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Corona-Pandemie: Depressionen bei Jugendlichen nehmen zu - „Es platzt eine Seifenblase nach der anderen“

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Von: Alexandra Anderka

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Traurige Jugendliche: Seit der Pandemie leiden deutlich mehr junge Menschen an psychosomatischen Erkrankungen – auch im Landkreis. Das Handy ist ein großer Fluchtort Schule macht derzeit keinen Spaß Raus an die frische Luft
Traurige Jugendliche: Seit der Pandemie leiden deutlich mehr junge Menschen an psychosomatischen Erkrankungen – auch im Landkreis. Das Handy ist ein großer Fluchtort Schule macht derzeit keinen Spaß Raus an die frische Luft © Shutterstock

Die Corona-Krise hat fatale Auswirkungen auf Heranwachsende. Jugendliche kämpfen seit Beginn der Pandemie vermehrt mit Depressionen. Eine Therapeutin hat einen Tipp für Eltern.

Erding - „Leider können wir auf absehbare Zeit keine Patienten mehr aufnehmen, da alle Therapieplätze belegt sind und unsere Warteliste voll ist.“ Das hören Eltern und Jugendliche derzeit, wenn sie bei Monika Schwoshuber, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in Erding, anrufen. „Zusätzlich kommen täglich noch zwei bis drei Anfragen per E-Mail dazu“, erzählt sie.

Erding: Mehr Jugendliche während Corona-Pandemie an Depressionen erkrankt - Therapieplätze voll

Laut dem aktuellen Jugendreport der DAK-Gesundheitskasse sind während der Corona-Pandemie deutlich mehr Jugendliche an einer Depression erkrankt. Mädchen seien dreimal so häufig betroffen wie Buben. Zudem kam bei der Untersuchung heraus, dass seit Pandemiebeginn psychische Störungen und Einweisungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie spürbar zugenommen haben.

Auch im Landkreis Erding nehmen psychische Erkrankungen bei Jugendlichen zu

Schulpsychologen, Sonderpädagogen und Psychotherapeuten in Erding zeichnen für den Landkreis ein nahezu identisches Bild. Anne Hartling, Schulpsychologin und Lehrerin an der Mädchenrealschule Heilig Blut in Erding, spricht gar von explodierenden Zahlen: „Früher hatten wir zwei bis vier Mädchen pro Jahr mit psychischen Erkrankungen, mittlerweile hat sich die Zahl verdreifacht.“ Auffällig sei dabei die Schwere der Erkrankungen.

„Corona kann nichts erzeugen, aber verstärken und auslösen“

Für die Expertin ist klar: Die Disposition muss angelegt sein. „Corona kann nichts erzeugen, aber verstärken und auslösen“, sagt Hartling. Die Pubertät sei eine sehr vulnerable Phase. „Die Jugendlichen müssen sich ausprobieren, ihre Identität finden, ihren ersten Liebeskummer überstehen.“

Andrea Gmach, Sozialpädagogin am Korbinian-Aigner-Gymnasium, ergänzt: „Eigentlich stehen während der Pubertät das Ablösen von den Eltern, Partys und Verlieben auf dem Programm, stattdessen sind die Jugendlichen dazu verdammt, die meiste Zeit zuhause vor dem Computer und in den Sozialen Medien zu verbringen.“

Das Handy ist ein großer Fluch

Anne Hartling, Schulpsychologin an der Mädchenrealschule Heilig Blut

Einige fühlten sich in ihren Blasen – den Online-Communitys – gut aufgehoben, „dort bekommen sie sogar Anleitung bei psychischen Problemen. Manche Schüler kommen dann gleich mit einer Diagnose zu mir“, sagt Katharina Wendrich, Schulpsychologin am Anne-Frank-Gymnasium. Kollegin Hartling weiß: „Das Handy ist ein großer Fluch. Die Sozialen Medien haben einen großen Anteil an den psychischen Problemen Jugendlicher. Da gibt es etwa Seiten, die Magersüchtigen erklären, wie sie möglichst dünn bleiben.“

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Corona-Pandemie, soziale Medien, Pupertät: Depressionen bei Jugendliche nehmen zu

„Mobbing geht in den Sozialen Medien auch viel einfacher, als wenn ich jemandem ins Gesicht sagen muss, dass ich ihn nicht mag“, weiß Psychotherapeutin Schwoshuber. Aufgrund der vielen Verbote und Unsicherheiten während der Pandemie kann es laut Wendrich zu einem Kontrollverlust kommen, der wiederum zu sozialen Ängsten, Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen – vermehrt mit klinischem Krankheitsbild – führe. „Nach dem langen Distanzunterricht hatten manche Schüler richtige Schwierigkeiten, sich vor der Klasse zu präsentieren“, sagt Wendrich. Manche kämpften auch mit Prüfungsangst.

