Helfer mit schweren Maschinen - die B.A.C.A.-Mitglieder mit ihren Road Names (v. l.): Bouc aus Erding, Ernie aus Garching, Faxe aus München und Sunny aus Fürstenfeldbruck. Kurz nachdem die vier ihre Motorräder für das Foto auf den Grünen Markt in Erding abgestellt hatten, fuhr schon eine Polizeistreife vor.
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Helfer mit schweren Maschinen - die B.A.C.A.-Mitglieder mit ihren Road Names (v. l.): Bouc aus Erding, Ernie aus Garching, Faxe aus München und Sunny aus Fürstenfeldbruck. Kurz nachdem die vier ihre Motorräder für das Foto auf den Grünen Markt in Erding abgestellt hatten, fuhr schon eine Polizeistreife vor.
Fast 46 000 Kilometer sind diese B.A.C.A.-Mitglieder insgesamt gefahren, um ein Missbrauchtes Kind in München mit einer Zeremonie in ihrer Familie aufzunehmen.
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Fast 46 000 Kilometer sind diese B.A.C.A.-Mitglieder insgesamt gefahren, um ein Missbrauchtes Kind in München mit einer Zeremonie in ihrer Familie aufzunehmen.

B.A.C.A. – Biker gegen Kindesmissbrauch 

Die Biker mit dem weichen Herz

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Sie wollen missbrauchten Kindern Mut geben: die Mitglieder von B.A.C.A. Mit schweren Motorrädern und Kutten treten sie als Helfer auf – und stellen sich notfalls zwischen Opfer und Täter.

Erding– Schweres Motorrad, Lederkluft, Kutte, Tattoo, Nasen-Piercing – Biker haben nichts dagegen aufzufallen. Bei B.A.C.A. International Germany e. V. hat die raue Schale einen ganz weichen Kern. Denn B.A.C.A. steht für „Bikers against child abuse“ – „Biker gegen Kindesmissbrauch“. In den USA gibt es diesen ungewöhnlichen Motorradclub seit über 20 Jahren. Rund um München stehen die Mitglieder des „Lions Chapter“ seit einem Jahr missbrauchten Mädchen und Buben zur Seite. „Die Täter sind für traumatisierte Kinder Monster. Wir sind die größeren Monster. Wenn die Kinder uns auf ihrer Seite haben, schwindet die Angst, eine vollständige Aussage zu machen“, sagt „Ernie“.

Er ist President des Lions Chapter. Mit seinen 20 Mitstreitern rund um München betreut er aktuell vier Kinder. Zwei weitere Fälle mit fünf insgesamt Betroffenen seien gerade in der Prüfung, erzählt der 39-jährige Unternehmer aus Garching.

Ernie ist nicht sein richtiger Name. Der „Road Name“ ist seine B.A.C.A.-Identität und soll auch ihn schützen. Das gilt ebenso für „Bouc“, 48 Jahre alt, angestellter Betriebswirt aus Erding und Vater von zwei erwachsenen Kindern. „Jeder von hat selbst Familie“, sagt er. Denn im Notfall stellen sich die Biker auch zwischen Opfer und Täter – höchstens aber durch sichtbare Präsenz vor Ort.

Der Teddybär wird mit Liebe aufgetankt

Der Weiße Ring arbeitet in München bereits mit B.A.C.A. zusammen. „Das ist eine super Sache“, sagt Andrea Hölzel. Als Außenstellenleiterin bei der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer habe sie häufig mit Eltern von Missbrauchsopfern zu tun. In solchen Fällen kläre sie über vieles auf, auch über den möglichen Beistand von B.A.C.A. Sie habe selbst lange in den USA gelebt und kenne daher das Engagement des Vereins, erzählt Hölzel. „Die machen einen ganz tollen Job, wenn sie sich schützend vor die Kinder stellen.“

„Alleine durch unsere Anwesenheit stärken wir die Kinder“, erklärt Ernie – mehr aber auch nicht. „Wir haben auch schon Anrufe von Leuten bekommen, die uns für einen Schlägertrupp halten und meinen, wir sollten uns mal um einen Täter kümmern“, erzählt der President. Auf eine Konfrontation oder gar Gewalt lassen sich er und seine Biker aber nicht ein.

Mehr als Abschreckung gibt es bei B.A.C.A. nicht. Noch wichtiger ist aber das Mutmachen. Mit einer großen Zeremonie wird das Kind anfangs in die Biker-Familie aufgenommen – mit donnernden Motoren und großer Herzlichkeit. „Level I“ heißt das in der B.A.C.A.-Sprache.

