In schutzanzügen bringen die Bestatter Corona-Tote zum Friedhof oder ins Krematorium
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In Schutzanzügen bringen die Bestatter Corona-Tote zum Friedhof oder ins Krematorium

Bestatter im Landkreis

Bei Beerdigungen ist Kreativität gefragt

  • vonAlexandra Anderka
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Bestatter aus dem Landkreis sprechen über ihre Arbeit in Corona-Zeiten und erklären, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben.

Landkreis – „Wieder einmal sind wir Bestatter vergessen worden“, kritisiert Karl Liegl, der neben Bestattungsinstituten im Landkreis Mühldorf und Landshut auch eine Geschäftsstelle in Dorfen betreibt. Er prangert an, dass der Beruf des Bestatters nicht seit Beginn der Pandemie als systemrelevant eingestuft worden sei. Sein Berufsverband habe das erst erkämpfen müssen.

„Das ist doch unglaublich“, sagt der 40-Jährige, „Was ist denn, wenn wir die Leichen nicht mehr abholen? Dann haben wir die nächste Seuche.“

Bestatter Karl Liegl aus Dorfen

Genauso sehe es bei der Impfpriorisierung aus: „Obwohl wir an den Infizierten so nah dran sind, wurden wir bislang nicht berücksichtigt, wir sind in keiner der ersten drei Priorisierungsstufen vorgesehen“, kritisiert Kollege Karl Albert Denk vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Erding. In diesem Zusammenhang gibt der 38-Jährige zu bedenken, dass die Bestatter nicht nur in einem Krankenhaus verkehrten. „Heute sind wir in Landshut, morgen in Erding oder Freising, dann in einem Seniorenheim“, sagt Denk, der auch Geschäftsstellen in Neufahrn, Freising und München unterhält.

Auf Anfrage teilt das Robert-Koch-Institut mit, dass die STIKO (Ständige Impfkommission) das Bestattungswesen mittlerweile als eine berufliche Tätigkeit mit einem „unvermeidbar sehr hohen Infektionsrisiko“ sehe und in der Öffnungsklausel zur Priorisierung berücksichtigt werden sollte.

Eine häufigere Testung seiner 20 Mitarbeiter wäre laut Denk schon hilfreich, und eine damit verbundene Priorisierung bei den lokalen Testzentren. „Wir brauchen die Ergebnisse zeitnah, sonst nützen sie uns nichts.“ Die beiden Unternehmer treibt daher stets die Sorge um: Wie kann ich mich und meine Angestellten ausreichend schützen? Aus diesem Grund gilt für beide: Die Schutzausrüstung bleibt oberstes Gebot. Auch wenn Denk damit nicht ganz glücklich ist: „Wir rücken da im Schutzanzug an, mit Brille, Maske und dreifach Gummihandschuhen über den Händen.“

Für die Bestatter sei es nicht schön, unter diesen Bedingungen die Toten in den Sarg betten zu müssen. „Es macht nicht nur die Angehörigen traurig, dass die Leichen nicht mehr gewaschen und mit persönlicher Kleidung angezogen werden können. Auch wir Bestatter leiden.“ Er selbst habe bei einer befreundeten Familie miterlebt, wie das schmerzt. „Wir haben dem Vater seine eigene Kleidung in den Sarg gelegt. Das war ein kleiner Trost für die Angehörigen.“

Natürlich könne man im Online-Zeitalter viel über E-Mail, Internet und Telefon erledigen, sagt Denk, dennoch fehle der persönliche Kontakt in dieser schwierigen Phase des Lebens.

Auch bei der Organisation der Beerdigung müssen die Bestatter aktuell einige Herausforderungen stemmen. So sind bis zu diesem Wochenende nur 25 Personen erlaubt, das Weihwassergeben mit dem Pinsel ist dem Pfarrer vorbehalten. Jetzt kommen Lockerungen (siehe Bericht auf der lokalen Seite 1). Liegl hat sich derweil einen schönen Ersatz überlegt: Er rät Angehörigen, kleine Buchsbuschen in einem Korb neben dem Grab bereitzustellen, so habe jeder Trauergast die Möglichkeit, mit einem eigenen Sträuschen dem Toten Weihwasser mitzugeben. „Die Katholiken brauchen das Weihwasser, dieses Ritual ist sehr wichtig“, weiß Liegl.

