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Ganz klar zu erkennen sind die beide Bögen aus dunklerer Erde. Sie markieren den doppelten Graben. Dazwischen war ein Wall, der den Königshof in Altenerding sicherte. Unter den beiden Zelten arbeiten die Archäologen noch zwei Wochen. Sie finden zahlreiche Gegenstände wie Messer, Web-Utensilien oder Tierknochen. Später wird hier ein Haus gebaut.

Archäologische Grabungen in Altenerding

Keimzelle Erdings war ein Königshof

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Der Kern Erdings liegt in Altenerding. Seit Anfang August wird die Keimzelle der Herzogstadt von Archäologen nach 2010 erneut erforscht – es handelt sich um den karolingischen Königshof Ardeoingas mit Wallanlage. 100 Menschen sollen Karl dem Großen hier gedient haben.

Erding - Wer dorthin will, wo das heutige Erding entstanden ist, nimmt den Gaugrafenweg. Der Straßenname passt eigentlich nicht. Nicht mehr. Zum Königshof wäre die passendere Bezeichnung. Denn mitten in dem Wohngebiet nahe der Sempt finden Archäologen immer mehr Überreste aus frühmittelalterlicher Besiedlung.

Der Name Altenerding kommt nicht von ungefähr. Hier hat die Stadt ihren Ursprung. Die Historiker, erinnert sich Harald Krause, Leiter des Museums Erding, hätten schon lange gewusst, dass es in Erding einen Königshof gegeben haben muss. „Wir wussten aber lange nicht, wo er gestanden haben könnte.“

Seit 2010 ist man schlauer: Im Zuge einer Wohnhausbebauung am Gaugrafenweg fanden und sicherten Archäologen Überreste dieses Königshofs, ein mit zwei Gräben eingefriedetes Befestigungswerk und stattlicher Innenbebauung aus dem achten bis 13. Jahrhundert. Nun wird auch in der Nachbarschaft gebaut – davor führen wieder die Archäologen Regie.

Anfang August begannen Wissenschaftler des Instituts für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig Maximilians Universität München zusammen mit der Gesellschaft für Archäologie in Bayern eine vierwöchige Lehr- und Forschungsgrabung. „Studierende und Ehrenamtliche werden dabei in der archäologischen Feldarbeit geschult“, erklärt Krause. Das Projekt geht noch zwei Wochen.

Für die Erdinger Geschichte ist das Gebiet von zentraler Bedeutung, befand sich hier doch der frühmittelalterliche Königshof von Ardeoingas, einer von ganz wenig archäologisch gut erhaltenen in Bayern, so Institutsleiter Prof. Dr. Bernd Päffgen. „Wir kennen ihn aus einer karolingerzeitlichen Urkunde“, sagt Krause. Die Erstnennung Erdings erfolgte seinen Angaben zufolge in einer Urkunde aus dem Jahr 788. Sie verweist auf den Königshof an der Sempt, in dem Karl der Große (747 bis 814) einen großen Gerichtstag abhalten lässt.

Der für die Grabung zuständige Doktorand Marc Miltz, Stipendiat der Stadt Erding, berichtet, „dass es damals noch keine Städte gab“. Dass hier ein Hof existierte, lässt darauf schließen, dass das heutige Erding bereits gut mit (Handels-)Wegen erschlossen war, beispielsweise durch die Römerstraße.

Der Hof vom Gaugrafenweg befand sich nach Erkenntnissen der Wissenschaft in königlichem Eigenbesitz und hatte nach den Worten Krauses „zentralörtliche Funktionen der Herrschaft, der Wirtschaft, des Schutzes, der Rechtsprechung, aber auch der Religion“.

Der Altenerdinger Königshof, den man sich nicht wie einen Palast vorstellen darf, ist wohl nicht auf der Grünen Wiese entstanden. Miltz konnte vorab herausarbeiten, dass der Hof seinen Ursprung schon früher, nämlich im siebten oder achten Jahrhundert, gehabt haben muss – damals unter den letzten bajuwarischen Herzögen der Agilolfinger. Sie waren das letzte unabhängige Herrschergeschlecht im Stammesherzogtum Baiern, ehe Letzteres von Karl dem Großen ins Fränkische Reich eingegliedert wurde.

Krause, Miltz und Päffgen gehen davon aus, dass der Königshof einen größeren Umgriff hatte. Sie ordnen auch die in den 1960er Jahren abgerissene Kirche auf dem Petersbergl – dort steht heute ein Wohnhaus – am anderen Ufer der Sempt der Anlage zu.

Dieses Gotteshaus mit Friedhof ist für die Landkreisgeschichte von großer Bedeutung: Es dürfte sich bis zum Abriss um eines der ältesten Gebäude im Erdinger Land gehandelt haben. Krause geht davon aus, dass der Vorgängerbau an derselben Stelle vermutlich die erste christliche Kirche in der gesamten Umgebung gewesen sei. Ihre Rolle als Erdinger Pfarrkirche verlor sie mit dem Bau der heutigen Altenerdinger Kirche Mariä Verkündigung. Altenerding war damals Sitz der gesamten Erdinger Pfarrei. St. Johannes mit der Stadtpfarrkirche erlangte erst später ihre heutige Bedeutung.

Päffgen erklärte, dass auch der Komplex mit der Kirche an der Sempt derzeit genauer erforscht werde. „Die geborgenen Skelette werden in den USA untersucht. Das zeigt, wie international unsere Wissenschaft ist.“

Die ersten zwei Wochen der Grabung, bei der die Münchner Wissenschaftler von Ehrenamtlichen des Archäologischen Vereins Erding und des Archäologischen Arbeitskreises am Museum Erding unterstützt werden, waren schon recht ertragreich. Freigelegt wurde unter anderem eine Hausmüllgrube. Zu den zahlreichen Einzelexponaten gehören Web-Utensilien, Web-Gewichte aus ungebranntem Ton, Messer, gebrannte römische Tonziegel, Tierknochen, Keramikscherben, Werkzeugreste, aber auch Schmiedeschlacke. „Sie spiegeln den wirtschaftlichen, produzierenden Charakter frühmittelalterlicher Königshöfe wider“, so Krause, „quasi ein Gewerbe- oder Industriegebiet“. Miltz erklärt, dass die Königshöfe autark gewesen seien, daher auch die Vielzahl unterschiedlicher Funde.

Wenn die Archäologen ihre Arbeit abgeschlossen haben, wenn die Funde gesichert und die Zeugnisse im Erdreich fotografiert sind, darf am Gaugrafenweg gebaut werden. Auf Anregung von Oberbürgermeister Max Gotz entsteht an der Seitenstraße der Landgerichtstraße ein sogenannter „Authentischer Ort“, ein „Extramusealer Punkt“. Eine Stele erinnert dann an den historischen Kontext. Denn wenn der Bereich in der Semptschleife komplett bebaut ist, wird äußerlich nichts mehr auf den Königshof erinnern.

Öffentliche Führungen über das Ausgrabungsfeld bieten Marc Miltz und Harald Krause an den Donnerstagen, 17. und 24. August, jeweils um 13 Uhr an. Treffpunkt ist am Gaugrafenweg 6. Festes Schuhwerk ist ratsam, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Wissenschaftler weisen zum Schutz vor Grabräubern darauf hin, dass alle Funde sofort gesichert und abtransportiert werden.

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