Schon dreimal war Claudia Beil auf dem Jakobsweg unterwegs – mit ihrem Rucksack samt Jakobsmuschel und in bequemen Wanderschuhen. Die Urkunde „Compostela“ zeugt davon, dass sie ihr Ziel erreicht hat.
+
Schon dreimal war Claudia Beil auf dem Jakobsweg unterwegs – mit ihrem Rucksack samt Jakobsmuschel und in bequemen Wanderschuhen. Die Urkunde „Compostela“ zeugt davon, dass sie ihr Ziel erreicht hat.

Das Pilgern fasziniert Claudia Beil, Sabine Penzenstadler und Nikolaus Hintermaier

Auf dem Weg zu sich selbst

Erding - Den Kopf frei bekommen, sich nur auf sich konzentrieren: Das sind Gründe, warum Claudia Beil den Jakobsweg geht. Nicht nur die Eichenkofenerin ist vom Pilgern fasziniert.

„Der Weg ist das Ziel“ – dieses Sprichwort des chinesischen Philosophen Konfuzius trifft auf viele Lebensbereiche zu, besonders aber aufs Pilgern. Ein ganz bekannter Weg ist der Jakobsweg, der ins spanische Santiago de Compostela führt. Claudia Beil aus Eichenkofen hat den Wallfahrtsort schon auf mehreren Wegen erreicht.

„Den Plan hatte ich schon in jungen Jahren im Kopf, das Problem war aber immer die Organisation“, erzählt die zweifache Mutter, die im familieneigenen Malerbetrieb mitarbeitet und als Vorsitzende der Unternehmerfrauen auf Kreis- und Landesebene aktiv ist. Ihre erste Pilgerreise auf dem Jakobsweg startete die 55-Jährige im Jahr 2007. Für den Abschnitt von Leon nach Santiago (mit Umwegen knapp 500 Kilometer) hatte sie drei Wochen eingeplant, bei Tagesetappen zwischen 22 und 30 Kilometern. Beil war allein unterwegs: „Ich wollte den Kopf frei bekommen und mich nur auf mich konzentrieren.“

Als Test marschierte sie mit zwölf Wasserflaschen im Rucksack einige Male um den Kronthaler Weiher. Ausgerüstet mit zwölf Kilo Gepäck und einem Reiseführer, aber ohne Spanischkenntnisse, wurde es schließlich ernst. „Verlaufen kann man sich kaum, denn alle Wege sind mit der Jakobsmuschel sehr gut ausgeschildert“, erklärt Beil. Sie nächtigte in Großschlafsälen genauso wie in kleinen Herbergen.

Hauptthema bei den Pilgern seien „Rucksack und Blasen“, sagt sie schmunzelnd. Über so manchen Ratschlag war sie froh. „Das richtige Packen ist sehr wichtig, und bei den Füßen die sorgfältige Pflege mit Hirschtalgsalbe.“ Unterwegs horche man in sich hinein, schließe mit manchen Problemen ab. Schon nach einer Woche werde der Kopf leer, doch auch Tage, an denen man nur heulen könnte, seien dabei, erzählt Beil. „Beim Leben aus dem Rucksack wird man auch bescheiden und erkennt, wie gut es einem geht und in welchem Überfluss wir daheim leben.“ Unterwegs mache jeder seine Grenzerfahrungen und erlebe sein persönliches Wunder, doch das sei eine eigene Geschichte, sagt sie.

Für die Strapazen und den Durchhaltewillen belohnt wird der Pilger bei der Ankunft in Santiago de Compostela. „Der Anblick der Kathedrale von einer Anhöhe aus ist einfach überwältigend, anschließend der Gottesdienst mit dem Gesang einer Nonne, da kommen einem die Tränen“, erzählt Claudia Beil bewegt.

In Santiago erhält sie auch die Urkunde „Compostela“, die bezeugt, dass mindestens 100 Kilometer zu Fuß zurückgelegt wurden. Die Eichenkofenerin hat drei dieser Urkunden zuhause, denn 2015 und 2017 hat sie den Wallfahrtsort auf einer anderen Route erreicht. „Der Unterschied zu meiner ersten Pilgerreise war schon krass. Damals war es noch viel ursprünglicher. Jetzt sind schon viele Wege geteert, und es sind viel mehr Pilger unterwegs“, hat sie festgestellt.

Dass das Pilgern nach Santiago de Compostela schon im 12. Jahrhundert ein Massenphänomen war, darüber berichtete Diplom-Theologe Nikolaus Hintermaier in seinem Online-Vortag „Faszination Pilgern“. Allerdings hatten die damaligen Pilger meist eine andere Motivation als heute. „Die meisten hofften auf ein Wunder oder auf die Heilung durch den Heiligen Jacobus, auch die Hoffnung auf das Seelenheil durch den Ablass der Sünden war groß“, sagte der 57-Jährige. Er ist Referent für theologische Erwachsenenbildung und Pilgerbegleiter beim Katholischen Bildungswerk.

