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Amore in Erding, Bella Italia im Herzen

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Antonio Crispino mit seiner verstorbenen Ehefrau Gisela (l.) und den beiden Töchtern Gabriella und Sonja sowie seinem Schwiegersohn.
Antonio Crispino mit seiner verstorbenen Ehefrau Gisela (l.) und den beiden Töchtern Gabriella und Sonja sowie seinem Schwiegersohn. © privat

Erding – L’amore – die Liebe – führte den italienischen Seemann Antonio Innocenzo Crispino vor über 60 Jahren nach Erding. Hier wurde aus dem Bergbauernbuben ohne Deutschkenntnisse ein erfolgreicher Prokurist, Schrebergärtner und Buchautor. Aber zuerst zurück nach Italien:

In Vallemaio, einem kleinen Dorf in den Bergen zwischen Rom und Neapel, kommt Antonio Crispino am 24. August 1931 zur Welt. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen mit drei jüngeren Schwestern auf. Die Eltern betreiben eine kleine Landwirtschaft. Die Mutter sei sehr streng gewesen, aber ehrgeizig. So habe er bei Schuleintritt schon lesen und schreiben können, erinnert sich der heute 90-Jährige. Das Essen ist immer knapp, die Hausaufgaben werden bei Petroleumlicht am Ofen gemacht.

Während des Zweiten Weltkriegs tobt an der nahe gelegenen „Gustav-Linie“ bei Monte Cassino eine der längsten Schlachten zwischen der deutschen Wehrmacht und den Alliierten. Die Dorfbewohner sind der Unterdrückung durch Soldaten ausgesetzt, erst durch die Faschisten von Benito Mussolini, später durch die deutschen Besatzer. Mit Lastwagen werden die Einheimischen aus den zerbombten Dörfern in Konzentrationslager gebracht, unterwegs wird die Familie von Antonio getrennt, der Vater stirbt nach der Flucht aus dem Lager.

Antonio Crispino mit seinem Vater beim Fotografen.
Antonio Crispino mit seinem Vater beim Fotografen. © privat

Nach Kriegsende muss sich die Mutter mit den vier Kindern alleine durchbringen. Der wissbegierige Antonio darf mit einem Stipendium für Kriegswaisen das Klosterinternat der Salesianer besuchen. „Die Klosterschule war sehr streng organisiert, wir hatten zwar permanent Hunger, aber ich habe dort viel fürs Leben gelernt“ erzählt er. Als drei Monate vor der Prüfung zur Mittleren Reife die staatlichen Zahlungen eingestellt werden, muss der intelligente Bursche die Schule trotz bester Noten verlassen. „Ich war völlig verzweifelt, denn was sollte denn jetzt aus mir werden?“, erinnert sich Crispino.

Sergente Antonio Crispino
Sergente Antonio Crispino © privat

Da fällt dem damals 17-Jährigen ein Plakat ins Auge: „Komm zur Marine, lerne einen Beruf und fahre um die Welt!“ Er bewirbt sich kurzentschlossen und hält schon bald darauf die Zusage in der Hand. Zur Ausbildung geht es per Schiff zur Marineschule auf Sardinien, die Überfahrt beschert dem unerfahrenen Matrosen in spe die erste Seekrankheit.

Wie viele Bergbewohner, kann auch Antonio Crispino anfangs nicht schwimmen und wäre schon zu Beginn seiner Seemannskarriere bei einem Sturz ins Wasser beinahe ertrunken. „Das Marineleben war streng reglementiert, aber das war ich ja aus dem Internat gewöhnt“, erzählt der Ex-Matrose, der sich dank guter Verpflegung endlich satt essen kann. Auch für andere Bedürfnisse wird gesorgt, denn täglich stehen den Matrosen sieben Zigaretten zu, dazu zwei Kondome pro Woche.

Für den Bauernburschen aus einem Dorf mit 1000 Einwohnern bedeutete der Dienst auf Schiffen mit bis zu 1400 Mann Besatzung eine große Umstellung. „Da war viel Disziplin nötig, aber ich war stolz, dass ich es zur Marine geschafft habe und die Uniform tragen durfte“, sagt er rückblickend. Acht Jahre tut Crispino Dienst bei der Marine, lernt Schreibmaschine schreiben und alle Verwaltungsarbeiten auf dem Schiff. Später wird er als Zahlmeister, für Organisation und Personalangelegenheiten eingesetzt.

Ich freue mich über die etwas leichtere Sichtweise in Italien, aber ich lebe hier sehr gut. Durch das Internat und die Marine war ich gut vorbereitet auf die disziplinierte Arbeitsweise in Deutschland.

