Mit Vollgas in den Ruhestand: Seine 37 Jahre alte Vespa ist Paul Hilgers liebstes Gefährt. Einige Male schmückte sie auch den Parkplatz der Eittinger Grundschule. Jetzt darf sich Ehefrau Giselind auf ausgedehnte Fahrten freuen.
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Mit Vollgas in den Ruhestand: Seine 37 Jahre alte Vespa ist Paul Hilgers liebstes Gefährt. Einige Male schmückte sie auch den Parkplatz der Eittinger Grundschule. Jetzt darf sich Ehefrau Giselind auf ausgedehnte Fahrten freuen.

Abschied vom Rektor

Eitting: Paul Hilger hat heute nach 58 Jahren seinen letzten Schultag

Mehr als 50 Jahre währte die Schulzeit von Paul Hilger. Die meisten Jahre davon verbrachte er in Eitting. Warum das so ist, verrät der Langengeislinger hier. 

VON DANIELA OLDACH

Eitting „Ich gehe seit 58 Jahren in die Schule und jetzt geht’s in den Endspurt“, sagt Paul Hilger mit einem Schmunzeln. Nein, der Langengeislinger hat nicht Dutzende Ehrenrunden gedreht, Hilger hat nach Abitur und Studium die Lehrerlaufbahn eingeschlagen und ist von der Eittinger Grundschule nicht mehr wegzudenken. Und doch endet diese Zeit, denn Hilger hat am morgigen Freitag seinen letzten Schultag. Dann geht der 65-Jährige in den Ruhestand.

Im Gespräch mit der Heimatzeitung lässt er seine über 50-jährige Schulzeit Revue passieren. 1961 kam der gebürtige Langengeislinger in die dortige Grundschule. Vier Jahre später hatte er lauter Einsen und eine Fünf: Das Abschlusszeugnis des kleinen Paul in der vierten Klasse hatte einen Schönheitsfehler. „Den Fünfer hatte ich im Singen. Ich kann einfach nicht singen“, gesteht er. Seine Eltern Paul und Therese Hilger nahmen dies mit Humor, auch wenn die Mama meinte, dass die Lehrerin hier schon ein wenig nachsichtiger hätte sein können.

Nachsicht ist eine Eigenschaft, die Hilger dann selbst als Rektor und Lehrer oft walten ließ. „Wenn einer faul ist, ist das was anderes. Aber wenn man einfach nicht das Talent besitzt, sei es beim Singen, beim Sport oder in Kunst, man sich aber bemüht, dann ist das schon einen Dreier wert“, ist er überzeugt. „Ich selbst war nach der Grundschule ein mittelprächtiger Schüler und bin schon mit dem Haufen mitgelaufen“, so Hilger, der sich selbst als Sprachenfan bezeichnet und Englisch natürlich fließend spricht. „In Französisch verstehe ich schon noch viel. Aber das Sprechen ist mangels Übung natürlich schwer. Mit Latein beschäftige ich mich heute noch. Da hab’ ich noch die alten Bücher“, sagt er. Doch genau hier kassierte er auch seine erste Sechs. Hilger hatte in der achten Klasse eine Cäsar-Übersetzung nicht exakt wiedergegeben. „Das passiert halt“, sieht er seinen Ausrutscher locker. Und Mathematik hat ihm immer Spaß gemacht.

Hilger selbst unterrichtete am liebsten Religion und Mathe, auch wenn in der Grundschule alle Fächer gelehrt werden müssen. „Ich mache halt um Musik einen Bogen, wenn’s geht. Das will ich den Kindern nicht antun“, gesteht er schmunzelnd.

Seine Schulzeit lasse sich nicht mehr mit der jetzigen Zeit vergleichen. „Die Medien und die Einflüsse von außen sind um 180 Grad anders. Wir haben Fußball gespielt, und ich hab’ gern gelesen. Das war’s. Da war im Kopf noch Platz für Vokabeln. Und auch das Einmaleins habe ich in der dritten Klasse gelernt und kann es heute immer noch auswendig.“ Viele Kinder könnten sich in der jetzigen Zeit Dinge schlecht merken, weiß er aus der Erfahrung. Das Langzeitgedächtnis habe bei vielen gelitten.

Und das Homeschooling durch Corona verstärke dies auch noch, denn von einem geregelten Unterricht sei man noch weit entfernt. „Viele Eltern haben auch keine Kraft mehr. Sie arbeiten den ganzen Tag oder haben Kurzarbeit. Dann noch mit den Kindern intensiv lernen ist kein Kinderspiel. Kinder kriegen das sehr wohl mit, wenn es Mama und Papa schlecht geht. Deshalb war die Notbetreuung auch so wichtig“, stellt er klar. „Im September geht es bestimmt mit Wiederholungen los. Ich bin dafür, dass hier der Lehrplan entsprechend angepasst wird“, fordert Hilger.

Auch das Thema „Rechtschreibung“ sei so eine Sache. „Rechtschreibung ist ein Problem. Die Kinder lesen halt nicht mehr so viel. Und Lesen ist für die Sprache einfach prägend“, so der zweifache Vater, der bei seinem Sohn und seiner Tochter selbst nie streng war. Doch er ist stolz, den Eittinger Schülern einen guten Start ins weitere Leben geben zu können.

Gab’s denn auch Lieblingsschüler? „Meine Schüler sind mir alle wichtig, aber auf den Stefan Lex bin ich schon besonders stolz. Er kann nicht nur gut Fußball spielen, er war auch ein toller Schüler und hat seinen Weg gemacht“, freut sich Hilger, der ein Blauer ist. Natürlich ist sein Büro mit Lex-Fotos geschmückt. Aber auch an Simon und Amelie Zachenhuber erinnert er sich gerne zurück und freut sich, dass es sportlich bei ihnen gut läuft.

Dass er selbst einmal Lehrer werden wird, war Hilger schon in der Grundschule klar. „Wegen der Ferien“, verrät er lachend. „Als Schulleiter muss man aber in der ersten und in der letzten Ferienwoche arbeiten, das hab’ ich damals nicht gewusst“, räumt er ein. Und so studierte er nach der einjährigen Bundeswehr-Zeit in München, verbrachte seine ersten vier Lehrer-Jahre in Niederviehbach (Landkreis Dingolfing-Landau) und kam am 1. August 1982 nach Eitting. „Ich habe das halbe Dorf gehabt“, so Hilger lachend. Von 2003 bis 2006 wurde er dann stellvertretender Schulleiter, seit 2006 ist er Rektor.

Über seine freie Zeit freuen sich jetzt Ehefrau Giselind, mit der er gerne Fahrten auf der 37 Jahre alten Vespa unternimmt, und das erste Enkelkind, das in diesen Tagen erwartet wird. Kinderwagen schieben oder auf seiner zweiten Maschine, einem BMW-650-Roller, unterwegs sein, hat sich Hilger vorgenommen. Ob er als Lehrer auch stundenweise wieder unterrichten würde? „Der Brief von Kultusminister Michael Piazolo ist schon da“, so Hilger. Später vielleicht, „aber wenn, dann nur in Eitting. Denn da ist die Welt noch in Ordnung“.

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