Erst vor kurzem sind 83 Mitglieder aus zwölf Chaptern und drei Ländern zu einem solchen Level I auf einem Parkplatz im Stadtgebiet von München vorgefahren. Sie stellten ihre Motorräder in einem Halbkreis auf, in der Mitte das missbrauchte Kind mit seiner Familie. Beim Level I wird das Opfer selbst Mitglied, erhält einen Road Name, eine Kutte mit Aufnäher und einen Teddybär. „Den drückt jeder anwesende Biker fest und tankt ihn mit Liebe auf“, erzählt Ernie.

„Die Kinder sind danach zehn Zentimeter größer“, schwärmt „Sunny“. Die 57-jährige Arzthelferin aus Fürstenfeldbruck erfuhr bei einem Motorradgottesdienst mit dem evangelischen Diakon Rainer Fuchs von dem Club und ist nun Mitglied. „Wenn wir dazu beitragen können, den Teufelskreis zu durchbrechen, damit die Kinder sich trauen auszusagen – dann haben wir gewonnen“, sagt die dreifache Mutter.

Auch der Münchner President, selbst Vater von zwei Kindern, ist überzeugt von dem Konzept. Er habe in seinem persönlichen Umfeld selbst von einem Missbrauchsfall erfahren. Dadurch sei er auf B.A.C.A. aufmerksam geworden. „Das damalige Opfer hat zu mir mal gesagt: ,Das hätte ich mir gewünscht‘“, erzählt Ernie. Also suchte er vor ein paar Jahren den Kontakt zu der Organisation. Bis dahin hatte er noch nicht einmal einen Motorradführerschein. Heute fährt er mit einer Harley vor.

Los geht es immer mit einem Hilferuf – wenn Eltern das Gefühl haben, ihrem Kind in Not könnte Beistand von großen Freunden mit Motorrad und Kutte helfen. „Wir prüfen dann die Unterlagen“, erzählt Ernie. Dafür müssen die Eltern ihm als „Child Liaison“, also als Vertrauensperson des Clubs, Akteneinsicht gewähren. Im Lions Chapter hat nur Ernie diese Aufgabe. Er allein kennt den vollen Sachverhalt und den richtigen Namen des Kindes. Auch da sind die B.A.C.A.-Statuten strikt.

Mitgliedschaft nur mit Führungszeugnis

Mitglieder müssen vor der Aufnahme in den e. V. ohnehin ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Und die Grenzen des ehrenamtlichen Engagements seien allen B.A.C.A.-Bikern bewusst, sagt der Münchner Chef: „Wir sind ja keine Psychologen, und machen daher auch keine psychologische Betreuung. Wir hören zu.“

Ernie kann auch schon von eigenen Erfolgserlebnissen berichten. Ein fünfjähriges Mädchen – ihr Road Name ist Elsa – habe durch einen Missbrauch einen Sprachfehler gehabt. Am Tag nach Elsas Aufnahme in den Club habe sie auf einmal gesprochen, das habe der Vater erzählt. „Papa, du kannst jetzt zu dem Mann sagen: Ich hab’ keine Angst mehr vor ihm“, habe Elsa gesagt. Der Täter wohnt in der Nachbarschaft.

Die Rocker mit dem weichen Herz haben auch die Berichterstattung über einen Missbrauchsfall in Erding verfolgt. Dass das elfjährige Opfer vor Gericht alleine aussagen musste, macht Bouc sauer. „Da hätten wir ihr beistehen können“, meint er.

Mit so etwas hat B.A.C.A. Erfahrung – auch in Deutschland. Bei einem Fall in Köln hätten Angehörige des Täters versucht, das Opfer zu verunsichern, bevor es vor Gericht aussagte, erzählt Ernie – mit Knallkörpern oder gar Steinwürfen ans Fenster. Der Club zeigte vor dem Haus Präsenz, die Belästigungen hörten auf.

Ein guter Kontakt zu den Behörden gehört dazu. Das habe gerade der Kölner Fall gezeigt. Denn als das Kind aussagen sollte, begleitete es ein stattlicher B.A.C.A.-Konvoi zum Gericht. Ein besorgter Taxifahrer meldete bei der Polizei eine „Rockergang“, die aufs Gerichtsgebäude zurollt. Die Ordnungshüter rückten daraufhin mit einer Hundertschaft an, erzählt Ernie. „In München haben wir uns deshalb schon bei der Polizei vorgestellt.“ Damit die Beamten beim Kommissariat für organisierte Kriminalität dann auch zu unterscheiden wissen zwischen B.A.C.A. und den wirklich schweren Jungs mit den schweren Maschinen.

von Timo Aichele

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