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BLLV-Kreisvorsitzender Michael Oberhofer (54) meint, im neuen Schuljahr müsse erst coronabedingt Versäumtes aufgeholt werden. Ab heute sind alle Jahrgänge wieder in der Schule.

Corona und Schule: Interview mit Lehrer-Chef Michael Oberhofer

„Ab September wieder mit voller Kapelle“

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Mit dem heutigen Unterrichtsbeginn kehren auch die letzten Jahrgänge an die Schulen zurück – bis zu den Sommerferien Ende Juli aber nur im Schichtunterricht. Einige Kinder werden erst 15 Wochen nach dem Corona-Lockdown ihre Klassenzimmer wiedersehen. Was macht das mit Schülern, Familien und Lehrern? Wir fragten Michael Oberhofer (54), Kreisvorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV).

Herr Oberhofer, wie fühlt sich es an, dass nun alle Kinder wieder in der Schule sind?

Schichtunterricht mit „wirklichen“ Schülerinnen und Schülern, auch wenn es nur jeweils die Hälfte ist, fühlt sich eindeutig menschlicher an als jede Form von Unterricht außerhalb der Schule. Dies sind zudem Klassenstärken, bei denen man wirklich individualisieren und differenzieren kann. Ich bin froh, dass unser Schulhaus wieder voller Leben ist.

Bedeutete der Lockdown mehr oder weniger Arbeit für die Lehrer?

Es hört sich vielleicht ein wenig absurd an, aber durch den Lockdown muss man viel individueller arbeiten und schauen, dass man möglichst keinen unter- oder überfordert. Viele haben noch mehr Zeit als vorher investiert. Vor allem jedem Einzelnen gerecht zu werden, hat vielen Kollegen ein immenses Zeitpensum abverlangt.

Offensichtlich haben die Lehrer das Homeschooling durchaus individuell gehandhabt – einige waren sehr engagiert, andere haben jede Woche nur ein paar Arbeitsblätter verschickt. Viele Eltern sind damit unzufrieden. Verstehen Sie das?

Es ist total normal, dass Eltern wollen, dass ihr Kind bestmöglich unterstützt wird. Klappt es nicht so, so sollten die Eltern das auch den Lehrkräften wertschätzend mitteilen, damit reagiert werden kann. Was ich aber sehr oft miterlebt habe, war unglaublich: Lehrkräfte haben sich auf die Lebensbedingungen der Schülerinnen und Schüler eingestellt. Wo es möglich war, wurden Onlinekurse abgehalten – und wo nicht, da wurden Arbeitsblätter kopiert. Die Kollegen haben diese teils auch ausgefahren, wenn sie nicht abgeholt werden konnten.

Gab es denn überhaupt Vorgaben vor allem zum Kontakt mit den Kindern zu Hause?

Vom Ministerium gab es Empfehlungen unter dem Motto „Zuhause lernen 1.0, 2.0 . . . wie Homeschooling gelingen kann“. Vorgaben im Sinne von Anweisungen gibt es nicht, und das ist für alle Beteiligten gut so, denn es bedarf individueller Lösungen.

Hat der Staat seine Schulpflicht versäumt, indem er monatelang Familien mit Haushalt, Beruf und Betreuung beziehungsweise Schule daheim allein gelassen hat?

Gerade in Bayern wurden die Bereiche individueller Gesundheitsschutz, Lernen und Lehren sowie Eindämmung der Pandemie verantwortungsvoll miteinander verbunden. Der Staat hat sehr verantwortungsbewusst gehandelt. Ich hoffe, dass sich nur wenige alleingelassen gefühlt haben.

Ist zu befürchten, dass einige Schüler durch den Lockdown abgehängt wurden, etwa die ohne Internet zu Hause?

Das ist ein wirkliches Problem. Und wenn ich ehrlich bin, das ist sicherlich in gar nicht so wenigen Einzelfällen geschehen. Aber: Wir Lehrer versuchen, diese Defizite so gut es geht aufzufangen – möglichst individuell.

