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Stellte die neuen Richterinnen vor: Amtsgerichtsdirektorin Ingrid Kaps (2. v. l.) mit Victoria Betz, Ramona Wolfe und Diana Fröba (v. l.). Nicht auf dem Bild: Julia Raichle.

Fünf Zivilrichter gehen, nur vier kommen nach – Und das trotz Klageflut gegen Airlines

Die Roben-Rochade am Erdinger Amtsgericht

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Kräftiges Stühlerücken am Amtsgericht Erding: Fünf Richter haben die Erdinger Justiz verlassen, vier neue Richterinnen sind gekommen. Zwei davon sind an der Münchener Straße keine Unbekannten.

Erding Sie werden sich durch das dicke Brett des Zivilrechts bohren. Vor allem Streitigkeiten mit Fluggesellschaften nach Annullierungen und Verspätungen bekommen sie auf den Tisch. Selbst der Lockdown hat die Klageflut nicht abschwellen lassen. Und unterm Strich steht das Amtsgericht nach der Rochade personell schlechter da.

In einer Pressekonferenz berichtete Amtsgerichtsdirektorin Ingrid Kaps, dass Dr. Stefan Trommler bereits im September ins Justizministerium gewechselt ist. Seine halbe Stelle sei nicht nachbesetzt worden, bedauerte Kaps. Im Dezember war Antonia Heitmann-Gordon zur Staatsanwaltschaft Landshut gewechselt. Dorthin zog es auch Lisa Marie Kapser und Kathrin Kohlhuber zum Jahreswechsel. Und Carolin Renner arbeitet nun als Arbeitsgemeinschaftsleiterin bei der Justiz.

Die Nachbesetzungen beweisen: Justitia wird immer weiblicher. Neu im Erdinger Richterkollegium ist Diana Fröba. Die 41-Jährige aus Heimstetten hat den Mutterschutz hinter sich. Aufgewachsen ist sie in Grafing. Nach dem Studium in München kam sie im Juli 2005 an einer Strafkammer am Landgericht München I, zwei Jahre später zur Staatsanwaltschaft München I. Am Amtsgericht München arbeitete sie als Straf-, Zivil- und Jugendrichterin. Streift sie die Robe ab, fotografiert Fröba gerne und geht auf Reisen.

Ramona Wolfe war schon einmal in Erding, ehe auch sie eine Familienpause einlegte. Sie stammt aus Bamberg, studierte in Würzburg und ging nach dem ersten Staatsexamen in die Schweiz, um in St. Gallen zu promovieren. Nach einem Forschungsjahr in Montreal/Kanada und ihrer Doktorarbeit in Cardiff/Wales war die heute 36-Jährige in München und Landshut, ehe sie 2016 für ein Jahr in Erding Urteile sprach. Vor der Babypause war Wolfe bei der Staatsanwaltschaft München I beschäftigt. Reisen ist auch ihre große Leidenschaft.

Die Dritte im Bunde junger Mütter, die ins Berufsleben zurückkehren, ist Dr. Julia Raichle, die Ende 2015 erstmals als Zivilrichterin nach Erding gekommen war. Die 37-Jährige ist im Saarland geboren und aufgewachsen, ehe sie in Trier studierte. Dort promovierte sie auch. 2012 zog sie nach München, arbeitete als Rechtsanwältin und später bei der Staatsanwaltschaft München II.

Ganz am Anfang ihrer Karriere steht Victoria Betz. Die 26-Jährige kommt aus Dachau. Nach dem Jurastudium in Augsburg arbeitete sie im Rahmen ihres Referendariats als Zivilrichterin am Amtsgericht Dachau, in der Strafabteilung der Staatsanwaltschaft München II, im Landratsamt Dachau und in einer Anwaltskanzlei in Karlsfeld.

Insgesamt gibt es am Amtsgericht nun 21 Richter auf 17,5 Stellen. „Ich hoffe, dass wir wieder personelle Verstärkung bekommen“, sagt Kaps. Die momentane Situation führt sie auf den Sparzwang des Staates infolge der Corona-Krise zurück. Deswegen wird die Arbeit in Erding aber nicht weniger. Auch wenn hier keine Ermittlungsrichtersachen mehr anliegen – die sind nach Landshut abgezogen worden –, bleibt die hohe Zahl an Klagen auf der Grundlage der Europäischen Fluggastrechteverordnung. „Obwohl im Lockdown viel weniger geflogen wurde, haben die Zivilsachen 2020 um zehn Prozent zugenommen“, berichtet die Direktorin. Hintergrund: Viele Airlines setzten zwar Flüge an, strichen diese aber, wenn die Maschinen zu schlecht ausgelastet waren. Ein Rechtsanwaltsportal hat unlängst errechnet, dass allein am Flughafen München über 4000 Reisende wegen Verspätungen und Annullierungen vor Gericht ziehen könnten.

Einen positiven Effekt hatte die Pandemie laut Kaps aber doch: ein Rückgang der Strafsachen. Die vier Strafrichter können sich dennoch nicht zurücklehnen – sie helfen ihren Kollegen aus dem Zivilbereich. 

ham

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