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Lockdown trifft Therme Erding schwer: Chef gibt Einblicke - „Fühle mich im Stich gelassen“

  • Hans Moritz
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Am 2. November musste die Therme Erding in den zweiten Lockdown. Statt Badegästen laufen in der größten Wellnessanlage der Welt nun Arbeiter und Handwerker rum.

Erding – Woher nimmt dieser Mann nur den Elan? Zum zweiten Mal hat die Politik seine Therme Erding zugesperrt. Die Tausender fließen aus der weltgrößten Wellnessanlage wie sonst das verbrauchte Wasser aus den Becken. Und dennoch schlendert Jörg Wund durch die Anlage und überwacht, was die wenigen, die noch da sind, tun. Es sind keine Badegäste, es sind Arbeiter und Handwerker.

Corona-Lockdown: Therme Erding trifft Krise schwer - Chef gibt Einblicke

Wieder alles leer: Thermen-Inhaber Jörg Wund blickt mitten im zweiten Lockdown skeptisch in die Zukunft. Seine Hoffnung ist, dass er heuer noch ein paar Wochen öffnen kann, und dass es danach einen Corona-Impfstoff gibt.

Drei Monate musste der 55-Jährige im ersten Corona-Lockdown schließen, drei Monate durfte er wieder öffnen – seit 2. November ist alles wieder dicht. Wie lange? Weiß keiner. Wund bekennt: „Ich fühle das Unternehmen und mich im Stich gelassen.“ Aufgeben kommt aber nicht in Frage, auch wenn Kraft und Zuversicht nachlassen. Sogar eine Klage erwägt er.

Wund empfängt im Foyer. Dort, wo in normalen Jahren für 1,8 Millionen Menschen der Kurzurlaub unter 300 Palmen beginnt. Auf jeden Schritt muss man achten, auf manchen der grünen Bodenkacheln klebt ein Kreuz – sie wurden gerade erst erneuert. Wie im ersten Lockdown ab dem 14. März nutzt Wund die Zeit, die Therme auf den neuesten Stand zu bringen. „Mir wäre lieber gewesen, ich hätte nicht so bald schon wieder die Gelegenheit dazu bekommen“, gesteht er.

Corona: In der Therme Erding ist es kühl - Vieles ist ungewiss

Auch die Läden in der großen Eingangshalle sind geschlossen, das Badhaus Gruber und die Müller-Brot-Filiale. Sie dürften öffnen, aber was bringt das in einem Geisterbad? Ob sie deswegen von Markus Söders „Novemberhilfe“ profitieren? Auch das: ungewiss, wie so vieles.

Investieren in historischer Krise: Erneut verwandelt sich die größte Wellnessanlage der Welt in eine Baustelle. Hier werden Böden im Wellenbad erneuert.

Die zweite Zwangsschließung, Wund spricht auch von Berufsverbot, hat er geahnt. „Vor sechs Wochen habe ich gesagt, Ende Oktober werden wir wieder zugesperrt.“ Man habe ihn damals dafür belächelt. Wund sah das Unheil fast auf den Tag genau voraus.

So wie es in der Gesellschaft kälter geworden ist, weht auch durch die Therme ein kühlerer Wind: 21 Grad Luft-, 20 Grad Wassertemperatur. „Sonst gehen die Palmen kaputt. Das Wasser bleibt drin, dass Pumpen und Filter keinen Schaden nehmen.“ Diesmal hat Wund alle Becken voll gelassen, wissend, dass Betriebs- und Energiekosten weiterlaufen. Er musste zwar 84 Prozent der Belegschaft wieder in Kurzarbeit schicken, gekündigt hat er diesmal aber niemandem.

Lockdown in der Therme Erding: „Ich glaub‘s erst, wenn das Geld auf dem Konto ist“

Ob er sie ersetzt bekommt, zumindest die von Söder versprochenen 75 Prozent? „Ich glaub’s erst, wenn das Geld auf dem Konto ist.“ Im Frühjahr ist er leer ausgegangen. 4000 Euro hat er seinem Steuerberater für den Antrag bezahlt. Auch dieses Geld – futsch.

