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Auch in der Wachtmeisterei des Amtsgerichts herrscht Personalmangel.

Justiz arbeitet weiter am Anschlag – Dritte Abteilung wird abgesiedelt

Erding fehlt ein ganzes kleines Amtsgericht

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Das Amtsgericht Erding arbeitet weiter oder über der Belastungsgrenze - auch räumlich. Direktorin Ingrid Kaps hat nun ausgerechnet, wie viel zusätzliches Personal sie bräuchte. Immerhin, etwas Abhilfe schafft das Justizministerium.

Erding – Wie gut Ingrid Kaps Tetris spielen kann, ist unbekannt. Unbestritten ist, im Verschieben von Abteilungen ist die Direktorin des Erdinger Amtsgerichts versiert – notgedrungen. Denn im Hauptgebäude an der Münchener Straße wird die Raumnot immer größer. Das Grundbuchamt ist schon zu den Stadtwerken umgezogen, im September siedelte das Nachlassgericht an den Gestütring um, nachdem die Gerichtsvollzieher ausgezogen waren. Auf absehbare Zeit steht die nächste Rochade an: Die dem Landgericht Landshut unterstellten Bewährungshelfer, derzeit ebenfalls am Gestütring ansässig, suchen 150 Quadratmeter Bürofläche in möglichst zentraler Lage. Denn auch das Betreuungsgericht soll die Zentrale dorthin verlassen, kündigte Kaps in der Jahrespressekonferenz an (wir berichteten).

Die Raumnot ist das eine, die weiterhin überproportionale Belastung des Personals das andere. 114 Mitarbeiter sind am Amtsgericht beschäftigt, darunter 21 Richter und 88 Frauen. „Die Belastung lag im vergangenen Jahr bei den Richtern bei 1,52“, so Kaps. Das heißt, jeder Richter besetzte quasi eineinhalb Stellen. Der Landesdurchschnitt liegt laut Kaps bei 1,07. Wollte sie auf eine normale Belastung (1,0) kommen, müsste ihr die Justiz neun zusätzliche Richter schicken – reine Theorie, wie sie weiß.

Umso dankbarer ist sie für die Zusage des Justizministeriums, eine freigewordene Stelle zu kompensieren und eine weitere vorerst um den Faktor 0,25 aufzustocken.

Die Belastung der Rechtspfleger lag bei 1,28, was drei zusätzlichen Stellen entspräche, bei den Geschäftsstellen und den Wachtmeistern bei 1,36, rechnerisch wären hier 13 zusätzliche Leute erforderlich. „Unterm Strich fehlt uns quasi ein komplettes kleines Amtsgericht“, rechnet Kaps vor. Ihr Glück: Die Richter sind mit durchschnittlich 38 Jahren sehr jung (Landesmittelwert: 46), die nicht-richterlichen Bediensteten sind im Schnitt 43 (Bayern: 46) Jahre alt – und entsprechend leistungsfähig. Sie fangen laut Kaps viel ab. Allerdings ist – typisch für eine Metropolregion – die Fluktuation mit 33 Prozent recht hoch, im gesamten Freistaat sind es nur 21 Prozent. „Dennoch bleiben bei uns keine Verfahren liegen. Für diese Einsatzbereitschaft kann ich mich nur bedanken“, lobt Kaps.

Glücklich ist sie auch, dass Corona der Justiz bisher so gut wie nichts anhaben konnte. „Es gab im Haus keine einzige Infektion“, so Kaps. Drei Kollegen hätten sich zwar angesteckt, allerdings nicht am Arbeitsplatz.

Der bleibt am Amtsgericht Mangelware. Die Pandemie hat die Lage laut der Direktorin noch verschärft, weil sich viele Mitarbeiter Büros teilen. „Das bedeutet einen hohen Mehraufwand“, erklärt Kaps, unter anderem Schichtdienst, Homeoffice – allerdings mit Akten(bergen) aus Papier – sowie Videokonferenzen, wo es die Verhandlungen erlauben.

Nur im ersten Lockdown habe man zeitweise Verhandlungen ausgesetzt. „Aber die Justiz muss ja weiter arbeiten, und es gibt viele eilbedürftige Entscheidungen“, so die Chefin. Mittlerweile laufe die Erdinger Justiz wieder im Normalbetrieb – mit Richtern und Prozessbeteiligten hinter FFP2-Masken und Plexiglasscheiben.

Die Einführung der digitalen Akte und der entsprechenden technischen Aufrüstung hat das Justizministerium verschoben, zumindest bei den Amtsgerichten. Und in Erding lebt der Traum von einem großen Justizzentrum mit Platz für alle weiter.

ham

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