Die Weihe der restaurierten Fahne zeigt dieses historische Bild aus dem Jahre 1956.
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Die Weihe der restaurierten Fahne zeigt dieses historische Bild aus dem Jahre 1956.

Blick auf eine bewegte Schützen-Geschichte

110 Jahre Gemütlichkeit Gaden: Gemütlich war’s längst nicht immer

Der Schützenverein Gemütlichkeit wird heuer 110 Jahre alt. Er ist damit der älteste Verein Gadens. Die Wirren des Ersten und Zweiten Weltkriegs haben ihm zu schaffen gemacht, mit dem Schützenheim gab es Probleme, eine Zeitlang musste man sogar fürchten, der Traditionsverein würde sich trotz aller Erfolge auflösen. Ein Blick in die bewegte Geschichte, bei der die Gemütlichkeit im Vereinsnamen nicht zu kurz gekommen ist.

VON RAIMUND LEX

1911 trafen sich im Gasthaus Gumberger einige Gadener Burschen, die einen Schützenverein gründen wollten. Unter Vorsitz des damaligen Schützenmeisters Johann Sellmeier wurden auch gleich Statuten aufgestellt, die das Vereinsleben regeln sollten. Und die hatten es in sich. So konnte beispielsweise nur ein lediger Bursche dem Verein beitreten, der das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte und nicht als streit- und raufsüchtig galt.

Als Vereinslokal wählte man das Gasthaus Gumberger, das lange Zeit die Heimat blieb. Auch, als 2004 der Besitzer wechselte und das Haus den neuen Namen „Alter Wirt“ bekam. Der Schießstand war zunächst lange in einem Nebenzimmer untergebracht, „das zum Schutze der anderen Gäste durch eine starke Bretterwand besonders abgesichert war“, heißt es in der Chronik.

Allerdings gingen in der Wirren des Ersten Weltkriegs viele Aufzeichnungen verloren. In den verheerenden Jahren des Zweiten Weltkriegs mussten dann einige Schützenkameraden ihr Leben lassen, ihre Namen können noch heute am Kriegerdenkmal in Oberhummel nachgelesen werden.

In den Nachkriegsjahren, als man sich dem Schießsport nicht mehr widmen durfte, gründete man unter Vorsitz von Josef Schmid zwischenzeitlich den Trachtenverein Waldrausch Gaden. Der wurde schnell in Nah und Fern bekannt. Von 1947 bis 1950 führte man Bauernschwänke auf, am Faschingsdienstag gab’s in althergebrachter Weise eine Faschingshochzeit.

Erst 1950 wurde der Schützenverein Gemütlichkeit zu neuem Leben erweckt. Dafür wurde Waldrausch aufgelöst. Dessen Erbe führt heute der Heimatverein Gaden fort. Mit Ludwig Gumberger als Schützenmeister traf man für den wiedergegründeten Schützenverein 1955 dann schon erste Vorbereitungen für eine Fahnenweihe: Insgesamt 36 Schützenvereine fanden sich am 1. Juli 1956 zum Feldgottesdienst mit Pater Drößmann ein. Ein stolzer Schützenzug marschierte durch den Ort.

Am 26. Juni 1961 rissen erneut dröhnende Böllerschüsse die Ortschaft aus dem Schlaf. Grund hierfür war das 50-jährige Gründungsfest des Schützenvereines. Gleich 56 Vereine waren diesmal dabei.

Ein weiterer Meilenstein war der Bau eines neuen Schießstandes. Schon seit längerem war es der Wunsch etlicher Schützen gewesen, einen geeigneten Raum dafür zu bekommen. In den früheren Jahren musste man nämlich den Schießstand, der sich inzwischen im Saal des Vereinslokals befand, immer auf- und abbauen, wie die Chronik berichtet. 1978 endlich wurde mit dem Bau begonnen. Dank tatkräftiger Unterstützung vieler Helfer konnte der Schützenstand im Oktober 1979 mit dem kirchlichen Segen von Pfarrer Nikolaus Pflanzer eingeweiht werden.

