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Erwachsenwerden im Lockdown: Die drei Freundinnen haben aus der Not eine Tugend gemacht und erzählen von ihrer Situation im Podcast „k(l)eine Ahnung“.

„K(l)eine Ahnung“

Corona durchkreuzt Pläne von jungen Frauen: Sie starten Podcast - über Erwachsenwerden im Lockdown

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Die Jugend gilt als großer Verlierer der Corona-Pandemie. Aus der Not eine Tugend gemacht haben diese drei jungen Frauen. Was sie erleben, kann man nachhören - in einem Podcast.

Erding – „Niente machen war nie mein Plan“, sagt Lilly Salvador. Trotzdem ist es so gekommen. Seit ihrem Abitur im Mai 2020 hängt die 18-jährige Hörlkofenerin in der Luft. Dabei hatte sie viel vor: Mit dem Zug wollte sie quer durch Europa reisen. Und daheim Praktika machen, um herauszufinden, was sie beruflich machen will. Daraus wurde nichts. Wie vielen aus ihrer Generation hat der jungen Frau Corona einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Doch Lilly Salvador hat aus der Not eine Tugend gemacht und mit zwei Freundinnen den Podcast „k(l)eine Ahnung“ gestartet.

Corona in Erding: Eine Phase großer Unsicherheit - auch für junge Menschen nach der Schule

Der Übergang von der Schule ins Berufsleben ist ohnehin eine Phase großer Unsicherheiten – auch ganz ohne Pandemie. Die Frage nach der richtigen Ausbildung, dem passenden Studium quält die jungen Leute. Wenn dann auch noch Wege der Berufsorientierung wie Schnupperpraktika aus Infektionsgründen in vielen Branchen quasi ausgeschlossen sind, macht das die Sache nicht leichter.

Wie Lilly Salvador geht es ihrem ganzen Jahrgang. Manche stürzen sich in die nächstbeste Ausbildung oder ins Online-Studium vom Kinderzimmer aus. Viele aber warten erst einmal ab, parken sich eine Zeit lang zwischen, bis die Pandemie hoffentlich bald vorüber ist. Bei Ausbildungsbetrieben vermuten sie weniger Stellen als in anderen Jahren, bewerben sich zaghafter als sonst. „Das ist aber der falsche Schluss“, sagt Christine Schöps von der Agentur für Arbeit Freising, die auch für den Landkreis Erding zuständig ist.

Corona im Landkreis Erding: Zahlreiche offene Lehrstellen - „Betriebe suchen und brauchen gute Azubis“

Auch wenn bundesweit Corona für eine deutliche Reduzierung der Azubi-Plätze sorge, sehe es in Erding noch „vergleichsweise günstig“ aus. „Wir haben immer noch einen Bewerbermarkt“, sagt Schöps. Das bedeutet, es gibt mehr Ausbildungsplätze als qualifizierte Bewerber. „Die Betriebe suchen und brauchen gute Azubis“, so Schöps. Daran ändere auch die Pandemie nichts – bisher. Auch wenn sich die Sache in manchen Branchen sicher komplizierter gestalte als in anderen.

Davon kann Maria Schreiber aus Erding ein Lied singen. In den Jahren vor dem Abitur am Anne-Frank-Gymnasium Erding hatte sie von einer Karriere in der Eventbranche oder im Tourismus geträumt. Dann kamen Corona und die Lockdowns. „Wenn ich jemandem gesagt habe, ich will Tourismus studieren, kamen skeptische Blicke“, erzählt die 19-Jährige. Ob das denn zukunftsfähig sei, ausgerechnet in der heutigen Zeit? Irgendwann kamen Maria Schreiber selbst Zweifel, sie ist von diesem Plan abgekommen.