Antonio Innocenzo Crispino über seine beiden Heimaten.

Ein Landgang in Venedig verändert sein Leben: In der Warteschlange im Postamt kommt der schneidige Seemann in seiner weißen Ausgehuniform in Blickkontakt mit einer hübschen Blondine. Er spricht die selbstbewusste junge Frau an, die wie eine Touristin aussieht, und ist völlig begeistert, als sie ihm in holprigem Italienisch antwortet. Die beiden spazieren durch das sommerliche Lagunenstadt und tauschen am Ende die Adressen.

Es folgt eine zweijährige Brieffreundschaft mit Gisela Plichta, die im bayerischen Erding wohnt. Sie arbeitet für die Amerikaner im Fliegerhorst, leitet dort die Bankfiliale von American Express und begleitet die amerikanischen Angestellten bei Reisen, so auch nach Venedig. „In den Briefen ging es natürlich viel um Amore“, gibt Antonio Crispino schmunzelnd zu.

Hochzeit Antonio und Gisela Crispino 1959
Hochzeit Antonio und Gisela Crispino 1959 © privat

Bei einem Besuch in Erding wird er im Hotel Mayr-Wirt untergebracht und genießt in der Bäckerei Fleck die erste Prinzregententorte seines Lebens. Er entschließt sich 1958, seine Heimat und die sichere Arbeit bei der Marine aufzugeben und folgt seiner Gisela nach Deutschland. „Meine Familie war davon nicht begeistert. Es gab in Italien noch viel Hass auf die deutsche Wehrmacht, mit der man viele negative Erfahrungen verband“, erklärt er. Ausgestattet mit einem Touristenvisum, aber sehr geringen Deutschkenntnissen, kommt der 28-Jährige im Dezember 1958 in Erding an. Er bezieht ein winziges Zimmer und begibt sich auf Arbeitssuche. In Erding sieht er kaum Möglichkeiten und fährt deshalb täglich mit dem Zug nach München. Doch ohne Sprachkenntnisse findet er keine Anstellung, „nicht mal zum Kartoffelschälen bei Pfanni“, wie er zugibt.

Im Münchner Telefonbuch stößt der findige Mann auf italienische Firmen, die in der Großmarkthalle im Import und Export von Obst und Gemüse tätig sind. Seine Hartnäckigkeit wird belohnt mit einer „Lehrstelle“, die zwar nur 300 Mark einbringt, im Vertrag aber vollmundig als „Auslandskorrespondent“ betitelt wird. „Mit der Arbeitsstelle konnte ich endlich die Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Das war sehr wichtig für uns, denn Gisela war mittlerweile schwanger“, erzählt Crispino vom Glück der jungen Familie.

Der Start ist nicht leicht, die Bahnverbindung umständlich, doch während der Bahnfahrt verbessert er seine Sprachverbesserung durch Zeitungslektüre. Am 2. Juli 1959 läuten die Hochzeitsglocken für das junge Paar. Nach dem Mittagessen im Münchner Hof verabschieden sich die Brautleute in die Flitterwochen an den Bodensee.

Beruflich nutzt der junge Mann jede Möglichkeit, seine Lage zu verbessern und scheut auch nicht davor zurück, den Arbeitsplatz zu wechseln. „Da musste ich manchmal schon ein bisschen bluffen, um eine Stellung zu bekommen“, erinnert sich der 90-Jährige schmunzelnd. Mutig ergreift Crispino auch die Chance, für seine Familie eine günstige Eigentumswohnung in Erding zu erwerben. Sein Chef unterstützt ihn mit einem Darlehen.

Eine berufliche Verbesserung ist für den Buchhalter der Schritt zur Firma Avon Cosmetics in Neufahrn, wo ihn eine andere Arbeitswelt mit amerikanischer Buchhaltung und Verkehrssprache Englisch erwartet. „Die Kalkulation der Produkte erfolgte mit Lochkarten an den ersten Computern, da hieß es, laufend dazulernen“, sagt Crispino rückblickend. Er absolviert in seiner Freizeit einen Bilanzbuchhalterkurs, wechselt nach Umstrukturierungen zu einer Firma in Freilburg, kehrt aber schon bald nach Erding zurück und startet eine neue Karriere bei Anton Maier, damals Eigentümer des Sempt-Markts in Aufhausen.