Unterhaltsam erzählte Nikolaus Hintermaier vom KBW in dem Online-Vortrag über die Faszination Pilgern. 

Der heutige Pilger sei oft in Gruppen unterwegs und suche neben dem Naturerlebnis die Auseinandersetzung mit Gott und sich selbst, so Hintermaier. „Wichtig ist die spirituelle Komponente beim Pilgern, die den Unterschied zum reinen Wandern macht.“ Zum Pilgern gehört für Hintermaier auch die Anstrengung, sich aufzumachen in die Natur, in der man Wind und Wetter ausgesetzt ist. „Das Gehen selber ist für mich meditativ, da kann ich loslassen und werde frei vom Alltag mit seinen Gedanken und Sorgen.“

Seit jeher dient der Pilgerausweis, der von der Heimatpfarrei ausgestellt wird, als Beweis für die zurückgelegten Stationen. Die Sammlung der bunten Stempel ist noch immer begehrt.

Konnte der Pilger einst mit seinem Geleitbrief oft noch kostenlos oder günstig in Klöstern und Pilgerhospizen übernachten, so sind heute Unterkünfte vom Hotel bis zur Pension verfügbar. Beim ersten Glockenschlag sollte sich der Pilger erheben, den Gottesdienst besuchen und dann losmarschieren. Doch schon damals gab es auch faulere Genossen, die gerne länger liegen blieben. Ihnen sei das bekannte Kinderlied „Bruder Jakob“ gewidmet, erklärte Hintermaier.

Auch das Geheimnis um die berühmte Muschel, die überall am Jakobsweg zu finden ist, kann er lüften. Dem Heiligen Jakobus, der in Santiago de Compostela begraben sein soll, werden viele Wunder zugeschrieben, so auch die Errettung von Ertrinkenden, denen schon eine Muschel am Gewand klebte. So wurde sie zum Symbol für den Jakobsweg und gilt als Nachweis der vollendeten Pilgerreise.

Den kompletten Jakobsweg von Deutschland bis Santiago über 2700 Kilometer hat Sabine Penzenstadler aus Moosinning zurückgelegt – binnen neun Jahren in Etappen. Angekommen ist die Künstlerin 2013, unterwegs war sie meist allein. „Im Prinzip geht jeder allein, auch mit einer Gruppe, denn die Zeit für sich selbst ist wichtig“, sagt die 64-Jährige, die ihre Erlebnisse auch in Bildern festhält. Ihre Erfahrungen gibt sie seit Jahren als Pilgerbegleiterin beim KBW Erding und beim Bayerischen Pilgerbüro weiter.

Brotzeit am Wegesrand: Sabine Penzenstadler ist Pilgerbegleiterin des Bayerischen Pilgerbüros.

Penzenstadler empfiehlt, das Pilgern einfach mal auszuprobieren. Das KBW hat mehrere Touren im Programm, die Hintermaier, Penzenstadler und Petra Altmann begleiten. „Es sind immer nette Leute dabei, die das gleiche Ziel haben, dazu gibt es unterwegs spirituelle Impulse, Lieder, aber auch Strecken im Schweigen oder ein Picknick.“

Im Online-Vortrag zeigte Penzenstadler Bilder von zwei Etappen des Bayerisch-Schwäbischen Jakobswegs zwischen Donauwörth und Memmingen. Sie berichtete von netten Begegnungen und beglückenden Naturerlebnissen. „Trotz oft schlechtem Wetter und ohne Handyempfang im Wald habe ich mich glücklich gefühlt“, erzählt sie. Ihr Rat: „Einfach mal machen, es könnte ja gut werden.“

Im Herbst (10. bis 20. September) hat sie mit dem Bayerischen Pilgerbüro eine Reise auf dem Jakobsweg geplant, der durch verkürzte Etappen (11 bis 16 Kilometer) auch für Anfänger mit guter Grundkondition geeignet ist. In der Gruppe werden die letzten 100 Kilometer von Sarria nach Santiago de Compostela zurückgelegt, sofern es die Corona-Pandemie zulässt.

Auch Claudia Beil zieht es wieder nach Spanien, sobald dies möglich ist. Ihre Ausrüstung steht bereit. Diesmal möchte sie vom südfranzösischen Arles aus starten. Doch eigentlich ist es egal, welchen Weg man geht, denn eine Erkenntnis beim Pilgern lautet: „Der schönste Weg beginnt vor der Haustür und führt einen zu sich selbst.“

GERDA UND PETER GEBEL

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare