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In aller Ruhe erklären die Kontaktverfolger im Kleinen Saal der Stadthalle den Infizierten und ihren Kontaktpersonen, was jetzt zu tun ist. 

35 Kontaktverfolger helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen – Oft eine belastende Arbeit

Der wichtigste Satz: „Ich verstehe Sie“

  • vonTimo Aichele
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Wie werden eigentlich die Corona-Kontakte ermittelt. Wir haben für Euch hinter die Kulissen geschaut. Es ist eine sehr herausfordernde Arbeit.

Erding– Der Gesprächspartner kann noch so aufgebracht sein, es helfen nur Ruhe und Verständnis. Diese Erfahrung machen die Kontaktverfolger des Gesundheitsamts Tag für Tag. An Computer-Arbeitsplätzen im Kleinen Saal der Stadthalle sprechen sie in ihre Headsets und erklären den infizierten Menschen und ihren Kontaktpersonen, was nun zu tun ist. „Sie wissen, dass Sie sich in Isolation begeben müssen?“, fragt die Kontaktverfolgerin.

„Gibt es jemanden, der Sie unterstützt, der für Sie einkaufen geht?“ Den Ernst der Lage muss die erfahrene Krankenschwester dem Mann am anderen Ende der Leitung nicht erklären, er spürt deutliche Krankheitssymptome. Welche, arbeitet die Contact Tracerin anhand einer Checkliste mit dem Mann ab. „Sie machen das hervorragend. Ihre Frau ist ja schon isoliert.“

Zu Beginn der Pandemie wurde das Contact-Tracing-Team (CTT) mit zehn Mitarbeitern des Gesundheitsamts aus dem Boden gestampft. Mittlerweile besteht das Team aus 35 Mitarbeitern auf 27 Vollzeitstellen. 12,5 weitere Stellen werden in Kürze besetzt. Die Kontaktverfolger arbeiten in der Stadthalle und an zwei weiteren Standorten an der Unterbrechung der Infektionsketten.

Und das mit Erfolg, da ist CTT-Koordinator Florian Peters überzeugt. Die viel diskutierte Frage, ab welcher Inzidenz die Kontaktverfolgung nicht mehr funktioniert, habe sich nicht gestellt, meint der 32-jährige Mitarbeiter des Landratsamts. „Land unter“ musste das CTT nach seiner Aussage während der ganzen Pandemie nie melden. „In der Hochphase gab es vereinzelt Abende, wo wir nach einem langen Arbeitstag sagen mussten: ,Jetzt haben wir zwei Kontaktpersonen nicht mehr anrufen können.‘“

Beim Besuch unserer Zeitung hatten Peters und seine Kollegen bis Mittag fünf Fälle auf ihren Telefonlisten. Das heißt: eine Indexperson, also ein Landkreisbürger mit einem positiven Corona-Befund, plus Kontaktpersonen. „Wir hatten teilweise aber 200 Fälle am Tag“, erzählt Peters.

Währenddessen spricht die Kontaktverfolgerin dem infizierten Mittdreißiger zu. Eine Sorge wird deutlich: Die Ehefrau des Mannes ist schwanger, außerdem ist da noch die fünfjährige Tochter. Dann fragt sie, wen der Mann in den vergangenen zwei Tagen getroffen hat.

Zum Glück nicht viele. Und das ist in der Zeit des Lockdowns ganz typisch. Man darf niemanden treffen, also haben auch die Kontaktverfolger keine so schwierige Aufgabe. „Jetzt geht es um Ehefrau, Kind, besten Freund und Arbeitskollegen – maximal“, sagt Peters. „Vor dem Lockdown konnte das schon auch mal der Junggesellenabschied mit 20 Teilnehmern sein.“ Das heißt: Auch wenn die Infektionszahlen sinken, ohne Lockdown wird die Arbeit der Kontaktverfolger wohl nicht weniger.

Im CTT arbeitet ein bunter Mix an Qualifikationen zusammen. Da sind Uni-Absolventen wie Peters’ Teamleiter-Kollegen Rebecca Braun (25) oder Florian Empl (27): „Ich wollte vor der Promotion die Zeit nutzen, um mitzuhelfen“, erzählt der Dorfener. Oder Kriminalkommissar Patrick Lauff (38), der im November als einer der vielen Abgeordneten, also Aushilfen, aus einer der vielen staatlichen Institutionen kam. In Hochzeiten waren es bis zu 23 Abgeordnete von Bundeswehr, Finanzamt, Amtsgericht, Polizei, BKA und sogar dem BND.

„Wir haben auch Leute, die ihren Job durch Corona verloren haben, vom Flughafen oder aus der Gastronomie“, erzählt Peters. Beruflich in der Luft hängt Maria Groß. „Ich bin froh, dass ich den Job habe“, sagt die Wirtin des Almstüberls in Erding. Sie bearbeitet Meldungen vom Gesundheitsamt so, dass die Kollegen am Telefon sofort mit allen relevanten Informationen loslegen können.

Die 28-Jährige hat anfangs auch Telefondienst gemacht und ist froh, diese Bürde los zu sein. „Das war emotional sehr anstrengend. Ich habe schon auch den Hörer auf die Seite gelegt und musste rausgehen, um eine Träne zu verdrücken.“

„Man hört viele Geschichten, die einem nahe gehen“, bestätigt Peters. Seine Kollegin Braun erinnert sich an den achtjährigen Buben, der als Kontaktperson eines infizierten Klassenkameraden in Quarantäne musste. Seine Oma lag aber auf einer Palliativstation im Sterben. „Da haben wir versucht, es irgendwie zu ermöglichen, dass er sie besuchen kann“, erzählt Braun. Oder der selbstständige Vater von mehreren Kindern, der fürchtete, seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Auch in solchen hochemotionalen Momenten gelinge es immer wieder, dem Betroffenen klar zu machen: „Wir können das nur zusammen machen.“

Mit Ruhe und Verständnis erreicht die Kontaktverfolgerin ihr Ziel. „Was wirklich hilft, ist der Satz: Ich verstehe Sie“, sagt Peters. Er selbst sei bereits einmal in Quarantäne gewesen, seine Frau als Krankenschwester schon fünfmal. „Das kann eine belastende Situation sein“, weiß der Vater einer Zweijährigen.

In der Spitze

200 Fälle am Tag

Geschichten,
die nahe gehen

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