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Anni Steidler 90 

Eine fröhliche Dame trotzt den dunklen Stunden

Dass sie schon ihren 90. Geburtstag feierte, sieht man Anni Steidler aus Erding nicht an. „Ich hab’ das Waidler-Gen“, sagt die Senioren lachend, die aus der Glasstadt Zwiesel im Bayerischen Wald stammt.

Erding– Doch viele schöne Erinnerungen an die Kindheit hat sie nicht, gibt Steidler zu. „Wir sind im Krieg aufgewachsen. Ich hatte sieben Geschwister, und wir waren bettelarm.“ Ihre Lehre als Verkäuferin konnte die junge Frau nicht beenden, denn die Geschäfte wurden bombardiert. Steidler kam nach Eggenfelden, wo sie als Aushilfe auf einem Bauernhof arbeitete, bis sie bei der Firma Deckel in München eine neue Stelle fand.

In München lernte sie 1950 ihren späteren Mann Martin Lechner, einen Zimmerer, kennen. Im Jahr 1952 wurde Hochzeit gefeiert. Die Frischvermählten zogen nach Oberpframmern (Kreis Ebersberg), wo Sohn Alfred und Tochter Irene das Glück komplettierten. Doch es währte nur kurz, denn 1957 verstarb der Familienvater an einer toxischen Grippe. Die junge Mutter stand vor dem Nichts, denn eine Rente gab es noch nicht. Sie schneiderte damals die Kleidung für ihre Kinder selbst und wusste oft nicht, woher sie die Stoffe dafür nehmen sollte. So wurde aus einem Kleid von ihr schon mal ein Kleid für die Tochter.

Da es in Oberpframmern keine Arbeitsstellen gab, half die junge Frau bei den Bauern und beim Limonadenhändler Anderl bei der Abfüllung. 1962 lernte sie Josef Steidler kennen. Es funkte sofort, und ein Jahr später trat die Mittdreißigerin zum zweiten Mal vor den Traualtar.

Die junge Familie zog nach Erding, und Steidler fand eine Stelle als Küchenkraft im Fliegerhorst. Gesundheitlich angeschlagen ging sie bereits mit 60 Jahren in den Ruhestand. „Unser Küchenteam trifft sich immer noch regelmäßig. Anfangs waren wir 30 Personen, aber jetzt sind es nur noch fünf bis sechs Ehemalige, die kommen“, erzählt sie und fügt hinzu: „Wir sind ja auch schon alle weit über 80 Jahre alt.“

Den Lebensabend wollte das Ehepaar Steidler gemeinsam verbringen – unter anderem im Urlaub in Hüttau im Salzburger Land. „Hier auf 1000 Metern Höhe konnten wir abschalten“, schwärmt die Jubilarin noch heute.

1985 erkrankte Ehemann Josef schwer, und Anni Steidler pflegte ihn hingebungsvoll neun Jahre lang bis zu seinem Tod. Auch ihre Kräfte hatten inzwischen nachgelassen, und es war ihr ein Bedürfnis, nach Lourdes zu fahren. Diesen Wunsch konnte sie sich erfüllen, und „seitdem geht es mir einigermaßen gut, das Wasser hat mir geholfen“.

2016 folgte ein weiterer schwerer Schicksalsschlag, als Tochter Irene verstarb. Das hat Spuren hinterlassen. Sohn Alfred wohnt in der Nachbarschaft und hilft seiner Mutter, wo immer es geht. „Noch kann ich meinen Haushalt überwiegend alleine bewältigen“, sagt die Jubilarin stolz.

Sie ist trotz vieler dunkler Stunden eine fröhliche Dame, die dem Leben positiv gegenüber steht. „Seit 20 Jahren bin ich schon im Altenheim angemeldet. Aber so lange es geht, bleibe ich in meiner Wohnung, die seit 1963 mein Zuhause ist.“ Elvi Reichert

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