Für ältere Mitbürger einkaufen gehen: Viele Menschen im Landkreis bieten derzeit ihre Hilfe an (Symbolbild).
+
Für ältere Mitbürger einkaufen gehen: Viele Menschen im Landkreis bieten derzeit ihre Hilfe an (Symbolbild).

Zahlreiche Bürger bieten ihre Hilfe an

Die Corona-Krise löst eine Welle der Nächstenliebe aus

  • Veronika Macht
    vonVeronika Macht
    schließen

Das Corona-Virus legt unseren Alltag lahm, nicht aber unsere Herzen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft schwappt über den Landkreis – auch in den Sozialen Medien, die gern als oberflächlich und unpersönlich charakterisiert werden.

Landkreis – Eines dieser Hilfsangebote ist die Facebook-Gruppe „Corona-Nachbarschaftshilfe Erding“, die vor wenigen Tagen gegründet wurde – und schon rund 380 Mitglieder hat (Stand 18. März).

Einer der Initiatoren ist Volker Zinser aus Erding. Die Idee zur Gruppe ist ihm vorigen Freitagabend gekommen, nachdem er mit seinen Eltern telefoniert hatte, erzählt Zinser. „Sie wohnen nicht hier, deshalb haben wir besprochen, wie sie versorgt werden. Ich bin sehr dankbar, dass Freunde helfen, aber es war mir bewusst, dass dies nicht bei jedem Menschen möglich ist“ , sagt der Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens aus dem Bereich Unternehmensgründung Technologie.

“Corona-Nachbarschaftshilfe“: Mehr als 380 Mitglieder in wenigen Tagen

„Ich dachte, dass es ein paar Leute im Landkreis Erding gibt, die das sicher ähnlich sehen, ohne viel Gerede die Ärmel hochkrempeln und einfach machen, statt wie so viele nur zu reden und sich wichtig zu machen, aber im Grunde nichts tun. Ich habe schon einmal einen Social Club gegründet, als ich in Taiwan gelebt habe, und gesehen habe, dass dort wegen Erdbeben und Taifunen geholfen wurde. Man muss den Wagen einfach nur anschieben“, ist Zinser überzeugt.

Eine Idee, die aufgegangen ist. Innerhalb von zweieinhalb Tagen ist die Gruppe auf rund 380 Mitglieder gewachsen. „Es werden stündlich mehr. Es scheint ein großes Bedürfnis zu sein, kein Egoismus“, freut sich Zinser.

Einkaufen gehen, Babysitten, Gassigehen

Aktuell wurden in der Gruppe sehr viele Hilfsangebote gepostet. Einkaufen gehen, Babysitten, Gassigehen – aus allen Ecken des Landkreises melden sich Menschen, die solche Dienste übernehmen wollen und können. Wer andererseits Hilfe sucht, bekommt entweder direkte Hilfsangebote oder Infos über Dritte, die helfen können. Wo nötig, kommentiert und moderiert Zinser die Beiträge und verweist auf die Gruppenregeln, etwa die Netiquette oder die Wahrung der Privatsphäre.

Warum solche Angebote gerade jetzt wichtig sind? „Die Resonanz definiert die Antwort: Es gibt viele, die helfen wollen, einfach und unbürokratisch. Hier wird etwas getan, ohne viel Bürokratie“, erklärt Zinser, der auch schon die ersten Erfolge vermelden kann. So sei in vier Fällen in Bezug auf Wahlunterlagen, Kinderbetreuung und Einkaufen geholfen worden. „Wichtig ist zu sagen: Wir sitzen alle im selben Boot, habt keine Scheu, uns anzusprechen. Das ist kein Zeichen von Schwäche“, appelliert Zinser an alle, die Hilfe brauchen.

