalt von Patricia Blum, Markus Schwarz von der renommierten Münchner Kanzlei Bossi & Ziegert, sagt: „Es gibt in diesen Fällen selten ein eindeutiges Richtig oder Falsch.“ Das zeigt auch der Rechtsstreit um Victorias Liebe. 2009, Monate vor der Schwangerschaft, hatte die Staatsanwaltschaft München II noch ein Verfahren gegen Jörg E. eingestellt. Ein Nachbar hatte ihn wegen sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen angezeigt. Der Staatsanwalt kam allerdings zum Schluss, dass Victoria trotz ihrer Behinderung in der Lage sei, „einen etwaig irgendwelchen (sexuellen) Handlungen entgegenstehenden Willen klar und deutlich zu äußern“. Anders gesagt: Victoria könne „Nein“ sagen.

Während der Schwangerschaft gab es ein zweites Verfahren – diesmal gegen Jörg E. und Patricia Blum. Ausgelöst hatte es der Arzt, der Victoria behandelte. Wieder gab es Gutachten, das Verfahren zog sich. Im September 2012, da war Felix längst geboren, befand das Landgericht Traunstein, dass bei Victoria „nach Aktenlage dennoch derzeit von Widerstandsunfähigkeit auszugehen“ sei. Das Verfahren gegen Jörg E. wurde aber eingestellt. Das Gericht urteilte, dass Jörg E. auf die Bewertung der Staatsanwaltschaft München II „grundsätzlich vertrauen“ konnte. Dennoch verlangte es, dass er zu Victoria keinen sexuellen Kontakt mehr aufnehmen dürfe.

Ein erstes Wiedersehen nach zwei Jahren zwischen Victoria und ihrem Verlobten fand vor einigen Wochen beim Herbstfest der Barmherzigen Brüder statt, bei denen Victoria lebt. Victorias Mutter nahm Jörg E. mit zum öffentlichen Fest. Über die Folgen des Treffens gibt es völlig unterschiedliche Aussagen. Patricia Blum und Jörg E. berichten von einem „herzlichen Wiedersehen“, das Victoria sehr bewegt und gefreut habe. Die 25-Jährige, die seit der Unterbringung in Algasing „ein Häuflein Elend“ sei, habe „sehr, sehr glücklich“ gewirkt.

Anders sieht das Andreas Meier, Victorias Betreuer. Das Treffen habe bei Victoria zu „einer erheblichen Verstörung“ geführt, „die nur medikamentös in den Griff zu bekommen war“. Er hat wegen der – verbotenen – Kontaktaufnahme sowohl Victorias Mutter als auch Jörg E. nunmehr ein unbefristetes Umgangsverbot erteilt.

Blum glaubt, die Medikamenten-Gabe habe „Methode“. Wenn Victoria gegen ihre verzweifelte Situation Widerstand zeige, wenn sie klar ihren Willen äußere, nach Hause zu wollen, deute man das als „Trotzreaktion“ und gebe ihrer Tochter Psychopharmaka. Blum rügt auch, dass Victoria nach der Geburt ihres Sohnes gegen ihren Willen vom Arzt eine Spirale eingesetzt worden sei. Blum ist empört: Sie verweist auf das Grundgesetz, nach dem geistig Behinderte Nicht-Behinderten gleichgestellt sind. „Victoria hat das gleiche Recht auf Liebe und Familienglück wie alle anderen Menschen auch. Wir wollen als Familie zusammenleben – Victoria, ihr Verlobter, Felix und ich.“

Dass Victoria mit ihrem Sohn Felix wieder zu ihrer Mutter zurückkommt, ist das erste Ziel von Blums Anwalt Schwarz. Jugendamt und Gericht seien „weit über das Ziel hinausgeschossen“. Victoria habe immer wieder, das zeigten auch Gutachten, den Wunsch geäußert, nach Hause zu dürfen. Dass die 25-Jährige dann wieder mit Jörg E. zusammenleben könnte, sei erst nachrangig zu sehen. Im Kern stellt sich für den Anwalt die Frage, ob man einer geistig behinderten Frau die selbstbestimmte Sexualität als Menschenrecht aberkennen dürfe. „Entscheidend ist doch, was Victoria will“, sagt Schwarz.