Eine Alternative zu einer großen Trauerfeier bietet Denk, indem er die Beerdigung mittels eines Videos ins Internet streamt. So können Angehörige von zuhause aus teilnehmen. „Eine Familie aus Brasilien, die wegen der Corona-Beschränkungen nicht einreisen konnte, hat sich sehr über diesen Service gefreut“, erzählt Denk.

Auch einen Ersatz zum Leichenschmaus habe es bereits gegeben. „Auf einer Beerdigung wurde der Lieblingswein des Verstorbenen verteilt.“ Die Flaschen waren mit einem Etikett versehen, auf dem eine Uhrzeit stand, wo alle gemeinsam zuhause auf den Verstorbenen anstoßen sollten. „In der Not wird man erfinderisch“, weiß Denk.

Herausfordernd war für Liegl jüngst die Bestattung einer 40-Jährigen. „Alleine die Familie hat schon 50 Mitglieder gezählt. Wer darf da kommen, wer nicht? Das war ganz schwer.“ Er habe dann dazu geraten, die Beerdigung in zwei Gruppen aufzuteilen, die sich nacheinander am Grab verabschieden konnten.

Trotz aller kreativer Lösungen sind sich die beiden Bestatter einig: „Ein versäumter Abschied ist nicht nachzuholen. Ein versäumter Urlaub hingegen schon“, gibt Liegl zu bedenken, der sich die vergangenen Monate sehr über die Luxusprobleme etlicher Mitmenschen geärgert habe. Einigen Hinterbliebenen würde es deshalb auch sehr schwer fallen, die bislang gültigen Beschränkungen zu akzeptieren. „Ich verstehe das, doch bislang habe ich immer dazu geraten, auf die Todesanzeige zu schreiben, dass die Trauerfeier im engsten Familienkreis stattfindet“, sagt Denk. Manche wollten das nur ungern annehmen.

Doch man bringe damit auch Leute in einen Konflikt, die unter normalen Umständen auf die Beerdigung gehen würden, bei unklaren Angaben aber nicht wüssten, was nun zu tun sei. Die Verantwortung bei Nichteinhalten der Regeln liege bei der Familie des Verstorbenen, stellt Liegl klar „und das waren 500 Euro pro jede weitere Person, die nicht erlaubt ist.“

Dem Bestattungsunternehmer, der in acht Filialen 26 Mitarbeiter beschäftigt, machen überdies die unterschiedlichen Öffnungszeiten der Rathäuser und Polizeistationen zu schaffen. „Man weiß nie, wann wer wo erreichbar ist“, sagt Liegl. „Der Kunde sollte eigentlich nicht merken, dass wir uns in einer Pandemie befinden, aber leider gelingt uns das zur Zeit nicht immer“, bedauert Denk. Dem stimmt auch Liegl zu: „Unser Grundgedanke, eine Bestattung in Würde zu gestalten, rückt zur Zeit etwas in den Hintergrund.“

Doch für beide gelte als oberste Priorität, die Mitarbeiter zu schützen. Deshalb gebe es keine Alternative zu all den Schutzmaßnahmen, denn die Corona-Leichen seien ja noch infektiös, man gehe von 24 bis 48 Stunden aus, so Liegl. Das bestätigt auch das Robert-Koch-Institut; „Nach bisherigem Kenntnisstand ist von einer Infektiosität von Körperflüssigkeiten, insbesondere aus den Atemwegen auszugehen, und über den Zeitraum weniger Tage auch von Rückständen von Körperflüssigkeiten auf Kleidung, Haut und Umgebung des Verstorbenen.“ Wie und wie lange Leichen wirklich ansteckend sind, sei in den vergangenen neun Monaten noch nicht sicher erforscht worden, kritisiert Denk.

Bei all den vielen Herausforderungen, eine Sorge haben die Bestatter nicht: Die um die Existenz. Denn aktuell sind im Landkreis mehr Tote zu beklagen als die Jahre zuvor. Liegl sieht dennoch ein Problem auf sich zukommen: „Wenn die Pandemie noch länger dauert, werden die Hinterbliebenen kein Geld mehr haben, das Begräbnis zu bezahlen, weil sie vielleicht ihre Arbeit verloren haben.“ Im Einzelfall mache sich das bei ihm schon jetzt bemerkbar.

Karl Albert Denk

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