Private Hotline zu Koordinierung der Angebote

Vor dem Corona-Virus sollen sich in erster Linie ältere Menschen in Acht nehmen – also oft Menschen, die keinen Zugang zum Internet oder Sozialen Medien haben. Um auch ihnen zu helfen, wurde aus der Corona-Nachbarschaftshilfe-Gruppe auf Facebook heraus ein Telefon-Support auf die Beine gestellt. Dieser ist täglich von 9 bis 12 Uhr unter Tel. (0 81 22) 9 57 21 12 zu erreichen. Zielgruppe sind ausschließlich alte Menschen und solche in Quarantäne, die nicht das Internet nutzen können. Geplant ist, die Hotline vorerst bis Ostern zu schalten und so im Prinzip analoge Hilferufe und digitale Angebote zusammenzubringen. 

So funktioniert die Hotline

Wie funktioniert’s? Der Anrufer nennt sein Anliegen und seine Kontaktdaten. Dann wird in der Gruppe gefragt, wer Hilfe übernehmen kann. Aus Datenschutzgründen passiert das anonym. „Wenn sich jemand zur Hilfe gefunden hat, werden wir beide Parteien zusammenbringen“, erklärt Volker Zinser. Er arbeitet derzeit zudem daran, eine verlässliche To-Do-Tabelle zu kreieren, in die alle Gruppenmitglieder eintragen können, was sie zu welcher Zeit und welchem Tag und wo machen können – beispielsweise immer montags, mittwochs und freitags ab 16 Uhr in Erding mit dem Hund Gassigehen. Diese Liste soll dann der Person am Telefon helfen, schnell zu filtern und so Helfer und Hilfesuchende ebenso schnell zusammenbringen.

Auch hier gibt es Hilfe

Um die Versorgung von alleinlebenden Senioren mit Lebensmitteln und Medikamenten sicher zu stellen, schafft dieStadt Erdingeinen Service: Betroffene, Arztpraxen und Apotheken wenden sich an Seniorenbeauftragte Silke Hörold-Ries, Tel. (0 81 22) 408-108, E-Mail seniorenbeauftragte@erding.de. Mitarbeiter des Ordnungsamts übernehmen die Verteilung der benötigten Waren oder Arzneimittel.

Unterstützung in Form von Einkaufsfahrten und Ähnlichem bieten außerdem die Gemeinde Neuching mit der Dirndlschaft Neiching, Tel. (0 81 23) 93 26 63, die Neufinsinger Burschen, Tel. (01 76) 83 32 12 77, und die Dirndlschaft Buchner Bixn, Tel. (01 76) 79 41 19 17.

Eine private Initiative ist die Krisenhilfe Forstern (Facebook) in Zusammenarbeit mit der örtlichen Nachbarschaftshilfe.

Landkreisübergreifend arbeitet die Facebook-Gruppe „Aktion Covid-19“ mit bereits über 370 Mitgliedern. Initiator ist der Moosburger Michael Adelsberger, und die Mitglieder kommen aus den Kreisen Freising, Erding und Landshut. Auch eine Kooperation mit der FB-Gruppe „Landshut gemeinsam“ mit über 900 Mitgliedern gibt es schon. Der nächste Schritt für Adelsberger ist nun, ein Netzwerk aufzubauen, um Helfer und Hilfebedürftige zusammenzubringen. „Ich sehe momentan als Hauptproblem, dass viele ältere Leute die Gefahr noch unterschätzen“, meint der 27-jährige Industriemechaniker.

Jugendinitiative Covid-19: „Wir wollen helfen!“

Dass die Jugend bei Weitem nicht nur an sich denkt, beweist sie seit Monaten mit ihrem Engagement fürs Klima. Jetzt tun die jungen Leute etwas fürs gesellschaftliche Klima: „Schulen werden geschlossen, Pflegeheime abgeriegelt, Supermärkte leer gekauft. Nun hat die Staatsregierung sogar den Katastrophenfall ausgerufen. Wir, eine Gruppe von Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren, wollen helfen“, erklärt Alice Geyer (18) aus Oberding im Namen ihrer Mitstreiter. 

Gründerinnen der Jugendinitiative: Alice Geyer (l.) und Mahta Biglarbeagi.