1983 wurde die Vereinsfahne restauriert – nach Fertigstellung wurde mit einem Heimatabend groß gefeiert. Noch im selben Jahr gab Gumberger sein Amt als Schützenmeister auf – nach 28 Jahren. Er wurde zum Ehrenschützenmeister ernannt und schließlich in der Sektion Gaden mit den Vereinen Almenrausch Berglern, Concordia Eitting, Sportschützen Langenpreising, Neu-Edelweiß Berglern, Gemütlichkeit Gaden und Stefansschützen Zustorf sogar zum Ehrensektionsschützenmeister. Sein Nachfolger: Walter Krumpholz, der sein Amt bis 1992 ausübte. Am 9. Oktober 1992 übernahm schließlich Helmut Thaler, der auch heute noch Vorsitzender ist.

Heute zählt die Gemütlichkeit über 100 Mitglieder. In Thalers langjährige Amtszeit fallen zwei herausragende Ereignisse. Das ist zum einen der Bau eines neuen Schützenheims mit moderner Ausstattung und zum anderen die Feier des 100-jährigen Bestehens.

Großer Tag: das Richtfest für das neue Schützenheim im März 2009.

Gegen Ende der Nuller Jahres kam es zu Spannungen mit dem Wirt, die dazu führten, dass die Gemütlichkeit ihr Vereinslokal verlor. Der schmerzliche Einschnitt für den Verein stellte sich aber in der Rückschau als großer Vorteil heraus. Denn es gelang mit massiver Unterstützung der Gemeinde Eitting, mit tausenden Arbeitsstunden Eigenleistung und mit großer Unterstützung des Bayerischen Sportschützenbundes (BSSB) sowie Gadener Bürgern, beim Feuerwehrhaus ein Schützenheim aus dem Boden zu stampfen, das immer wieder als eines der schönsten Häuser im weiten Umkreis bezeichnet wird.

Im Oktober 2008 war Spatenstich, im September 2010 wurde der Bau mit großem Pomp, mit kirchlichem Segen sowie vielen Ehrengästen und Vereinen offiziell seiner Bestimmung übergeben. Nur ein Jahr später wurde das 100-Jährige in einem großen Zelt gefeiert. Eines der Highlights war dabei der Kirchenzug mit 24 Vereinen.

Inzwischen bekleidet Thaler auch das Amt des Sektionsschützenmeisters der Sektion Gaden im Schützengau Erding. Sportlich ging es mit den acht neuen Schießständen, der elektronischen Datenerfassung und besserem Gerät stetig bergauf. Alles schien lange perfekt zu laufen. Doch dann erklärte Helmut Thaler, dass er nach 42 Jahren Arbeit im Schützenverein kürzertreten wolle – da war Feuer unterm Dach.

Die außerordentliche Mitgliederversammlung im Mai 2019 verlief erfolglos. Niemand wollte in die großen Fußstapfen des langjährigen Schützenmeisters treten. Selbst das Angebot Thalers im September 2019, weitere drei Jahre den Verein zu leiten, wenn sich ein Stellvertreter wählen ließe, der am Ende der Wahlperiode verbindlich das Amt des Schützenmeisters übernehmen würde, führte nicht zum Erfolg. Die Teilnehmer der außerordentlichen Versammlung sahen der wahrscheinlichen Auflösung des Schützenvereins mit all ihren Problemen scheinbar tatenlos zu.

Aber in der Schicksalsversammlung im November 2019 wurde dann doch ein Nachfolger gefunden: Der junge Florian Schröcker ließ sich als 2. Schützenmeister wählen, mit dem Versprechen, Thalers Nachfolger zu werden. Auch die restlichen Vorstandsposten konnten besetzt werden, vornehmlich mit jüngeren Leuten. „Gott sei Dank geht’s weiter“, konnte Reinhard Huber, heute Bürgermeister in Eitting, damals erlösend feststellen.

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