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Wolfgang Kellermann (l.) repräsentiert in der Erdinger AfD den gemäßigten Flügel. Dennoch traf er sich unlängst mit dem Rechtsausleger Björn Höcke (r.) im Thüringer Wahlkampf.

Kreisverband Erding ist tief zerstritten – Gegenseitige Drohungen

AfD: Flügelkämpfe und fehlende Belege

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Die AfD fällt immer wieder mit heftigen internen Kämpfen auf. Nun haben die auch den bisher nach außen geschlossen wirkenden Kreisverband Erding erreicht. Er steckt in einer tiefen Krise, befeuert durch gegenseitige Vorwürfe und Misstrauen.

Erding – Droht er in einem Flügelstreit noch weiter nach rechts abzudriften? Einige Mitglieder werfen Kreisvorsitzendem Wolfgang Kellermann Selbstherrlichkeit vor. Sogar von Parteiausschluss ist die Rede. In der Kasse scheint es Unregelmäßigkeiten zu geben. Mittlerweile hat sich der AfD-Bezirksvorstand eingeschaltet.

Umfangreiche Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, belegen, dass in der AfD ein heftiger Flügelkampf ausgebrochen ist, den man zuletzt aus der Bundespartei kannte. Selbst der Kreisvorstand ist gespalten. Im Mittelpunkt: Kreisvorsitzender Wolfgang Kellermann, Stadt- und Kreisrat aus Erding.

Vorstandssitzung ohne Chef Kellermann

Das Zerwürfnis ist so groß, dass sich bereits am Abend des 13. Februar mehrere Vorstandsmitglieder zu einer Videokonferenz trafen, auf Initiative von Schatzmeister Frank Beughold aus Moosinning, der in dem Streit eine Schlüsselrolle einnimmt, sowie seinem Vertreter Peter Schäftner, 2. Schriftführerin Anja Koch sowie den Beisitzer Achim Müllerke und Wilhelm Gamper. 20 Mitglieder wählten sich ein, nicht aber Kellermann. Er hatte „trotz E-Mail-Einladung und mehrmaliger Aufforderung auf eine Teilnahme verzichtet“, heißt es in dem unserer Zeitung vorliegenden Protokoll. Die Runde war sich einig, dass die Lage derart verfahren sei, dass man einen Mediator hinzuziehen wolle.

Kellermann selbst wird mit den Worten zitiert: „Warum sollte ich (teilnehmen)? Die Erdinger Patrioten waren die letzten vier Zoom-Veranstaltungen nicht mehr präsent. Und ich habe definitiv keinen Bock darauf, jetzt mit den EP da allein drin rumzuhängen.“ Am Dienstag teilte Kellermann mit, die Mediation sei zwischenzeitlich erfolgt. Über deren Inhalt schweigt er sich allerdings aus.

Sind die „Erdinger Patrioten“ besonders radikal?

Um die Erdinger Patrioten (EP) ist innerhalb des AfD-Kreisverbands offensichtlich ein Richtungsstreit entbrannt, in dem Kellermann den gemäßigteren Part einnimmt. Die EP gilt als der erheblich radikalere Flügel.

In dem Protokoll wird Beisitzer Müllerke zitiert, wie es zu der Gründung der EP gekommen sei. „Die Vorschläge zu mehr Protest und Demonstration wurden von Kellermann deutlich zurückgewiesen. Dieser Zustand begann gleich zu Beginn der Corona-Krise und dauert bis heute an.“ Der Kreisvorsitzende sei „weder gewillt, Vorschläge anderer Mitglieder zu akzeptieren, noch andere Meinungen zu tolerieren – geschweige denn gemeinschaftlich umzusetzen“. Kellermann sei für den Ausschluss der EP aus der AfD.

Bierdosen im Wahlkampf sorgen für Ärger

Hintergrund der Gründung ist laut den Aufzeichnungen, Bürger von den Zielen der AfD zu überzeugen, und das zunächst nicht unter dem Logo der Partei, „um Berührungsängste mit der AfD zu vermeiden“. Laut Müllerke wollten die EP die AfD „nur unterstützen und nicht spalten, wie es Herr Kellermann offenbar empfindet“. In einem Fall habe der Kreisvorsitzende die EP-Initiatoren und damit auch die AfD auf einer Kundgebung sogar „lächerlich gemacht“ und „gedemütigt“, indem er Dosenbier verteilt habe.