Gemeinsam mit Mahta Biglarbeagi (20) aus Erding hat sie die „Jugendinitiative Covid-19“ gegründet als Anlaufstelle für gefährdete Personen, Hilfesuchende und Ehrenamtliche im ganzen Landkreis Erding. „Allen voran helfen wir berufstätigen Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder oder erledigen für Risikogruppen, die aus Angst vor einer Ansteckung das Haus nicht mehr verlassen möchten, Einkäufe und Besorgungen. Für Sonstiges stehen wir gerne auf Anfrage zur Verfügung“, erklärt Geyer, die derzeit die 12. Klasse am Korbinian-Aigner-Gymnasium (KAG) in Erding besucht. 

Sie stellt klar: „Selbstverständlich verlangen wir keinerlei Gegenleistung für unsere Arbeit, da diese einzig und allein auf ehrenamtlichem Engagement basiert und stützen uns lediglich auf freiwillige Spenden.“

Da sowohl das KAG als auch die Therme Erding, wo Biglarbeagi arbeitet, derzeit geschlossen sind, „haben wir genügend Zeit, uns ehrenamtlich zu engagieren“, sagen die jungen Frauen. Wer Unterstützung braucht oder helfen will, erreicht sie per E-Mail an jugendinitiative.covid-19@gmx.de, unter Tel. (01 52) 03 78 42 50 und auf www.facebook.com/JugendinitiativeErding. Inzwischen ist die Gruppe auf 38 junge Leute angewachsen. Am Dienstag waren sie in ganz Erding unterwegs, um Aushänge in Supermärkte, Drogerien und Apotheken zu verteilen.

Einfach anrufen!

Einfach selbst die Initiative ergreifen – das tut Richard Schwarz aus Erding. Der 30-Jährige ist ehrenamtlicher Betreuer für ältere Menschen und Demenzkranke, arbeitet mit Landratsamt und Amtsgericht Ebersberg zusammen und bietet nun seine Hilfe in den nächsten Wochen an. 

Richard Schwarz (30)

Wer zu einer sogenannten Risikogruppe der Lungenkrankheit Covid-19 gehört und von daher weitgehend zuhause bleiben will oder es körperlich in dieser schwierigen Zeit nicht schafft, einfache Besorgungen zu erledigen, kann sich an ihn wenden, zum Beispiel zum Einkauf von Lebensmitteln oder rezeptfreien Medikamenten. „Falls Sie Gebrauch von meinem ehrenamtlichen Angebot machen möchten, scheuen Sie sich nicht“, sagt Schwarz, der unter Tel. (01 51) 51 10 71 72 zu erreichen ist. Und: „Ich freue mich über jede Aufgabe, die ich für Sie erledigen darf.“

vam

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Ein Apotheker an der Spitze des ÖDP-Kreisverbands
Der ÖDP-Kreisverband hat sich an der Spitze neu formiert. Apotheker Dr. Wolfgang Reiter ist in der Kreisversammlung in Riedersheim zum Nachfolger von Stephan Treffler …
Ein Apotheker an der Spitze des ÖDP-Kreisverbands
Video-Premiere: „Kein Mensch wird als Rassist geboren“
Musiker Andi Starek hat seinen Song gegen Rassismus präsentiert. Mit dabei war auch Schirmherr Kabarettist Christian Springer.
Video-Premiere: „Kein Mensch wird als Rassist geboren“
Ideen fürs verkehrsgeplagte Taufkirchen
Für die Bürgerbefragung zum kommunalen Mobilitätskonzept wurden  2400  Taufkirchener angeschrieben. Aus 565 Antworten  leiten die Planer einige Probleme und …
Ideen fürs verkehrsgeplagte Taufkirchen
Corona: Die Warn-App verhält sich bislang ruhig
Seit zweieinhalb Wochen gibt es die Corona-Warn-App. Dem Erdinger Gesundheitsamt sind bislang keine Fälle bekannt, die auf diese Weise bekannt wurden. 
Corona: Die Warn-App verhält sich bislang ruhig

Kommentare