Herr der Biere: Dr. Stefan Kreisz (51) ist als neuer Technik-Geschäftsführer beim Erdinger Weißbräu auch für die Qualität verantwortlich. An die Franz-Brombach-Straße kam er mit internationalen Erfahrungen.
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Herr der Biere: Dr. Stefan Kreisz (51) ist als neuer Technik-Geschäftsführer beim Erdinger Weißbräu auch für die Qualität verantwortlich. An die Franz-Brombach-Straße kam er mit internationalen Erfahrungen.

Dr. Stefan Kreisz (51) ist bei Erdinger neuer Technik-Geschäftsführer – Das sind seine Pläne

Der Weißbier-Wissenschaftler

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Der Erdinger Weißbräu hat einen neuen Technik-Geschäftsführer: Dr. Stefan Kreisz arbeitet schon seit fünfeinhalb Jahren in der Privatbrauerei und hat auch jede Menge internationale Erfahrung.

Erding – Dänemark werden hierzulande die wenigsten auf Anhieb mit Bier in Verbindung bringen. Dennoch hat das skandinavische Land eine großartige Bierkultur. Und es verbindet die Technik-Geschäftsführer des Erdinger Weißbräu. Peter Liebert, der nach 25 Jahren soeben in Ruhestand gegangen ist, wirkte jahrelang in dem nördlichen Nachbarland, sein Nachfolger ebenso. Nun ist Dr. Stefan Kreisz, der 2015 ins Unternehmen kam, Geschäftsführer für Technik, Logistik, Personal und Einkauf.

Und: Wie Liebert kommt auch Kreisz aus dem Südwesten der Republik. Geboren wurde er im Januar 1970 in Stuttgart, wo er auch aufwuchs. Zum Studium des Brauwesens ging er – wiederum eine Parallele mit seinem Vorgänger – nach Weihenstephan, wo er gleich 15 Jahre hängen blieb. Freilich nicht als Bummelstudent. Denn Kreisz begnügte sich nicht mit dem Titel Diplom-Braumeister, er schrieb dort auch seine Doktorarbeit und habilitierte sich. Einer wissenschaftlichen Karriere stand nichts im Wege.

Doch das war dem heute 51-Jährigen zu theoretisch. Mit seiner Frau und den drei Kindern – sie sind heute 16, 19 und 21 Jahre alt – ging er nach Dänemark zu Novocymes, ein Biotech-Unternehmen, das als Weltmarktführung bei der Entwicklung von Enzymen gilt. Sein Wissen war ihm noch zu einseitig, und so schrieb er sich an der Scandinavian School of Business ein, um eine kaufmännische Ausbildung draufzusatteln.

Mit Erfolg: Kreisz heuerte beim dänischen Brau-Riesen Carlsberg an, zunächst im Forschungszentrum, wo er unter anderem für Hefe und Brautechnologie zuständig war. Später wurde er sogar Vize-Präsident der weltweiten Entwicklung. Von dort ging es diagonal über den Kontinent: Kreisz blieb bei Carlsberg, bekam aber die Leitung des weltweiten Entwicklungszentrums, angesiedelt in der Brasserie Kronenbourg in Obernai bei Straßburg, anvertraut – immerhin die größte Brauerei Frankreichs.

Kreisz wurde zum Grenzgänger, denn die Familie zog nach Deutschland zurück, nach Offenburg – Frankreich ist nicht weit.

Vor fünfeinhalb Jahren fing Kreisz dann bei Erdinger an, zuständig für Qualitätsmanagement, Forschung und Entwicklung. „Mir war es wichtig, meine Leidenschaft für hervorragendes Bier verwirklichen zu können. Bei Erdinger gibt es keine Kompromisse bei der Qualität. Hier setzt man mit der Bayerischen Edelreifung auf Brautradition, auch wenn es mehr kostet. Und die im Gegensatz zu Konzernen schnellen Entscheidungswege einer Privatbrauerei haben mich begeistert.“

In der badischen Stadt Offenburg lebt die Familie noch immer, seit 2015 pendelt Kreisz unter der Woche nach Erding, wo er ein Zimmer hat. „Wenn alle Kinder aus der Schule sind, werden wir wohl Richtung Erding umziehen, aber das wollte ich ihnen nicht während der Schulzeit zumuten“, erzählt der 51-Jährige, der privat gerne kocht und Hobbysport betreibt. Fremd dürfte sich seine Gattin hier ohnehin nicht fühlen – die Ernährungsberaterin stammt aus Wasserburg.

Ab September 2020 war Kreisz neben Liebert Geschäftsführer, nach und nach übernahm er immer mehr Aufgaben. Seit 1. Mai trägt er die Verantwortung alleine – neben Inhaber Werner Brombach sowie den Geschäftsführerkollegen Josef Westermeier (Marketing/Vertrieb) und Stefan Huckemann (Finanzen).

Auch in der Branche engagiert sich Kreisz: im Verwaltungsrat der Berliner Brau-Uni VLB sowie als Vorsitzender der Wissenschaftsförderung des Deutschen Brauerbunds.

Kreisz weiß, dass er in einer der schwierigsten Zeiten, die die Brauerei durchlebt, in die Bütt muss. „Unser vorrangiges Ziel muss es sein, dass wir die Gastronomie wieder beleben“, erklärt er. Er stellt fest: „Die Pandemie hat die Gesellschaft gespalten, die Risse gehen durch Familien, Belegschaften, Freundeskreise.“ In den Wirtshäusern kämen die Menschen zusammen, seien gesellig und würden es sich gut gehen lassen, das verbinde dann auch wieder. „Wir werden uns anhören, was die Wirte brauchen“, versichert Kreisz.

Auch unabhängig von Corona haben es die deutschen Brauereien nicht leicht. Der Bierkonsum geht zurück, der Markt an alkoholhaltigen Mischgetränken der Wein- und Spirituosenhersteller sprudelt förmlich über. Das gemeinsame Bier nach dem Sport ist nicht mehr selbstverständlich, vor allem bei jungen Frauen ist die übliche Bierflasche nicht en vogue. Aber wie gegensteuern? „Wir müssen die Tradition zukunftsfähig machen“, sagt Kreisz. Auch deswegen habe man das Erdinger Alkoholfrei Zitrone und Grapefruit 2016 auf den Markt gebracht. Das 0,33-Liter-Champ ist zurückgekehrt und soll vor allem die jüngere Zielgruppe sowie Frauen ansprechen.

Als große Herausforderung nennt er neben der Digitalisierung die Nachhaltigkeit. „Das betrifft alle Bereiche – Energie, Wasser, Verpackung, Transport. Überall wollen wir besser werden und Ressourcen einsparen.“ Das Wasser kommt aus einem eigenen Tiefbrunnen; Erdinger verfügt schon heute über eine eigene Klär- und eine Biogasanlage, die Wärme und Strom liefert.

Corona wird auch Erdinger noch lange beschäftigen. „Experten gehen von zwei bis vier Jahren Auswirkungen aus“, zitiert Kreisz. Doch er sieht endlich Zeichen der Entspannung. „Wir brauen für die Gastronomie endlich wieder unser Fassbier“, freut er sich. Es soll Erdinger nicht so gehen wie den englischen Pubs, in denen nach der Wiedereröffnung das Bier ausging.

Hans Moritz

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