Der Bezirksvorstand bittet zum Rapport

Bereits am 26. Januar dieses Jahres hatte wegen der Flügelkämpfe eine Anhörung durch den AfD-Bezirksvorstand stattgefunden. Auch dieses Protokoll liegt der Redaktion vor. Kellermann berichtet darin, die EP seien ein Zusammenschluss von Demo-Ordnern. Mittlerweile hätten sie sich zu einer „Partei in der Partei“ entwickelt. Er bezeichnet sie als Anti-Meuthen-Club. AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen gilt als gemäßigt. Frank Beughold hetze gegen ihn, Kellermann, sowie den Finsinger AfD-Gemeinderat Peter Junker.

Kellermann: Bleiben bürgerlich-konservativ

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt Kellermann zum Richtungsstreit nur, die AfD habe ein bürgerlich-konservatives Programm, das weiterverfolgt werde. „Ein Abdriften weiter nach rechts wird es mit uns nicht geben.“ Es sei allgemein bekannt, „dass die Altparteien und Medien versuchen, die AfD zu diskreditieren, und dass die Partei unterwandert werden soll“. AfD-Kreisrat Rainer Forster hingegen ist froh, „dass die Machenschaften der Erdinger Patrioten öffentlich werden“. Ein Teil sei laut Innenministerium der Reichsbürger-Szene zuzuordnen. Kellermann stellt klar: Würde die AfD von Reichsbürgern unterwandert, werde die Annullierung der Mitgliedschaft eingeleitet.

Will Kellermann für den Bundestag kandidieren

Kellermanns parteiinterne Gegner mutmaßen, dass er für den Bundestag kandidieren wolle. Laut dem Protokoll wirft er Teilen des Kreisvorstands vor, den Bundestagsabgeordneten Petr Bystron im Kreisverband Erding „installieren“ zu wollen. Das stimme nicht. Vielmehr hätten Bystron, der als stramm rechts gilt, sowie die streitbare Landtags-Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner den Erdinger Verband mit aufgebaut und unterstützt. Kellermann hingegen sehe „mittlerweile alle und jeden als Konkurrenz zu seinen eigenen Bundestagsambitionen“. Ob er die wirklich hat, will Kellermann nicht sagen.

Forster will den Vorsitzenden nicht beschädigen

Die Aufzeichnung berichtet auch von „diversen Zwischenrufen und Störungen durch Forster“, der auf der Seite Kellermanns verortet wird. Vom EP-Flügel müsse man sich distanzieren, dessen Mitglieder seien Heuchler. Als es um das Einsetzen eines Mediators vom Landesvorstand ging, soll Forster allerdings vorgeschlagen haben, „Kellermann wegen Ämterhäufung abzulösen“. Darauf angesprochen, will er missverstanden worden sein. Er habe nur ein „Stimmungsbild abgefragt“ und „Kellermann keineswegs beschädigen wollen“.

Ärger mit der Parteikasse

Für Ärger sorgt auch die AfD-Kasse. Laut Protokoll war zwischen Januar und Mai vergangenen Jahres Kellermann verantwortlich. Die Kassenprüfer haben einige Unregelmäßigkeiten in dieser Zeit festgestellt. Einem der Redaktion zugespielten Prüfvermerk zufolge fehlen Belege für einen Pkw-Anhänger über 1800 Euro, eine Erstattung von Facebook-Werbekosten von 177,70 Euro an Kellermann, Online-Marketing (59,50 Euro), Wahlplakate (778,84 Euro) und Schrauben (62 Euro). Für eine persönliche Wahlkampfhilfe in Höhe von 426,68 Euro fehlt nach Angaben der Revisoren der Beschluss.

Mittlerweile führt Beughold die Kasse. Der wurde wegen der fehlenden Belege vor den Bezirksvorstand zitiert. Das Protokoll berichtet von einer Ordnungsmaßnahme beziehungsweise einem Ausschlussverfahren gegen den Moosinninger. Dahinter soll laut der Runde Kellermann stecken, angeblich mit Unterstützung unter anderem seines Vaters, dem AfD-Kreisrat Otto Kellermann (kein Parteimitglied), und Forster (nur Fördermitglied). Die Online-Runde moniert, der Vorstand sei von Kellermann „übergangen worden“, vermutlich weil er gewusst habe, keine Mehrheit zu bekommen.

Schatzmeister vor dem Rausschmiss?

Zum möglichen Beughold-Rausschmiss erklärt Kellermann, vor dem AfD-internen Schiedsgericht sei ein Verfahren anhängig, zu dem er sich nicht äußere. Was die Kasse betrifft, sei mittlerweile wieder „alles in Ordnung“. Beughold selbst war für die Redaktion nicht erreichbar.

ham

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