Es werden dieses Schuljahr Mädchen von der Schule gehen, nicht wegen fehlender Intelligenz, sondern weil sie sich wegen der vielen Unsicherheiten überfordert fühlen.

Anne Hartling, Schulpsychologin am der Mädchenrealschule Heilig Blut

Wendrich habe zudem Schüler beobachtet, die eigentlich mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet sind, wie sie plötzlich anfangen zu weinen. Das Belastungsempfinden sei hier „diffus“, zeige sich aber in „einer Qualität, die ich vor der Pandemie nicht kannte“.

Porbleme in Schule: Jugendliche kämpfen mit Motivation

Die gleiche Beobachtung macht Hartling, die zusätzlich Englisch- und Geschichtslehrerin sowie Klassleiterin einer 10. Klasse ist. „Obwohl diese Mädchen gut und gesund sind, sind sie am Hadern und kämpfen mit ihrer Motivation“, bedauert sie und meint: „Ich hatte noch nie eine solch emotional beschwerte Klasse.“ Sie prophezeit: „Es werden dieses Schuljahr Mädchen von der Schule gehen, nicht wegen fehlender Intelligenz, sondern weil sie sich wegen der vielen Unsicherheiten überfordert fühlen.“

Vielen fehle die Motivation, was laut den Schulpsychologinnen und der Sonderpädagogin auch nicht verwunderlich ist. Die Jugendlichen könnten zwar wieder in die Schule gehen – was sehr wichtig sei, auch hier sind sich alle einig – die mache aber zur Zeit keinen Spaß: Maske tragen, ständige Ermahnungen seitens der Lehrer, dass die Regeln eingehalten werden, und „alles, was Schule schön macht, fällt weg: keine Klassenfahrten mehr, keine Abschlussfeiern, keine Exkursionen“, sagt Hartling, und Gmach ergänzt: „Das alles kann auch nicht mehr nachgeholt werden. Es zerplatzt eine Seifenblase nach der anderen. Die Jugendlichen trauen sich ja schon gar nicht mehr, sich auf etwas zu freuen.“

Als geradezu „abartig“ empfindet es Hartling, dass sie nicht wisse, wohin mit den Hilfesuchenden. „Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in München hat erst im April/Mai wieder Plätze frei.“

Schulpersonal überlastet - Lehrer kurz vor Zusammenbruch

Aber die Pandemie zerre nicht nur an den Nerven der Jugendlichen und Kinder, auch das Lehrpersonal stehe kurz vor dem Zusammenbruch, und regelmäßig habe sie verzweifelte Eltern am Telefon. Gerade die sollten in der Pandemie aber stark sein, ein Anker für die Jugendlichen, weiß Barbara Huber, Geschäftsführerin des Vereins Brücke, der sich seit zehn Jahren mit seinen Sozialpädagogen um Schulen im Landkreis kümmert.

„Die Erwachsenen haben eine Vorbildfunktion“, mahnt sie an. „Sie müssen Sicherheit, Geborgenheit und Klarheit geben. Wir müssen das anpacken und gemeinsam mit den Jugendlichen da durchmarschieren“, fordert sie.

Auch ihr seien die Nöte der Jugendlichen klar. Aber: „Ich wehre mich gegen die Weltuntergangsstimmung. Ich bin sicher, dass wir da wieder rauskommen“, sagt sie bestimmt. Sie habe sogar die Hoffnung, „dass die Mehrzahl der Jugendlichen gestärkt aus der Pandemie hervorgeht, mit neuem Bewusstsein für ihr Leben und der Erkenntnis, dass das Wesentliche vielleicht woanders liegt als in grenzenloser Freiheit“.

Depressionen bei Jugendlichen: Therapeutin hat Tipp für Familien

Raus an die frische Luft, in die Natur.

Monika Schwoshuber, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in Erding

Hartling ist der Meinung: „Wir Erwachsenen müssen versuchen, den Blick wieder auf was Positives zu lenken.“ Rituale innerhalb der Familie würden sich positiv auswirken. Eltern rät sie eindringlich, den Handy-Konsum zu reglementieren und „punktuell auch zu kontrollieren“.

Psychotherapeutin Schwoshuber unterstützt diese Forderung und rät den Familien: „Raus an die frische Luft, in die Natur.“ Gmach glaubt auch, „dass unsere Jugendlichen da wieder rauskommen. Hier auf dem Land haben wir so viele Ressourcen. Die wenigsten wohnen im 15. Stock am Mittleren Ring.“ Wendrich empfiehlt allen Betroffenen: „Das Allerwichtigste ist, sich Hilfe zu holen.“

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