Sind Sie dafür, dass spätestens nach den Sommerferien wieder regulärer Unterricht stattfindet? Das fordern ja mittlerweile selbst Virologen wie Christian Drosten.

Wenn die Politik, im Schulterschluss mit den Fachleuten, Grünes Licht gibt, dann sollten wir im September wieder „mit voller Kapelle spielen“.

Viele Lehrer ordnen sich den Risikogruppen zu und weigern sich, ganze Klassen zu unterrichten. Haben Sie dafür Verständnis?

An meiner Schule, der Grund- und Mittelschule Isen, weigert sich keiner, zu unterrichten. Wer ein „Risikolehrer“ ist oder auch nicht, entscheidet sowieso der (Fach-) Arzt – und diese Einschätzung würde ich nie kommentieren.

Krankenschwestern, Ärzte, Verkäufer und andere Berufsgruppen konnten sich auch nicht zurückziehen. Machen es sich da vor allem die Lehrerverbände nicht zu einfach?

Die Aufgabe eines jeden Verbands, also auch eines Lehrerverbands, ist es, sich für seine Mitglieder bestmöglich einzusetzen. Der BLLV macht es sich ganz sicher nicht leicht. Es wird derzeit viel gesprochen und diskutiert, wie wir den uns anvertrauten Kindern, aber auch den Kolleginnen und Kollegen, gerecht werden können.

Kann man im September mit den Lehrplänen einfach wieder anfangen, als wäre nichts gewesen, oder müsste man nicht besser da weitermachen, wo man im März aufgehört hat – vor allem an den Grundschulen?

Wir müssen es schaffen, tragfähige Anknüpfungspunkte und Einfädelmöglichkeiten zu finden. So weitermachen, als ob nichts gewesen wäre, geht natürlich gar nicht.

Was kann man aus dem Homeschooling mit in die Zukunft nehmen?

Vor allem im Bereich der Digitalisierung haben sich, faktisch ohne Fortbildungen und Vorgaben, Möglichkeiten entwickelt, die man bestimmt nicht wieder aus den Augen verlieren wird, etwa das mobile Lernen. Aus Fehlern müssen wir aber unbedingt lernen.

Sind unsere Schulen ausreichend digitalisiert und die Lehrer hinreichend dafür ausgebildet?

Ganz ehrlich – beides mal ein klares Nein! Die Sachaufwandsträger strengen sich an und wir Lehrkräfte uns wirklich auch, aber da ist ganz viel Luft nach oben. Aber wenn uns unser Dienstherr auch in Zukunft individuell an den Schulen agieren lässt, dann werden wir passende Lösungen vor Ort entwickeln können.

Die Sommerferien werden nicht beschnitten. Wäre es nicht besser, diese zu verkürzen, um Versäumtes aufzuholen?

Ich bin davon überzeugt, dass das nur Aktionismus wäre. Wir starten ab September hoffentlich durch. Unbeschwerte Ferien müssen für alle Beteiligten auch mal sein.

Österreich bietet Ferienkurse für schwache Schüler an – ein Vorbild auch für Bayern?

Diese Art von Kursen sollte man bleiben lassen. Ich stelle mir aus Schülersicht das Ganze echt krass vor: Du musst in den Ferienkurs, hast aber Ferien. Im September gehört eine fundierte Ist-Stand-Analyse gemacht. Und dann geht es ans Fördern und Fordern – mit hoffentlich genügend Unterrichtsressourcen. Das ist der bessere Weg.

Zur Person: Michael Oberhofer ist 54 Jahre alt und seit dem Jahr 2005 BLLV-Kreisvorsitzender. Derzeit leitet der Dorfener die Grund- und Mittelschule Isen. Im Staatsdienst ist Oberhofer seit 1994 – zuerst als Lehrer an der Schule am Lodererplatz in Erding, danach an der Grund- und Mittelschule in Wörth. 2004 wurde er Konrektor an der Grund- und Mittelschule Wartenberg. Von 2008 bis 2015 leitete er die Ortererschule in Wörth. Zudem sitzt er für die CSU im Stadtrat Dorfen und im Erdinger Kreistag.

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