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Selbstbildnis von Albert Schiestl-Arding: Es stammt aus dem Jahr 1932. 
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Letzte Ruhestätte: In Bremen starb Albert Schiestl-Arding 1937 an Lungentuberkulose. Er wurde nur 53 Jahre alt und ist - wie seine zweite Frau Irmgard - in Worpswede begraben. 

Ausstellung im Frauenkircherl und Stahl-Museum geplant

Albert Schiestl-Arding: Fleißiger Kunstmaler und tapferer Mensch

  • Gabi Zierz
    vonGabi Zierz
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Er wurde nur 53 Jahre alt und verließ Erding früh. Dennoch trug Kunstmaler Albert Schiestl-Arding seine Heimatstadt im Namen. 

Erding– „Seine Werke sind grandios, seine Lebensgeschichte berührend und viel zu kurz.“ Das sagt Kunsthistorikerin Heike Kronseder über Albert Schiestl-Arding (1883-1937). Sie hat dem Kunstmaler, der seine Heimatstadt im Namen trug, eine Ausstellung gewidmet. Die Schau mit 40 Werken, die im Frauenkircherl und im Franz-Xaver-Stahl-Museum geplant war, fiel allerdings der Corona-Pandemie zum Opfer. Sie musste aufs Frühjahr 2021 verschoben werden.

„Albert Schiestl-Arding war ein Kunstmaler, den man gerne vergisst, wenn man die berühmten in Erding geborenen Künstler wie Hiasl Maier-Erding, Franz Xaver Stahl, August Kraus oder Benno Hauber und die vielen anderen aufzählt“, sagt Kronseder. Eine Ausstellung seiner Werke sei überfällig gewesen. Der Zufall wollte es, dass Joseph Hierling, berühmter Sammler von Kunstwerken des expressiven Realismus, das gleiche Ansinnen hatte. Kronseder traf ihn, schnell war alles ausgemachte Sache. Hierling hat 28 großformatige Gemälde Schiestls aus der Kunsthalle Schweinfurt zur Verfügung gestellt, ergänzt mit Leihgaben einiger Erdinger Bürger und des Museums.

Expressionistische Porträts und Blumen-Stillleben

„Albert Schiestl hat wunderbare expressionistische Porträts gemalt und vor allem Blumen-Stillleben“, schwärmt Kronseder. Dazu habe er die Blumen selbst gepflückt und in Vasen arrangiert. „Ich mag ihn sehr gern. Er hätte so viel mehr verdient, aber er hat einfach kein Glück gehabt“, sagt die Kunsthistorikerin aus Wartenberg, die das Stahl-Museum in Erding leitet.

Albert Schiestl wurde am 27. April 1883 in Erding als Sohn des Posamentiers, also des Borten-, Zierbänder- und Quastenmachers Carl Schiestl und dessen Ehefrau Ottilie geboren. Diese hatte aus ihrer ersten Ehe mit dem inzwischen verstorbenen Bruder ihres Gatten Carl fünf Kinder. Dazu zählte auch Friedrich Schiestl (1871-1945), von 1919 bis 1929 2. Bürgermeister von Erding.

Das Verhältnis des kleinen Albert zu seinen Halbgeschwistern war zeitlebens nicht gut. Umso enger aber ist das Verhältnis zu seinem Vater gewesen. Carl Schiestl unterwies den Buben in Literatur, im Reiten und übertrug seine Liebe zur Natur auf ihn. Er war es auch, der dem Vierjährigen den ersten Hund schenkte. Sein Leben lang sollte Albert Schiestl Hunde haben – und malen.

Nach Schlüsselerlebnis steht Berufswunsch Kunstmaler fest

Um das Geschäft kümmerte sich mehr die Mutter. Das Kaufhaus war eine gute Adresse in Erding und bot als Kolonialwarenladen neben Kohlen alles an, was für den täglichen Gebrauch nötig war, bis hin zu Kaffee und Kakao. Der erste Schicksalsschlag im Leben Albert Schiestls war der frühe Tod des Vaters. Es folgten Jahre in Internaten bis zur Mittleren Reife und eine Ausbildung in Augsburg bei einem Tuchfabrikanten.

Es gab ein Erlebnis, das ihn zu der Erkenntnis brachte, Kunstmaler zu werden: „Er erblickte eines Tages in der sonnenbeschienenen Stube seine Terrierhündin auf einem farbenfrohen Kissen vor dem Ofen liegend. Die Sonnenstrahlen erhellten im Raum nur Hund und Kissen. Diese Szene war so schön, dass er den innigen Wunsch verspürte, sie zu malen. Bald wusste er: ,Ich werde Kunstmaler.‘“, erzählt Kronseder.

Statt Auswanderung in die USA lebt Schiestl in Bremen

Schiestl besuchte die Kunstakademie in München und nahm Privatunterricht, ehe er nach Amerika auswandern wollte. Er ließ sich als Besatzungsmitglied eines Überseedampfers anheuern, musste aber wegen Krankheit wieder von Bord. Er blieb in Bremen und verdiente seinen Unterhalt als Dekorationsmaler. Dann arbeitete er in einem Fotostudio, wo er seine spätere Ehefrau, die Kunstmalerin Annemarie Holländer kennen lernte. 1908 feierten sie Hochzeit, fünf Jahre später wurde Tochter Liselotte geboren.

Künstlerkolonie in Worpswede

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich Schiestl freiwillig, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt. Während er sich eine Schäferhündin kaufte und zum Sanitäter und Hundeführer ausbilden ließ, um doch noch als Kriegsfreiwilliger zu dienen, zogen Ehefrau und Tochter nach Worpswede bei Bremen. Nach dem Krieg folgte ihnen Schiestl und genoss das Malen, Diskutieren, Zusammensitzen mit den Künstlern der Kolonie. Allerdings nahm Schiestls Leben eine traurige Wendung: Zuerst trennte er sich von seiner Ehefrau, dann brannte seine Unterkunft ab und er verlor alles, was er besaß.

„Als gebrochener Mann verließ er Worpswede und zog in den Harz, wo er sich mit Malen und Gelegenheitsjobs über Wasser hielt“, erzählt Kronseder. Die Situation müsse für ihn unerträglich gewesen sein. So habe er einem von Freunden arrangierten Aufenthalt in einem Nervensanatorium zugestimmt. Schiestl erholte sich, nahm wieder an Ausstellungen teil und signierte seither mit dem Namen Albert Schiestl-Arding als Reminiszenz an seine Geburtsstadt.

Vorder- und Rückseite der Leinwand bemalt

Auch privat kehrte das Glück zurück. 1926 heiratete er die Schauspielerin Irmgard Schott. Nach der Geburt von Tochter Nora erlebte der Kunstmaler eine große Schaffenskraft. „Er war ein fleißiger Maler“, sagt Kronseder. Es gebe groß- wie kleinformatige Werke von ihm, acht sind im Besitz der Stadt Erding. „Oft hat er auch die Rückseite der Leinwand bemalt.“ So gebe es ein Bild, auf dem vorne Pferde und Reiter zu sehen sind, hinten eine Landschaft mit Gehöft. „Wenn man Glück hat, kann man einen Albert Schiestl für weniger als 2000 Euro erwerben“, sagt Kronseder. In Galerien werde er auch schon mal für 4000 bis 8000 Euro gehandelt.

Am 14. Februar 1937 starb Albert Schiestl-Arding mit 53 Jahren an Lungentuberkulose. Es ist nicht bekannt, dass er jemals nach Erding zurückkehrte.

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