Schon wieder ungewissen Zeiten blickt die gebeutelte Therme Erding entgegen.
+
Schon wieder ungewissen Zeiten blickt die gebeutelte Therme Erding entgegen.

Corona: „Dann macht es halt kaputt“

„Zweites Mal k.o. geschlagen“ - Lockdown stößt im Erdinger Land auf scharfe Kritik - auch von Politik

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
    schließen

Der drohende zweite Corona-Lockdown trifft den Landkreis Erding hart. Nicht nur in der Therme Erding verzweifelt man. Auch die Politik übt scharfe Kritik.

Erding – Der am Mittwoch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten intensiv diskutierte „Lockdown Light“ vermutlich den gesamten November über stößt im Landkreis auf massive Kritik und Unverständnis.

Nicht nur das: Politik und Wirtschaft gehen sogar davon aus, dass sich die Infektionslage durchs Abdrängen ins Private verschlimmern könnte. Hinzu kommt: Immer mehr Betroffene resignieren.

Kein Verständnis für das Herunterfahren des öffentlichen Lebens hat der Erdinger Landrat Martin Bayerstorfer. „Wir haben keinerlei Hinweise, dass es an belebten Plätzen oder in der Gastronomie zu Ansteckungen gekommen ist.“ Er befürchtet, dass ein Lockdown die Situation sogar zuspitzen könnte. „In der Gastronomie, der Kultur und bei Veranstaltungen gibt es Hygienekonzepte und Listen mit den persönlichen Daten der Besucher. Das hat es uns erleichtert, Infektionsketten nachzuverfolgen.“ Nun drohe ein Abwandern ins Private: „Da können wir gar nichts mehr zurückverfolgen. Es ist dann alles jeglicher Kontrolle entzogen.“ Er ist der Meinung, dass sich die AHAL-Regeln bewährt hätten, der Anstieg sei auch auf die Jahreszeit zurückzuführen.

Landrat: Erst mal Folgen der Ampel abwarten

Zudem kritisiert Bayerstorfer, „dass nicht erst einmal beobachtet wird, wie sich die Beschränkungen durch die gelbe und rote Corona-Ampel auswirken“. Für ihn kommt der neuerliche Lockdown zur falschen Zeit – zu früh.

Zudem verweist er darauf, dass in Erding noch reichlich Kapazität im Klinikum vorhanden sei. „Notfalls räumen wir für Corona-Patienten wieder eine ganze Etage.“ Derzeit seien es aber nur fünf Erkrankte, davon keiner auf der Intensivstation.

Was für Bayerstorfer inakzeptabel wäre: die neuerliche Teilung von Klassen oder gar Schließung der Schulen. Das gebe das Infektionsgeschehen in keiner Weise her.

Angst vor gesellschaftlichen Verwerfungen

Der CSU-Kreischef befürchtet gesellschaftliche Verwerfungen: „Die Maßnahmen können nur wirken, wenn in der Bevölkerung Akzeptanz vorhanden ist. Und die sinkt gerade extrem.“

Diese Sorge treibt auch den CSU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz um. „Die Maßnahmen müssen so konzipiert sein, dass sie verstanden und angenommen werden.“ Das sei derzeit ebenso ein großes Problem wie die Gefahr, „dass sich das gesellschaftliche Lebens ins Private zurückzieht“. Keinesfalls akzeptabel sei der Vorschlag des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, in Wohnungen zu kontrollieren.

Kanzlerin Angela Merkel habe beobachtet, dass sich viele eben nicht an die Regeln hielten. „Bei einem neuerlichen Shutdown müssen auf jeden Fall die Erfahrungen der ersten Welle berücksichtigt werden. Die Maßnahmen müssen zielgenauer sein“, so Lenz. Er verlangt von der Bevölkerung aber auch, die Lage ernstzunehmen und sich entsprechend zu verhalten.

MdB Andreas Lenz:  Ein Lauf gegen die Zeit

Dem Vorwurf, man müsse erst einmal abwarten, inwieweit die Corona-Ampel die Pandemie dämpft, hält er entgegen: „Wenn sich die Infektionszahlen noch viermal verdoppeln, sind die Intensivkapazitäten erschöpft.“ Es sei ein Lauf gegen die Zeit.

Lenz hält es für sinnvoll, das starke Wachstum zu bremsen, weiß aber auch, dass ein kurzer Lockdown als „Wellenbrecher“ nicht die Sicherheit biete, „dass es danach nicht wieder nach oben geht. Und der Winter ist noch lange.“ Umso wichtiger sei es jetzt, „dass wir die Risikogruppen, vor allem die Älteren, schützen, wohlwissend, dass es kein schöner Zustand ist, wenn diese Generation wieder so lange allein ist“.

Die Kultur, schon bislang Stiefkind in der Pandemiepolitik, wird erneut ausgebremst. Entsprechend resigniert ist Jutta Kistner, Geschäftsführerin der Stadthalle Erding. „Wenn es gewollt ist, dass man alles kaputt macht, dann macht es“, ruft sie hörbar enttäuscht der Politik zu. Ihre Branche habe bewiesen, „dass wir keine Infektionstreiber sind“. Das erneute Herunterfahren sei ein Schlag ins Gesicht aller, „die sich die vergangenen Monate Gedanken gemacht haben, dass Veranstaltungen sicher sind“. Allmählich glaubt sie an irreparable Schäden. Einige Künstler und Mitarbeiter in der Eventbranche hätten sich längst andere Jobs gesucht. „Die sind weg, für immer“, beklagt sie.

Resignation in der Stadthalle

Die aktuelle Entwicklung ist für Kistner ein herber Schlag, „weil seit September eine spürbare Verbesserung eintreten ist, wieder Veranstaltungen stattgefunden haben und die Vorverkaufszahlen gestiegen sind“. Nun sei die Verunsicherung enorm. Viele Tagungen seien verschoben worden, „aber nicht auf 2021, sondern auf 2022 und 2023“, so Kistner.

Kein Verständnis für die Zwangsschließung der Gastronomie hat Gerhard Halamoda. Seine Allresto, eine Tochter der Flughafen München GmbH, betreibt am Airport 50 Lokale. „Wir haben heute eine ganz andere Situation als im Frühjahr, wir haben enorm dazu gelernt. Gastro-Besuche sind dank der Hygienekonzepte sicher.“ Er fürchtet fatale wirtschaftliche Folgen: „Herbst-, Winter- und Weihnachtszeit sind für die Wirte eine wichtige Zeit, in der wir mit die stärksten Umsätze erzielen.“ Am Flughafen werde es immer ein Basis-Angebot geben, so lange Flugbetrieb ist und Menschen am Airport arbeiten, betont Halamoda.

Fitnessstudios: Beste Umsatzzeit geht verloren

Auch Erhard Schloderer, Chef des Sportparks Schollbach in Erding, fürchtet die Folgen der Corona-Notbremse. „Die Wintermonate, vor allem der November, sind unsere beste Zeit.“ Die Studios würden alle Vorgaben penibel umsetzen – und jetzt erneut gestraft, ohne den Anstieg der Fallzahlen verursacht zu haben.

Therme: Nicht schon wieder

Marcus Maier, Prokurist der Therme Erding, musste im Frühjahr drei Monate warten, ehe er wieder aufsperren durfte. Der neuerliche Lockdown würde die größte Wellness-Anlage der Welt ausgerechnet in der Zeit treffen, in der es wieder bergauf ging. „Das kostet alles enorm Kraft. Wir werden jetzt ein zweites Mal k. o. geschlagen. Und wie im Sport gilt: Das zweite Mal Aufstehen fällt viel schwerer. Aber wir stehen wieder auf.“

Noch ist es für alle Beteiligten für eine Einschätzung zu früh, ob sie die Kurzarbeit wieder ausdehnen oder gar Mitarbeiter entlassen müssen.

Auch interessant

Kommentare