Corona macht Plänen von Abiturientinnen Strich durch die Rechnung - „Haben alle versucht, Praktika zu bekommen“

Als Alternative kam ihr Raumausstattung in den Sinn. Doch wieder funkte die Pandemie dazwischen. Ein Praktikum in diesem Bereich: derzeit unmöglich. Showrooms und Läden waren immer wieder geschlossen, die Raumausstatter nur in festen Teams unterwegs. Eine weitere Person, die potenziell Kollegen anstecken könnte, ist nicht gern gesehen. Die 19-Jährige hat Bewerbung um Bewerbung geschrieben, keine einzige mit Erfolg. „Wir haben alle versucht, Praktika zu bekommen“, erzählt sie auch von ihren ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern. Nur bei ganz wenigen habe das geklappt.

Sicher, in der Rückschau wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. „Ein bisschen sind wir selber Schuld, ein bisschen mehr hätte man schon machen können“, meint Lilly Salvador. Aber dass das Virus das Leben so tiefgreifend verändert, dass Corona so langwierige Folgen für alle Pläne hätte, das hatte am Anfang keiner erwartet. „Es gibt immer dieses Hätte“, sagt Lucia Schwarz (19) aus Erding. Und: „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“

Junge Menschen in der Corona-Krise: „Hatte sehr viel Zeit, mir Gedanken zu machen“

Das sei alles „halt scheiße gelaufen“, meint Lilly Salvador. „In unserer Situation finde ich’s unfair, als faul verurteilt zu werden.“ Schließlich sei das alles nie so geplant gewesen. In der Luft zu hängen, „das war nie meine Intention, aber was soll ich denn machen?“, fragt sie.

Die jungen Frauen bewerten ihre Lage aber nicht nur negativ. Schließlich hatten sie wochen- und monatelang Zeit, sich mit sich selbst und ihren Lebensentwürfen zu beschäftigen. „Ich hatte sehr viel Zeit, mir Gedanken zu machen. Es gab ja quasi nichts anderes“, sagt Maria Schreiber. Ohne Corona hätte die junge Frau zwischen ihrem Nebenjob in der Gastronomie, ein, zwei Praktika, ausgedehnten Reisen, Konzertbesuchen und Partys kaum Ruhe gefunden, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen zu ordnen. „So intensiv hätte ich mich mit 18 Jahren sonst nicht mit meiner Zukunft auseinandergesetzt“, sagt sie.

Erding: Drei junge Frauen gründen Ende Dezember Podcast „K(l)eine Ahnung“

So ganz untätig war die 19-Jährige dennoch nicht. Die drei Freundinnen Maria, Luci und Lilly haben ihre Situation zum Thema eines Podcasts gemacht. Mit Themenplanung, Aufnahme, Schnitt und Promotion ist das ein gutes Stück Arbeit. Seit Dezember 2020 sprechen die jungen Frauen in den bisher 16 Folgen öffentlich über das, was ihre Generation ausmacht: das Erwachsenwerden im Lockdown, die Schwierigkeiten bei Jobsuche und Berufswahl oder Bildschirmzeit und Quarantäne.

Aber ganz bewusst soll der Podcast auch ablenken von Corona und dem ganzen Mist. Die Drei wollen ganz normale Mädels sein, nicht nur die Generation perspektivlos. Sie quatschen über Germany’s Next Topmodel, über das Leben mit Geschwistern und Hipster, Konsum und Ökologie, Tattoos und Fahrstunden.

„Wir waren ja bisher nur in der Schule, haben noch nicht viele Erfahrungen gesammelt“

„K(l)eine Ahnung“ heißt der Podcast. Weil die drei jungen Frauen vom Leben bisher nur ein bisschen was wissen. „Wir waren ja bisher nur in der Schule, haben noch nicht viele Erfahrungen gesammelt“, erklärt Maria Schreiber. Aber eine kleine Ahnung von dem, was auf sie wartet, haben sie eben schon. Und irgendwie sind sie damit gar nicht mehr die Generation Corona, sondern einfach ganz normale junge Menschen.

Die CSU-Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf hat sich mit Corona infiziert. Sie ist nicht die erste Politikerin aus der Region Erding. Die Dritte Welle schwillt weiter stark an. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Erding-Newsletter.

(ujk)

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