Für Betreuer Meier steht derweil außer Zweifel, dass es Victoria in der Behinderteneinrichtung gutgeht. Sie sei „sehr fröhlich“ in Algasing. „Sie hat sich gut eingelebt, entwickelt sich, nimmt am Gruppengeschehen teil.“ Den Vorwurf, dass Victoria mit Psychopharmaka ruhiggestellt werde, will er nicht pauschal gelten lassen. „Es gibt eine Bedarfsmedikation bei außergewöhnlichen Situationen“, sagt er.

Die Spirale sei Victoria auf Rat von Frauenärzten eingesetzt worden. Da weitere Sexualkontakte nicht auszuschließen seien, „will ich ihr eine zweite Schwangerschaft gerne ersparen, weil eine Geburt aus ärztlicher Sicht nur als Kaiserschnitt erfolgen kann“. Somit sei durch eine Schwangerschaft „auch immer eine Gefährdung gegeben“. Überdies sei von Mutterglück bei Victoria nicht viel zu merken. Bei den Treffen mit ihrem Sohn spiele sie mal mit ihm, mal nicht. „Der Kontakt ist viel wichtiger für ihren Sohn Felix.“

Hans Emmert, Geschäftsführer der Barmherzige Brüder gemeinnützige Kinderhilfe GmbH, äußert sich aus rechtlichen Gründen nur allgemein. „Eine Einrichtung behinderter Menschen ist zur Hilfestellung, Unterstützung und Förderung ihrer Bewohner im alltäglichen Leben befugt“, sagte er unserer Zeitung. „Bei Fragen der Aufenthaltsbestimmung, des Besuchsverbots und höchstpersönlichen Lebensbereichs der Bewohner hat die Einrichtung keine Entscheidungsbefugnisse.“ Dafür seien vielmehr Gerichte, gesetzliche Betreuer und unabhängige Ärzte zuständig. Ärztlich verordnete Medikamente müsse das Heim aber verabreichen.

Patricia Blum hat dafür kein Verständnis – auch nicht dafür, dass das Amtsgericht Erding weder Vater noch Großmutter als geeignet für die Erziehung von Felix hält: „Es bleibt der Verdacht, dass hier ein Richter mit unzeitgemäßen Moralvorstellungen ein Exempel statuieren will.“ Der Richter habe bei einer Anhörung von Patricia Blum während der Schwangerschaft Victorias getobt und „Schweinerei“ geschrien – Jörg E. bestätigt das.

Richter Wolfgang Grimm will sich wegen Datenschutzes nur knapp zum Fall Victorias äußern. Da gebe es etliche Gutachten, sagt er. Und deren Ergebnis sei klar: Victoria gelte als widerstandsunfähig. Die Einschätzung der Staatsanwaltschaft München beruhe auf „lückenhaften Ermittlungen“. Die Frage, ob Victoria deshalb nicht zu ihrer Mutter zurückkönne, weil weitere sexuelle Kontakte zwischen der Tochter und Jörg E. anzunehmen seien, beantwortet Grimm mit einem klaren: „Ja.“

Dass es zu einer sexuellen Beziehung käme, will Patricia Blum nicht ausschließen. Sie glaubt aber: „Entscheidend ist der freie Wille meiner Tochter. Wenn Victoria mit Jörg zusammenleben will, dann steht ihr das offen.“ Dass Blum und Jörg E. die von ihnen so genannte „Freiheitsberaubung“ Victorias im Internet publik gemacht haben, führt zu neuen Konflikten. Die Barmherzigen Brüder und Victorias Betreuer haben Blum und den Provider der Webseite aufgefordert, gewisse Textpassagen und Bilder Victorias aus dem Netz zu nehmen – wegen „Rufschädigung“ und Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Auf etlichen Bildern hat Patricia Blum ihre Tochter unkenntlich gemacht. Ein Video, das die Wiedersehensfreude von Victoria und Jörg E. beim Fest beweisen soll, wurde entfernt. Die Seite will Patricia Blum aber nicht vom Netz nehmen. Sie will weiter kämpfen: für die Freiheit ihrer Tochter und die ihres Enkels.

Anton Renner

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