Die Therme war offensichtlich kein Infektionstreiber in der Corona-Pandemie. 450.000 Gäste besuchten sie seit der Wiedereröffnung im Juni. Keine einzige Ansteckung ließ sich hierher zurückverfolgen. Wund hat den Bogen auch nie überspannt. „Wir hätten die Hälfte bis zwei Drittel der Spinde vergeben dürfen. Aber es waren maximal 45 Prozent“, berichtet er. In der Spitze seien es zuletzt 4800 Gäste am Tag gewesen, nie mehr als 2300 auf einmal. In Vor-Coronazeiten waren es teils über 10.000. Das Reservierungssystem habe sich bewährt: keine Warteschlangen und nur eine geringe Zahl an Nicht-Buchern, die man abweisen musste.

Wie groß das Erholungsbedürfnis war, zeigen die ersten Nach-Lockdown-Bilanzen der Thermen-Gastronomen: „Sie haben deutlich mehr umgesetzt als sonst.“ Übersetzt heißt das: Das darbende Volk wollte es sich richtig gut gehen lassen. Besonders gefragt seien Bereiche gewesen, in denen die Gäste alleine waren: In den Chalets, Seehütten und im Spa. „Die Leute wollten Sicherheit“, sagt Wund. Je mehr es herbstelte und je stärker die Infektionszahlen wieder zu steigen begannen, desto zurückhaltender wurden die Gäste. „Man hat gemerkt, dass die Angst wieder da ist“, diagnostiziert der Inhaber.

Corona: Neue Baustellen in der Therme Erding

Wunds Unternehmergeist konnte das Virus nicht angreifen. Schnellen Schrittes durchmisst er seine Therme. Es gibt – wieder – Baustellen. Bei den Rutschen hat er 600 Schrauben austauschen lassen, etliche Böden werden mit hochwertigeren Belägen ausgestattet, die Römische Villa bekommt neuen Carrara-Marmor, am See gibt es eine neue Plattform. Einer der Schwerpunkte jetzt: das zuletzt wieder top ausgelastete Hotel Victory. Im ersten Lockdown hat er ein paar Millionen in die Sanierung und Modernisierung gesteckt. Jetzt sind es Tausender- und Zehntausender-Beträge – bei null Einnahmen.

Die Zeit sinnvoll nutzen: Hunderte Schrauben werden an den Wasserrutschen ausgetauscht.

Und dennoch tritt immer wieder sein unstillbarer Unternehmergeist hervor. Unter der Rutschenkuppel hat er eine freie Fläche ausgemacht. „Hier könnte man noch eine Big-Wave-Rutsche einbauen. Man müsste dazu an zwei Stellen das Dach öffnen.“ Lust dazu hätte er, „aber es ist eine verdammt schwere Entscheidung, ob ich 2,8 bis 3,2 Millionen Euro dafür ausgeben soll“.

Apropos Millionen. 2020 ist das erste Jahr, in dem die Therme ein Defizit einfahren wird. Wund hat zwei Szenarien: „Wenn bis Jahresende dicht ist, werden es 2,8 Millionen Euro sein. Können wir das Weihnachtsgeschäft mitnehmen, rechne ich mit zwei Millionen Euro.“ Schon im Frühjahr hat er private Gelder einsetzen müssen.

Lockdown-Zahlungen für Therme Erding: Versicherung weigert sich

Dabei hatte sich der 55-Jährige optimal abgesichert. Dachte er. „21 Jahre habe ich Beiträge für eine Betriebsausfallversicherung bezahlt. Und als der Betrieb das erste Mal seit dem Eröffnungstag am 3. Oktober 1999 ausgefallen ist, hat sich die Versicherung geweigert, den Schaden zu ersetzen“, ärgert er sich. „Die winden sich wie ein Wurm.“ 15 Prozent habe man ihm angeboten. Das wäre der Umsatz von vier Tagen. „Nicht mit mir“, sagt Wund. Sein Anwalt hat ihm geraten, die Versicherung zu verklagen. Noch zögert er, denn alleine der Anstoß eines Prozesses würde ihn 250.000 Euro kosten. Der Ausgang? Wie so vieles in diesen unwirklichen Zeiten: höchst ungewiss.

Das gilt auch für Zukunft. Wann geht es wieder los? Und zieht es die Erholungssuchenden dann erst einmal in die Ferne? Die Erdinger Südsee steht auf jeden Fall parat. Wenn man Wund vier Tage Zeit gibt, den Wellnesstempel grundreinigen zu lassen und die Temperaturen wieder hochzufahren.

Hans Moritz

Rubriklistenbild: © Hans Moritz

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