„Meine Frau war schon länger beim Sempt-Markt als Personalleiterin tätig und dort sehr zufrieden“, erklärt der mittlerweile pensionierte Buchhalter. Voll des Lobes ist er noch heute für seinen ehemaligen Chef, bei dem er es in den 19 Jahren der Zusammenarbeit bis zum Prokuristen bringt: „Wir waren wie eine Familie und haben zusammen viel erreicht.“

Während der Neubau des Sempt-Markts entsteht, zieht die Verwaltung in die Lukasmühle in Altenerding. „Ich dachte, ich habe im Lotto gewonnen, so schön war das Büro im 1. Stock mit dem Ausblick aufs Wasser“, freut sich Crispino noch heute. Oft begleitet er seinen Chef auf Fahrten zu den Filialen. „Im Auto haben wir zusammen Pläne geschmiedet. Herr Maier war der Schöpfer und ich habe die finanzielle Basis bereitet“, schwärmt der ehemalige Prokurist.

In seiner neuen Heimat in Erding ist Antonio Crispino bestens angekommen. Die Familie mit den Töchtern Gabriella und Sonja hat sich gut etabliert, doch seine italienischen Wurzeln vergisst er nie. „Besonders meiner Frau Gisela war es wichtig, dass wir jedes Jahr nach Vallemaio gefahren sind“, betont Crispino. Sind zu Beginn die Vorbehalte gegen die Deutsche im Dorf noch groß, kann Gisela Crispino diese schnell ausräumen. „Meine Frau war sofort ein Herz und eine Seele mit meiner Mutter. Sie kam schnell mit den Leuten ins Gespräch und war später sehr beliebt im Dorf“, sagt ihr Gatte. Auch die Kinder finden im Geburtsort ihres Vaters schnell Anschluss, obwohl zuhause in Erding kaum Italienisch gesprochen wird. „Ich musste anfangs ja selbst mein Deutsch schnell verbessern“, erklärt Antonio Crispino, der mittlerweile beide Staatsangehörigkeiten besitzt.

Antonio mit seinem Buch über sein Leben.
Antonio mit seinem Buch über sein Leben. © Peter Gebel

Noch heute besucht er regelmäßig seine beiden Schwestern mit Familien in Italien, zuletzt wurde der 90. Geburtstag im vergangenen Herbst ausgiebig gefeiert. Auch die dritte Schwester, die in die USA ausgewandert ist, hat Antonio Crispino schon besucht und dort die Familientreffen mit Musik und Gesang genossen. Heute halten die Geschwister Kontakt über die Internetplattform Zoom. Crispinos Töchter Gabriella und Sonja leben mittlerweile in Berlin und München, auch Enkel Julius ist eng mit seinem Opa verbunden, der mit Computer und Smartphone bestens vertraut ist.

Auch in Erding hat sich Familie Crispino ein kleines Refugium geschaffen – mit einem Kleingarten in der großen Anlage am Volksfestplatz. „Über den damaligen Vorsitzenden Fritz Steinberger haben wir vor über 50 Jahren eine Parzelle bekommen, die ich noch heute habe“, erzählt der Hobbygärtner und amüsiert sich immer noch über die anfänglichen Vorbehalte seiner Gartennachbarn. „Was baut denn der für ein Unkraut an?“, wurde bei Steinberger angefragt, als in Bayern die Zucchini noch weitgehend unbekannt war.

Mit Steinberger verbindet Crispino die Liebe zur Seefahrt ebenso wie der Kleingartenverein, in dem er über viele Jahre als Kassier tätig war. Bis heute fungiert er auch im Verschönerungsverein Erding als Kassier an Steinbergers Seite. „Er ist ein ganz besonderer Mensch, ein richtiger Europäer“, lobte Steinberger seinen Kassier bei der Feier von dessen 90. Geburtstag.

Seit zwei Jahren lebt Antonio Crispino nun allein in seiner Wohnung, denn nach fast 60-jähriger Ehe verließ ihn seine Gisela nach kurzer Krankheit. „Ein sehr schwerer Verlust“, sagt der Witwer traurig: „Gisela hat mich sehr geliebt und ich habe immer versucht, mich ihrer würdig zu erweisen und sie nicht zu enttäuschen.“

Er bereut es nicht, damals nach Deutschland gegangen zu sein: „Ich freue mich über die etwas leichtere Sichtweise in Italien, aber ich lebe hier sehr gut! Durch das Internat und die Marine war ich gut vorbereitet auf die disziplinierte Arbeitsweise in Deutschland“, meint Crispino und ergänzt, er habe auch viel Glück gehabt mit den Menschen, die er hier in Erding kennengelernt hat. (Gerda und Peter Gebel)

Serie Mein Leben

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