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„Wir kriegen keine Mitarbeiter.“ Unternehmer  wie Siegfried Ebert (l.)  und Ralf Wawerla klagen über die Arbeitsverbote.

Ausbildungsverbot

Asyl: Arbeitgeber klagen über „Amtswillkür“

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Einige Firmen würden gerne Asylbewerber einstellen. Doch diesen fehlt häufig die Arbeitserlaubnis. Sogar mitten in der Ausbildung wird die Erlaubnis entzogen.

Erding – Makka Zyazikova hat noch Glück. Zumindest für ein halbes Jahr. Denn so lange gilt ihre aktuelle Arbeitserlaubnis. Doch das heißt für die Asylbewerberin auch: Der Kampf geht weiter. „Man braucht viel Kraft“, sagt die 21-jährige Tschetschenin, die ihre Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten mit Bestnoten abgeschlossen hat. Anderen jungen Leuten geht es aber noch schlechter als ihr. Sie haben erst gar keine Ausbildungserlaubnis erhalten – oder müssen sogar eine begonnene Lehre abbrechen.

Mehrere Unternehmer haben solche Erfahrungen. Sie sind sauer über Stellen, die sie nicht besetzen können, obwohl sie ihre Wunschkandidaten gefunden haben. „Wir haben im Landkreis Erding 1,9 Prozent Arbeitslosigkeit. Wir kriegen keine Mitarbeiter“, klagt Siegfried Ebert in einer Pressekonferenz, zu der die Aktionsgruppe Asyl (AGA) eingeladen hatte.

Der Inhaber von Vinoi Textilpflege in Erding sieht in solchen Behördenentscheidungen eine „rigorose, menschenverachtende Härte“. Er berichtet von zwei nigerianischen Mitarbeitern, die er wegen fehlender Erlaubnisse nicht weiter beschäftigen kann, und einem afghanischen Lehrling, der eventuell seine Ausbildung nach einem Jahr abbrechen muss. Wochen nach Beginn des Lehrjahrs warten Ebert und der junge Asylbewerber immer noch auf die Verlängerung der Arbeitserlaubnis.

„Abschied von der Rechtsstaatlichkeit“

So geht es auch Ralf Wawerla mit seinem Fachbetrieb für Sonnenschutz und Bodenbeläge in Erding. Er bildet bereits seit einem Jahr einen 27-jährigen Nigerianer als Bodenleger aus. Doch bis heute warten der Asylbewerber und sein Lehrherr auf die Verlängerung der Arbeitserlaubnis. „Es kann doch nicht sein, dass die Ausländerbehörde überhaupt keinen Bescheid erlässt“, schimpft Wawerla. So gebe es auch keine Möglichkeit zum Widerspruch. „Da verabschieden wir uns von der Rechtsstaatlichkeit“, erklärt der Unternehmer. An den Leistungen des jungen Mannes könne es nicht liegen, meint der Ingenieur. „Von seinem Engagement können sich andere – auch Deutsche – eine Scheibe abschneiden“, zitierte Wawerla aus dem Berufsschulzeugnis seines Azubis.

Wawerla und andere Arbeitgeber haben sich bei Einstellung solcher Kräfte auf die sogenannte 3+2 Regelung verlassen. Nach dem Asylpaket  II des Bundes sollen Flüchtlinge, die eine Ausbildung beginnen, diese garantiert beenden und danach sogar zwei Jahre arbeiten dürfen.

Katastrophal sei es nach einer Weisung des Bayerischen Innenministeriums geworden, erklärt AGA-Sprecherin Maria Brand. Seitdem gibt es immer weniger Arbeitserlaubnisse. „In manchen Häusern haben wir 80 Prozent Asylbewerber, die nicht mehr arbeiten dürfen. Die drehen langsam durch“, berichtet Brand.

„Ich fürchte, dass hier Zeitbomben gelegt werden“, pflichtet ihr Josef Luber, Chef der Erdinger Elektronikfirma Remes, bei. Er hätte gerne einen „sehr freundlichen jungen Mann“ aus Afghanisten zum Elektroniker ausgebildet. Er sei mit erstaunlichem Vorwissen gekommen und habe im Praktikum schnell Fortschritte gemacht.

Diesen Frust erleben Hans und Sabine Oskar bei einem ihrer Wunsch-Azubis. „Arbeitswillig, mit Feuereifer dabei, teamfähig“ sei der 19-jährige Afghane bei seinem Praktikum im Kochhaus Oskar in Fostern gewesen, berichtet Hans Oskar. Doch bis jetzt gebe es keine Ausbildungserlaubnis. Einem anderen Bewerber auf die Lehrstelle als Koch hatten die Oskars abgesagt. Ebenso geht es Anna Simmel, die gerne einen Afghanen zum Einzelhandelskaufmann in einem Edeka-Markt ausgebildet hätte.

Lehrstellen bleiben unbesetzt

„Das wird hinausgezögert, bis Ferienzeit ist“, vermutet der Erdinger Zahnarzt Mathias Ullrich. Sein afghanischer Auszubildender wäre jetzt ins zweite Lehrjahr gekommen und habe gute Noten in der Berufsschule. Die ausbleibende Verlängerung ist für Ullrich „einfach nicht nachvollziehbar. Das ist Amtswillkür“. Brand sieht in der behördlichen Hängepartie ein System. „Man möchte nicht, dass Flüchtlinge über den Arbeitsmarkt ein Bleiberecht bekommen“, sagt sie.

Genau das regt aber Manuel Krugmann auf. „Da ist doch der Fehler. Die Leute, die arbeiten, liegen den Sozialkassen nicht auf der Tasche“, kritisiert der Vorarbeiter im Autohaus Wendt in Forstern. Der Betrieb hätte gerne einen Afghanen zum Lackierer ausgebildet. Mehrere Lehrstellen seien nun unbesetzt, erzählt Krugmann.

Zahnärztin Ulrike Neugebauer war die Lehrherrin von Zyazikova und schwärmt in höchsten Tönen von ihr. Umso unverständlicher war für sie Ende Juli die Ablehnung der Arbeitserlaubnis. Am Tag der Zeugnisübergabe, als Landrat Martin Bayerstorfer die junge Tschetschenin für ihr Top-Berufsschulzeugnis ehrte, habe Zyazikova den Bescheid erhalten. „Das war nicht nur persönlich ein Schock, sondern auch finanziell blöd“, erzählt Neugebauer. Sie hat Briefe an OB Max Gotz und den Landrat geschrieben, Zyazikovas Fall ist Gegenstand eines Klageverfahrens. Immerhin kam jetzt eine Arbeitserlaubnis für ein halbes Jahr. „Aber was ist da mit 3+2?“, fragt Brand mit Blick aufs Bundes-Asylpaket.

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