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Höchste Sicherheitsstufe herrscht auf der Isolier-Intensivstation des Erdinger Klinikums. Hier werden derzeit drei Covid-19-Patienten behandelt, unter anderem von Ärztlichem Direktor PD Dr. Lorenz Bott-Flügel (r.). 

Einige Schwerstkranke haben sich nicht in Notaufnahme getraut

Enormer Nachholbedarf - Klinikum vor Normalbetrieb

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Das Klinikum Erding rüstet sich für den Normalbetrieb, kann aber jederzeit auf auf ein Wiederaufflammen der Corona-Pandemie reagieren.  Die große Frage ist, wie viele Menschen großen Schaden nahmen, weil sie sich nicht ins Krankenhaus getraut haben. Für Verwunderung sorgt die aktuelle Zahl der Corona-Neuinfektionen.

Erding – Corona-Patienten soll man so kurz wie möglich und nur so lange wie unbedingt nötig künstlich beatmen, sonst drohen Folgeschäden. Genauso ist es beim Klinikum selbst. Nach achtwöchigem Krisenmodus beginnt quasi die Wiedereingliederung, die langsame behutsame Rückkehr in den Normalbetrieb. Sonst droht auch das Krankenhaus gravierenderen Schaden zu nehmen.

Doch von 0 auf 100 geht es nicht. Wie für die Schulen gilt auch fürs Klinikum: Die Zeit nach Corona wird eine andere sein. Bis auf Weiteres spielt die Lungenkrankheit weiter eine zentrale Rolle. „Deswegen werden wir die Corona-Station auch künftig aufrecht erhalten“, verspricht Direktor Dr. Dirk Last. Ärztlicher Direktor Privatdozent Dr. Lorenz Bott-Flügel versichert: „Wir können alles sofort wieder hochfahren.“ Alles, das sind in Erding bis zu 100 Plätze auf der eigenen Isolier- und 20 auf der eigenen Covid-19-Intensivstation.

Aufnahme erfolgt jetzt direkt auf Station

In allen anderen Bereichen rüstet man nun wieder auf. Die stationäre Aufnahme erfolgt direkt auf Station, damit die Sicherheitsabstände gewahrt bleiben. Plexiglasscheiben verhindern direkten Kontakt, für das medizinische Personal gilt weiter die Pflicht, Schutzausrüstung zu tragen. „Es ist genug vorhanden“, versichert Bayerstorfer. „Es gab nie Engpässe.“

Im Moment ermittelt die Klinikleitung den Platz- und Personalbedarf für den neuen Regelbetrieb. „Im Prinzip müssen wir die gleichen Vorkehrungen treffen wie die Läden“, sagt Last und erinnert daran: „Das Besuchsverbot gilt weiterhin.“ Ausnahmen seien nur werdende Väter sowie Besuche bei Sterbenden.

Elektive Behandlungen ab 15. Mai

Ab 15. Mai sollen wieder elektive Behandlungen stattfinden, kündigt Last an. Diese verbietet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bis zu diesem Stichtag. Unter anderem geht es um Gelenkersatz, aber auch alle anderen planbaren Eingriffe. „Vor allem in der Chirurgie gibt es Nachholbedarf“, erklärt Last. Viele Betten seien seit Mitte März leergestanden, um alle Ressourcen in die Corona-Abwehrschlacht stecken zu können. „Im Schnitt sind bei uns 300 Betten belegt, im März waren es teils nur 130.“

Jedes verwaiste Bett kostet Geld. Und es sind die elektiven Fälle sowie die Privatpatienten mit Wahlleistungen, die Geld bringen. Bayerstorfer rechnet mit Ausfällen in Millionenhöhe. Last ist dankbar, dass es den Krankenhaus-Schutzschirm gibt – mit 560 Euro pro Tag für jedes zwangsstillgelegte Bett. Und Bott-Flügel ist froh, „dass wir im Schoß des Landkreises sind. Das rettet uns und vor allem die Angestellten“. Deshalb ist es Bayerstorfer auch ein Anliegen, den Operationssälen auch den ambulanten Bereich wieder zu reaktivieren.

Grundversorgung war immer gewährleistet

Der Klinikchef betont aber, „dass Notfälle stets behandelt wurden“. Die Grundversorgung sei immer gewährleistet. Schlaganfälle und Infarkte nehmen auf einen Lockdown keine Rücksicht.

Bott-Flügel gibt aber zu, dass in der Notaufnahme zuletzt „deutlich weniger“ los gewesen sei. „Wir haben einen massiven Einbruch erlebt. Es ist tatsächlich so, dass sich wegen Corona einige wohl nicht zu uns getraut haben, auch Schwerstkranke.“ Was dem Kardiologen Sorgen macht: „Nach der Grippewelle, die heuer mangels Kontakten abgebrochen ist, kommen üblicherweise die Infarkte. Doch wir haben viel weniger Patienten gesehen.“

Jetzt kommen Patienten in einem sehr schlechten Zustand

Die Folgen treten jetzt zutage. „Wir bekommen in der Nachholphase mehr Patienten in einem sehr schlechten Zustand, die besser schon früher hätten kommen sollen.“ Es habe auch schon Kranke gegeben, die unter laufender Reanimation eingeliefert wurden. Bott-Flügel spricht das aus, was Politiker nicht hören wollen: „Ja, wir müssen davon ausgehen, dass die Corona-Bekämpfung auch auf der anderen Seite Menschenleben gekostet hat.“ Allerdings sei bislang in Erding keine Übersterblichkeit aufgefallen, also ein plötzlicher Anstieg der Todesfälle.

Personell, betonen Last und Bot-Flügel, sei das Klinikum für die Rückkehr in den Regelbetrieb gut gerüstet. „In der 1100-köpfigen Belegschaft gab es zum Glück nur 25 Covid-19-Infektionen. Das ist sehr wenig“, berichtet der Ärztliche Direktor. Und Last ergänzt, Kurzarbeit habe es nicht gegeben.

Das Virus bleibt auf der Agenda ganz oben. „Die größte Herausforderung ist, die Patienten herauszufiltern, die positiv sind, aber keinerlei Symptome zeigen“, so Bott-Flügel. Deswegen würden grundsätzlich alle Neuzugänge erst einmal als infektiös angesehen.

Deswegen sei der Bedarf nach Abstrichen weiter hoch. Am Klinikum kommen nun Schnelltests mit einem Ergebnis in 45 Minuten. Bayerstorfer rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Tests an der Screeningstelle, wenn Schulen und Kindergärten wieder in Betrieb gehen.

Sechs neue Fälle allein aus St. Wolfgang

Erstmals seit gut zwei Wochen ist die Zahl der Corona-Patienten im Landkreis Erding wieder stärker gestiegen – um neun auf 603. Auffällig ist: Allein sechs Neuinfektionen werden aus St. Wolfgang gemeldet. Bislang kamen von dort nur acht Covid-19-Infizierte. Die weiteren Fälle stammen aus Erding (2) und Taufkirchen. Das berichtet Landratsamtssprecherin Claudia Fiebrandt-Kirmeyer. Die Zahl der Genesenen stieg nur um drei auf 511. Das entspricht 79 aktuell Erkrankten.

Im Klinikum Erding werden acht Infizierte behandelt, fünf auf der Isolier-, drei auf der Intensivstation. Zwei müssen nach Angaben des Gesundheitsamts künstlich beatmet werden.

Die Zahl der Abstriche an der Screeningstelle ist am Mittwoch erneut kräftig gestiegen – auf über 4900.

ham

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