+
Mutmacher auf beiden Seiten: Die Gäste bejubelten Flüchtlinge, die es in eine Ausbildung geschafft haben. Für Maria Brand (r.) und die Asylhelfer ein großer Ansporn. 

Neujahrsempfang der Aktionsgruppe Asyl 

Asylhelfer in Sorge: „Wie viele Abschiede werden wir schaffen?“

  • schließen

Die Aktionsgruppe Asyl blickt mit Sorge auf 2017. Im Wahljahr werde die Politik weitere Verschärfungen fordern, befürchte Maria Brand. Doch auch einzelne Erfolgserlebnisse vermeldete sie.

Klettham 15 junge Menschen, die nach ihrer Flucht im Landkreis einen echten Neustart schaffen – dieser Anblick machte den Ehrenamtlichen am Donnerstagabend beim Neujahrsempfang der Aktionsgruppe Asyl (AGA) Mut. Der nicht enden wollende Applaus für die Azubis auf der Bühne des Pfarrsaals St. Vinzenz sprach Bände. Nach all den Problemen des Jahres 2016, die AGA-Sprecherin Maria Brand in ihrer Rede rekapituliert hatte, waren die rund 100 Gäste des Empfangs dankbar für den Auftritt der Asylsuchenden in Ausbildung. „Elektroniker – Afghanistan“, „Bäcker – Nigeria“, „Zahntechniker – Tschetschenien“ und mehr stand auf den Schildern, die die Lehrlinge hoch hielten.

Die AGA besteht laut Brand aus 16 Helferkreisen – die Hälfte davon aus der Kreisstadt – und betreut im Landkreis 31 dezentrale Unterkünfte. Die Vorsitzende der Ende Februar 2016 offiziell als e.V. gegründeten AGA sagte: „Nicht alle Unterkünfte haben noch eine Helfergruppe. Das führt zu einem Domino-Effekt.“ Der Aktiven-Stamm drohe auszudünnen.

Mittlerweile würden die Asylhelfer auch von der Politik gewürdigt, das zeige unter anderem ein Neujahrsempfang des Erdinger Landrats. Sie selbst wüssten: „Ohne uns geht nichts.“ Umgekehrt hätten die Helfer zunehmend das Gefühl in der Arbeit „nur ein Feigenblatt zu sein“. Denn politische Entscheidungen hätten einige Integrationserfolge zunichte gemacht.

So hätten beschleunigte Verfahren beim Bundesamt nicht gerade zu größerer Sorgfalt geführt. „Es hagelt fast täglich Negativ-Entscheidungen“, berichtete die AGA-Frontfrau. Als schlimm bezeichnete Brand den „Deal des Innenministers de Maizière mit Afghanistan“. Nun würden viele der Flüchtlinge in das Land abgeschoben, in dem alleine 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge unterwegs seien. Eine weitere Verschärfung sieht Brand in der Weisung des bayerischen Innenministeriums, bevorzugt Flüchtlingen mit statistisch guter Bleibeperspektive Arbeitserlaubnisse zu erteilen. Das bedeute für jene, die nicht arbeiten dürfen, während sie auf eine Bamf-Entscheidung warten, eine belastende Warteschleife, die in den Unterkünften zu Depression und Aggression führen könne.

Als Grund für solche Entscheidungen der Politik sieht Brand das Wahljahr 2017. „Wir haben Angst vor diesem Jahr. Wie viele Abschiede werden wir schaffen?“

Im Landkreis Erding hätten auch Sonderwege den Geflüchteten und ihren Helfern das Leben schwer gemacht. Zuallererst der Kommunalpass: Die Bezahlkarte habe nach wie vor praktische Probleme und stelle eine Stigmatisierung dar. Positiv daran sei allerdings eine Welle der Solidarität gewesen.

Besonders bittere Erlebnisse hätten vom Landratsamt angeordnete Verlegungen gebracht. Drei Helferinnen schilderten ihre Erfahrungen. „Hier wurde ein ganzes Jahr Integrationsarbeit mit Füßen getreten“, schloss Hilde Wunderlich aus Bockhorn ihren Bericht.

Doch auch Positives hatte Brand zu vermelden. Das Kinderprogramm mit 44 Aktionen sei ebenso gut angenommen worden wie der Intensiv-Deutschkurs im Sonic mit knapp 500 Unterrichtsstunden und durchschnittlich 15 Schülern pro Treffen. Ein Highlight war das Frühlingsfest mit 200 Gästen in der Mädchenrealschule.

Eine junge Afghanin dankte den Helfern. Sie kratzte ihr ganzes Deutsch zusammen und sagte: „Eine gesunde Gesellschaft braucht gesunde Menschen. Ohne ein Ziel werden sie aber krank.“

Brand dankte ihren Mitstreitern und deren Angehörigen. Sie selbst komme bei ihrem Fulltime-Job als Asylhelferin langsam an ihre Grenzen, deutete die 70-Jährige an. Ein großes Problem sei nun, dass ihr der Raum für ihre Beratungen im Sonic nicht mehr zur Verfügung stehe. In der AGA sei sie „noch Vorstand. Noch“. Mit großem Beifall würdigten die Mitglieder ihre Vorkämpferin. Nach Auftritten mehrerer Musikgruppen – unter anderem das iranische Quartett Parsian – setzte Sänger und Gitarrist Ehi mit einem klagenden Lied den umjubelten Schlusspunkt.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der Kreißsaal öffnet im November
Neun Beleghebammen werden ab November im Klinikum Erding arbeiten. Der genaue Starttermin in der seit Juli geschlossenen Geburtsstation hängt aber noch von Bauarbeiten …
Der Kreißsaal öffnet im November
Hier finden Sie am Sonntag alle Ergebnisse des Wahlkreises Erding-Ebersberg
Welche Kandidaten ziehen für den Wahlkreis Erding-Ebersberg in den Bundestag ein? Hier finden Sie am Sonntag alle Ergebnisse der einzelnen Gemeinden für die …
Hier finden Sie am Sonntag alle Ergebnisse des Wahlkreises Erding-Ebersberg
Heuschneider-Schiff in stürmischer See
Die Gefahr ist digital. Immer mehr Menschen erledigen ihre Einkäufe online vom heimischen Sofa aus. Die Folge ist ein gnadenloser Preiskampf. Der ungleiche Wettbewerb …
Heuschneider-Schiff in stürmischer See
Eltern wünschen sich weniger Schließtage
Im Großen und Ganzen sind die Eltern mit der Kinderbetreuung im Kindergarten zufrieden. Das ergab jetzt eine Bedarfsumfrage.
Eltern wünschen sich weniger Schließtage

Kommentare