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Ohne Führerschein in die Schuldenfalle

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Von: Hans Moritz

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Die Forderung, unterhaltssäumigen Vätern den Führerschein zu nehmen, sorgt bei der Caritas für Empörung. Viele könnten nicht zahlen. So würde die Verschuldung noch weiter befeuert.

Erding - Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat vorgeschlagen, getrennt lebenden Vätern, die sich (finanziell) nicht oder zu wenig um ihren Nachwuchs kümmern, den Führerschein zu entziehen, um die Zahlungsmoral zu heben.

Jessica Sossau-Thiede traute bei dieser Nachricht ihren Ohren nicht. Die Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der Caritas Erding gibt zu, „dass ich es in meiner täglichen Arbeit durchaus mit Rabenvätern zu tun habe“. „Aber das ist eine kleine Minderheit“, ergänzt ihr Kollege Ralf Lohrberg. Der überwiegende Anteil der Väter, die zu wenig Unterhalt an Ex-Frau und Kinder zahle, „ist dazu schlicht nicht in der Lage“, versichert Sossau-Thiede.

Sie macht eine für Erding typische Musterrechnung auf: Eine alleinstehende Mutter mit zwei Kindern verdient halbtags 850 Euro. Hinzu kommen 388 Euro Kindergeld. Abzüglich der Miete bleiben der Rumpffamilie 88 Euro im Monat. Der getrennt lebende Vater verdient 1870 Euro netto. Nach Abzug von Wohnung (700 Euro), Auto und Benzin (350 Euro) und anderen Ausgaben in Höhe von 450 Euro bleiben ihm 370 Euro. Diesen Betrag könnte er als Unterhalt zahlen. Laut Tabelle stünden Mutter und Kindern aber 747 Euro zu.

„Wenn man den Vater nun zwingt, mehr zu zahlen, indem man ihn pfändet, könnte er von seinem Einkommen nicht mehr leben. Er müsste staatliche Hilfen beantragen. „Und jetzt kommt die Ministerin und will solchen Leuten auch noch den Führerschein nehmen und damit die berufliche Existenz entziehen“, ärgert sich die Schuldnerberaterin. „Wer berät die eigentlich?“ In diesen Fällen drohten beide Seiten zu Sozialfällen zu werden.

Lohrberg erklärt, Trennung, Scheidung und Tod des Ernährers seien die Hauptfaktoren für Verschuldung. „Fällt die Familie auseinander, ist das für viele der Einstieg in die Ver- und Überschuldung.“ Die dann doppelt anfallenden Kosten vor allem für die hohen Mieten brächen immer mehr Menschen das Genick.

Sossau-Thiede und Lohrberg sehen auch die Regelung des staatlich gewährten Unterhaltvorschusses kritisch. „Denn es wird immer versucht werden, sich das Geld zurückzuholen. Und da mittlerweile sogar Renten pfändbar seien, „geht das ,Spiel‘ verdammt lang“, so Lohrberg.

In der Region sei die Lage wegen der hohen Mieten besonders dramatisch, weiß Sossau-Thiede. Denn für Hartz-IV-Bezieher, darunter etliche auseinandergebrochene Familien, gelten bei der Übernahme der Mietkosten Obergrenzen. Die Schuldnerberaterin kritisiert dabei, dass diese trotz des explodierenden Immobilienmarkts seit April 2015 vom Jobcenter nicht angehoben worden seien. So werden für einen Zwei-Personen-Haushalt bis 65 Quadratmeter in Erding maximal 618 Euro übernommen. Drei- und Vier-Personen-Haushalten mit 75 und 90 Quadratmetern stünden 713 beziehungsweise 855 Euro Kaltmiete zu. „In diesem Segment gibt es so gut wie keine Wohnungen“, sagt Sossau-Thiede und appelliert an Ministerin Giffey, statt über Führerschein-Entzug lieber über bezahlbaren Wohnraum nachzudenken.

Das aktuelle Caritas-Motto lautet passenderweise „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“. Am 25. September findet in Erding ein Aktionstag mit Truck und Postkarten-Aktion statt.

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