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Altenerding: Einkaufsodyssee mit dem Bus

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Mit ihrem neuen Rollator wäre Margit Oslislo bereit zum Einkaufen.
Mit ihrem neuen Rollator wäre Margit Oslislo bereit zum Einkaufen. © Friedbert Holz

Altenerding - Die für Heiligabend angekündigte Schließung des Rewe-Marktes in Altenerding sorgt weiter für Unmut bei den Anwohnern. Eine von ihnen haben wir besucht.

Margit Oslislo ist stinksauer: Sie lebt schon seit 75 Jahren im bevölkerungsreichsten Stadtteil Erdings, versorgt sich – trotz zweier schwerer Operationen und Corona-Einschränkungen – im Alter von 87 immer noch selbst. Doch jetzt soll ihre letzte wohnungsnahe Einkaufsmöglichkeit verschwinden. Die Schließung des Rewe-Markts an der Zugspitzstraße in Altenerding an Heiligabend brachte sie derart auf, dass sie sich an die Heimatzeitung gewendet hat.

„Normalerweise gehe ich mit meinem Rollator die wenigen hundert Meter zum Rewe-Markt, um mich mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen“, erzählt die immer noch rüstige Rentnerin. Samstags kaufe eine ihrer drei Töchter für sie ein und besorge mit dem Auto vor allem schwere Gegenstände wie Getränkekisten oder Waschmittel. Die Seniorin selbst hat ihr Auto schon vor sieben Jahren verkauft, fährt jetzt vor allem mit dem Bus.

„Glauben Sie mir, ich kenne alle Buslinien und deren Fahrpläne von und zur Haltestelle bei der Apotheke in der Zugspitzstraße“, sagt Oslislo, „denn auch im Rewe-Markt bekomme ich nicht alles“. Doch um etwa ins Gewerbegebiet Erding-West zu gelangen, müsse sie erst mit einem Bus zum Erdinger Bahnhof fahren und dort in eine andere Linie umsteigen. „Diese Verbindung läuft aber nur alle 40 Minuten, und manchmal fährt dieser Bus erst vom Bahnhof durch ganz Williamsville, bis er endlich im Westpark ankommt. Wenn ich Hin- und Rückfahrt zusammen rechne, komme ich so auf eineinhalb Stunden, das finde ich deutlich zu viel“, beschreibt die 87-Jährige die lange Fahrt.

In den Semptpark nach Aufhausen zu gelangen, ist für die Mutter von vier erwachsenen Kindern, die vor Jahren ihren Mann verloren hat, noch beschwerlicher, obwohl dieser näher an ihrer Wohnung liegt. „Dorthin fährt zweimal am Tag ein Bus, morgens um 7.45 Uhr und mittags um 13.20 Uhr. Aber es gibt keine für mich passende Rückfahrt mehr. Selbst eine Seniorin, die mit der S-Bahn aus Ottenhofen nach Aufhausen kommt, ist schneller beim Einkaufen im Semptpark und wieder zuhause als ich.“ Lediglich Busfahrten zum und vom Krankenhaus seien gut gestaffelt.

Dass der Rewe-Markt schließt, findet Margit Oslislo sehr bedauerlich, trotz der Enge im Laden, die für Rollator-Fahrer sehr beschwerlich sei. „Offensichtlich ist dieses Geschäft für den Betreiber nicht mehr rentabel. Manche der dort Beschäftigten wissen auch gar nichts über ihre eigene Zukunft. Wir ältere Menschen, aber auch viele junge Mütter, die tagsüber kein Auto haben, stehen nun aber sehr hilflos da und fragen sich, wie sie sich künftig versorgen können.“

Sie mache OB Max Gotz keinen Vorwurf, weil dieses Geschäft geschlossen werde. „Das ist allein Sache von Rewe.“ Allerdings sieht sie sehr wohl ein Defizit der Stadtverwaltung in anderer Hinsicht. „Ich verstehe es nicht und kann es nicht akzeptieren, wenn unser Oberbürgermeister sagt, dass die Vergabe von Geschäftsräumen alleinige Angelegenheit der jeweiligen Hauseigentümer sei. Da macht er es sich zu einfach“, sagt die 87-Jährige.

Sie sieht das Stadtmanagement gefragt: „Andere Städte handeln doch längst so: Frühzeitig erkunden, wo Leerstand anfällt, um dann mit den Hauseignern über eine sinnvolle Neubelegung im Sinn der Allgemeinheit zu reden. Hier in Erding allerdings wird das einem falschen Verständnis von freier Marktwirtschaft folgend allein den Eigentümern überlassen.“

Was dann entstehe, sei in der Langen Zeile zu sehen, so Margit Oslislo: „Nach langem Bürgerbegehren endlich ein einziges Lebensmittelgeschäft, jedoch unzählige Optiker und Mobilfunkläden.“ Es müsse einer Kommune doch vor allem um die Daseinsfürsorge für ihre Bürger gehen, nicht um die Gewinnmaximierung einzelner, findet sie.

Die Rentnerin hat, was Altenerding angeht, eine klare Vision: „Was uns hier helfen würde und vor allem auch für uns Ältere ein attraktiver Treffpunkt wäre, könnte ein so genannter Tante-Emma-Laden sein, wie sie derzeit an vielen Orten wieder entstehen. Gemanagt von Anwohnern für Leute in ihrem Wohngebiet wäre das eine tolle Sache, die auch eine Zukunft hätte.“ Derzeit aber blicke sie mit ungutem Gefühl auf das weitere Geschehen.

Zum Schluss gibt uns die Seniorin noch einen Tipp mit: „Sagen sie doch den Herren aus der Stadtverwaltung, sie sollten mal inkognito mit einem der Busse durch Erding fahren. Nur wer das selbst gemacht hat, kann letztlich mitreden und den Unmut einiger Bürger verstehen.“ FRIEDBERT HOLZ

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