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Grüße aus dem römischen Totenreich: Spektakuläre Funde in Kiesgrube nahe München - Forscher vor Rätsel

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Von: Markus Schwarzkugler

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Sensationelle Funde gab es in der Kiesgrube bei Eichenkofen. Die Archäologen schließen ihre Arbeit kommende Woche ab. Vorerst.
Sensationelle Funde gab es in der Kiesgrube bei Eichenkofen. Die Archäologen schließen ihre Arbeit kommende Woche ab. Vorerst. © Markus Schwarzkugler

Scheiterhaufen, Urnengräber, aber auch eine rätselhafte Skulptur, die eine Sphinx sein könnte: Bei archäologischen Ausgrabungen bei Eichenkofen gab es geradezu sensationelle Funde.

Eichenkofen – An einer Stelle, wo normalerweise schwere Kieslaster und Bagger mit großen Schaufeln operieren, buddeln derzeit die Archäologen mit feinstem Werkzeug. Hochkonzentriert und stillschweigend liegen sie auch am Mittwochvormittag auf dem Boden der Kiesgrube von Unternehmer Sepp Kaiser, die sich bei Eichenkofen an der Straße Richtung Tittenkofen befindet.

Sensationelle Funde in Kiesgrube: Scheiterhaufen, Gräber und rätselhafte Tierskulptur

Gerade ist es etwas unruhiger. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) hat zu einem Pressetermin eingeladen. Auf dem Programm steht die Vorstellung von hochinteressanten Funden. Es geht um so spannende Dinge wie das Totenreich der alten Römer – und um eine Figur, die möglicherweise sogar eine Sphinx darstellt.

Die neuen Entdeckungen „vervollständigen das Bild vom Leben der alten Römer im heutigen Erdinger Stadtgebiet um einen weiteren Aspekt: den des Todes“, sagt Martina Pauli vom BLfD. In der vergangenen Woche sind Archäologen auf zwölf rund 1800 Jahre alte Urnengräber römischen Ursprungs gestoßen. Der Friedhof befindet sich unweit der Villa Rustica und wird dieser zugerechnet.

Wurden hier Tote verbrannt? Der mutmaßliche Scheiterhaufen aus römischer Zeit.
Wurden hier Tote verbrannt? Der mutmaßliche Scheiterhaufen aus römischer Zeit. © Schwarzkugler

Während heutzutage der Trend zum Urnengrab geht, ist das für die alten Römerquasi ein alter Hut. Ausgebuddelt wurden ein mutmaßlicher Verbrennungsplatz und direkt daneben eine Glasurne mit Ziegelsteinbedeckung. Wie Pauli erklärt, verbrannten die Bewohner eines Landguts zur Zeit des Römischen Reichs ihre Verstorbenen auf einer Art Scheiterhaufen, der Ustrina. Ascheschichten deuten darauf hin, dass eine solche nun ausgegraben wurde.

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Die menschlichen Überreste wurden für gewöhnlich in Urnen aus Keramik bestattet – was das gefundene Gefäß wiederum besonders macht, denn es ist aus Glas geblasen. Pauli datiert die Urne auf die späte mittlere Kaiserzeit.

Ein besonderer Fund: Urnen sind für die alten Römer typisch, diese hier besteht jedoch nicht wie zumeist aus Keramik, sondern ist aus Glas geblasen.
Ein besonderer Fund: Urnen sind für die alten Römer typisch, diese hier besteht jedoch nicht wie zumeist aus Keramik, sondern ist aus Glas geblasen. © Martina Pauli

Das Grabungsteam konnte die Urne komplett mit Inhalt bergen, was wegen des sehr anfälligen Materials selten gelingt. Zumal die späteren Fundstücke oft oberflächennah im Untergrund stecken und so recht schnell beschädigt werden können. „Man muss sehr vorsichtig sein, aber der Baggerfahrer hat das gut gemacht“, meint Ulrich Schlitzer von der Archäologie-Firma Planateam. Er spricht von einem „Sonderbefund“, der „wie die Nadel im Heuhaufen“ sei.

Sensationelle Funde zu Totenreich der Römer - „War wichtig, den Toten ein Opfer zu bringen“

Pauli spricht von einem römischen Verbrennungsritus, dem die Angehörigen auch beigewohnt hätten. Pauli zufolge löschten sie später den Scheiterhaufen mit Wein und anderen wohlriechenden Substanzen, der Leichenbrand – so der Fachbegriff für die übrig bleibende Asche – kam dann in die Urne.

Grabungen kommen Eigentümer teuer zu stehen – Gotz-Appell an den Freistaat

Bauherren können von Funden im Erdreich mitunter böse überrascht werden. Denn werden archäologische Arbeiten nötig, tragen sie die Kosten dafür. Es kann sein, dass es dann, gerade wenn erkenntnisreiches Material gefunden wird, Geld gibt, weil der Fund etwa in Museumsbesitz übertragen werden soll. Aber manchmal können Grundeigentümer auch auf den Kosten sitzen bleiben.

Erdings OB Max Gotz sagte bei der Vorstellung der Funde in der Kiesgrube bei Eichenkofen zwar, dass die Archäologie einen hohen Stellenwert in Erding habe. Allerdings verwies er auch auf die hohen Kosten für die Grundeigentümer. „Der Freistaat Bayern wird abwägen müssen, auch Privatleute mitzunehmen“, sagte Gotz. Es könne nicht sein, dass man bei entsprechenden Funden beispielsweise beim Bau einer Doppelhaushälfte über 30 000 Euro für archäologische Arbeiten bezahlen müsse. Die aktuellen Förderungen würden nicht ausreichen.

Konkret wurde Kiesgruben-Inhaber Sepp Kaiser. Die Arbeiten auf seinem Areal, die seit 2011 laufen, hätten ihn mittlerweile 200 000 Euro gekostet – bei einem Flächenkaufpreis von 750 000 Euro. Seine Konkurrenten, auf deren Flächen nichts gefunden wurde, seien da im Vorteil. Die Kosten müsse er auf seine Preise umlegen. Die Stadt Erding wird Gotz zufolge – sehr zur Freude von Museumsleiter Harald Krause – eine Eigentumsübertragung der neuen Funde anstreben. „Ich bin mir sicher, dass wir uns mit der Familie Kaiser optimal arrangieren werden“, sagte Gotz. mas

Gefunden wurden auch Überreste von Tellern, Schüsseln mit Reliefverzierung, Öllämpchen, Räucherkelche, einem Armreif und Eisennägel, die von der Bahre oder dem Scheiterhaufen stammen dürften. Doch warum kam das alles mit ins Grab inklusive der wohlriechenden Substanzen, für die es an der Fundstelle bei Eichenkofen allerdings keine Befunde gibt?

Pauli zufolge glaubten die alten Römer an ein Totenreich, in dem die Verstorbenen umher wandelten. Und dort wollte man gut ausgestattet sein. Pauli: „Es war wichtig, den Toten ein Opfer zu bringen, für die Verstorbenen auch Essen und Trinken bereitzuhalten.“ Am Todestag seien jedes Jahr kleine Feiern zu Ehren des Verstorbenen abgehalten worden.

Mit einem römischen Dachziegel in der Hand: Martina Pauli vom Landesamt für Denkmalpflege.
Mit einem römischen Dachziegel in der Hand: Martina Pauli vom Landesamt für Denkmalpflege. © Schwarzkugler

Ob es sich um Gräber wohlhabender oder armer Menschen handelt, muss sich noch zeigen. In einem Fall war jedoch augenscheinlich mehr Geld dahinter. Darauf deutet auch die mysteriöse Tierskulptur hin, die neben dem Scheiterhaufen einen weiteren ganz besonderen Fund darstellt.

Eine mögliche Theorie, die Pauli aufstellt: Die Figur könnte eine von zweien gewesen sein, die quasi als Wächter am Grab aufgestellt wurden – was für einen wohlhabenderen Toten sprechen würde. Möglicherweise war die Skulptur Teil eines größeren Grabmonuments oder Grabsteins.

Sphinx, Löwengreif, geflügelter Löwe? Die Figur könnte Teil eines Grabmonuments sein.
Sphinx, Löwengreif, geflügelter Löwe? Die Figur könnte Teil eines Grabmonuments sein. © Schwarzkugler

Worum handelt es sich bei dem Wesen aus Kalkstein, der vermutlich aus einer alpinen Gegend stammt? Ganz einfach ist das nicht zu deuten, da der Stein stark verwittert ist. Zu erkennen sind Hinterläufe, der Rücken, bereits sehr marode Vorderläufe und Ansätze von Flügeln, allerdings fehlt der Kopf. Es könnte sich Pauli zufolge also um einen geflügelten Löwen, einen Löwengreif oder sogar eine Sphinx handeln.

Archäologen finden rätselhafte Skulptur in Kiesgrube

Die ersten Befunde in der Kiesgrube gehen auf das Konto von Harald Krause, dem Leiter des Museums Erding. Schlitzers Archäologen-Team ist auf dem Areal von Kaiser seit 2011 immer wieder tätig. Weiter im Westen gab es schon Funde vom Ende des 2. Jahrtausends vor Christus. Schlitzer zufolge besteht der Boden zunächst aus Humus, darunter kommt der Lehm mit den möglichen Fundstücken und dann eben erst der Kies, den Unternehmen wie das von Kaiser abbauen.

Die aktuellen Arbeiten sollen kommende Woche abgeschlossen sein, weitere in der Tiefe schlummernde Funde sind laut Schlitzer aber nicht ausgeschlossen. Dass in Erding schon Verdachtsflächen untersucht werden, lobt Stadtheimatpfleger Willi Wagner. Pauli bezeichnet die Stadt hier sogar als Vorbild.

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