Die Zahl der Corona-Patienten im Klinikum Erding steigt.
+
Die Zahl der Corona-Patienten im Klinikum Erding steigt.

Klinik-Chef berichtet von wieder vollen Covid-Stationen und knapp werdenden Intensivbetten

„Die Belastung hat drastisch zugenommen“

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
    schließen

Die dritte Corona-Welle rollt unbarmherzig über den Landkreis Erding hinweg. Obwohl die Älteren fast durchgängig geimpft sind, füllen sich die Isolierstationen am Klinikum Erding wieder. Warum ist das so, und wie bedrohlich ist die Lage? Wir fragten den Ärztlichen Leiter, Privatdozent Dr. Lorenz Bott-Flügel (49).

Erdinger Anzeiger: Wenn man die täglichen Corona-Statistiken liest, könnte man glauben, das Klinikum kommt mit der Behandlung von Covid-19-Kranken noch recht gut zurecht.

Dr. Lorenz Bott-Flügel: Lange war das so. Die Lage hat sich aber in den vergangenen Tagen leider stark verschärft. Wir kommen weiterhin gut zurecht, weil wir Erfahrung sammeln konnten. Aber die Auslastung hat sich sprunghaft erhöht. Wir verzeichnen einen Anstieg der Covid-Patienten von 30 Prozent binnen weniger Tage.

Wer wird bei Ihnen eingeliefert?

Wir sehen deutlich jüngere Patienten, so zwischen 40 und 60 Jahren. Es sind oft schwere und vor allem rapide Verläufe. Das ist neu. Zwei Patienten mussten wir in den vergangenen zwei Wochen nach München-Großhadern an die Herz-Lungen-Maschine verlegen. Das ist die maximale Therapie. Zurzeit müssen wir drei Patienten maschinell beatmen.

Weisen diese Patienten nach wie vor schwere Vorerkrankungen auf?

Was viele verbindet, ist, dass sie übergewichtig sind. Auch Diabetes scheint eine Rolle zu spielen. Was wir seltener sehen als früher, sind lange Listen an Vorerkrankungen.

Worauf führen Sie es zurück, dass jetzt Jüngere so schwer erkranken?

Zum einen sind es die Mutatationen. Das Virus ist ansteckender, die Menschen infizieren sich schneller. Zum anderen sind die Älteren nahezu durchgeimpft. Die Inzidenz bei den über 80-Jährigen ist nur noch knapp zweistellig. Wir können jetzt schon sagen: Die Impfung wirkt ganz exzellent.

Aber warum haben Jüngere jetzt auf einmal so schwere Verläufe? Das war doch vorher nicht so.

Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Eine Vermutung ist, dass sich Corona in die Familien regelrecht eingegraben hat. Das sind Schulkinder, die das Virus in die Familien tragen und dort ihre Eltern infizieren.

Als in Deutschland Anfang April die Intensivstationen vollliefen, blieb es in Erding lange ruhig. Woher die Verzögerung?

Dieses Phänomen haben wir auch in der zweiten Welle beobachtet. Da hatten wir auch gedacht, dass es bei uns vielleicht gar nicht so schlimm kommt. Ich glaube, das ist ein Stück weit ganz einfach Zufall. Ich muss allerdings konstatieren: Die klinische Belastung hat drastisch zugenommen. Die Intensivstationen sind jetzt eigentlich voll. Das gilt für die gesamte Region, etwa auch in Freising und Ebersberg. Zeitweise hatten wir nur noch ein freies Bett.

Welche Kapazitäten gibt es denn am Klinikum Erding?

Wir haben unverändert zehn Beatmungsbetten, die wir maximal auf 14 aufstocken können. Aber dann müssten wir OP-Kapazitäten drastisch reduzieren, weil wir von dort Beatmungsgeräte abziehen müssten. Das wäre eine sehr ungute Situation, die wir unbedingt vermeiden wollen. Aber wir nähern uns dieser Grenze.

Und was ist, wenn diese Grenze überschritten wird?

Dann müssten wir in andere Kliniken verlegen, etwa nach München oder Ingolstadt.

Es geht das Gerücht um, Intensivkapazitäten würden künstlich verknappt, um mehr Förderung zu erhalten. Ist das auch in Erding so?

Nein, das ist völliger Unsinn. Von Verknappung kann keine Rede sein. Tatsächlich wird die Ausfallpauschale an der durchschnittlichen Belegung der Intensivstationen bemessen. Aber auch ohne Corona kommen wir auf rund 80 Prozent Auslastung.

Man hört immer wieder, der Flaschenhals sei der Mangel an Pflegekräften. Wie sieht es bei uns aus?

Allgemein wird es immer schwerer, ausreichend Pflegekräfte zu rekrutieren. Erfreulicherweise in Erding noch nicht. Wir sind gut aufgestellt. Es gab seit Pandemiebeginn natürlich immer mal wieder Ausfälle, aber keine schweren. Bei uns ist es zum Glück auch nicht so wie in anderen Häusern, dass Intensivpfleger in Scharen die Kliniken verlassen, weil die Belastung sehr hoch ist. Es ist auch eine psychisch enorme Herausforderung, eine Krankheit zu behandeln, der man so wenig entgegensetzen kann. Um es klar zu sagen: Die Hälfte, die auf die Intensivstationen kommt, wird sie nicht lebend verlassen. Von den besonders schweren Verläufen, die wir zur ECMO-Therapie (Herz-Lungen-Maschine/Anmerkung der Redaktion) verlegen müssen, überleben gerade einmal 30 Prozent.

Müssen in Erding planbare Eingriffe schon wieder abgesagt werden?

Wir fahren schon länger nicht mehr das normale Programm, sondern mit angezogener Handbremse. Wir überlegen schon wieder, was man verschieben kann. Die Schwierigkeit ist, dass es ja oft sehr wichtige Operationen sind, etwa bei Krebskranken. Die müssen gemacht werden, ebenso herzchirurgische Eingriffe. Das ist ein ganz großer Balanceakt. Bisher ist uns der ganz gut gelungen.

Was ist Ihre Prognose für die nächsten Wochen?

Ich hoffe, dass uns die wärmere Jahreszeit in die Hände spielt. Aber der Einfluss von Licht und Wärme ist noch nicht endgültig erforscht. Da sind die Virologen gespalten. Das Entscheidende wird der Impffortschritt sein. Bitte nicht vergessen: Erst etwa zwei Wochen nach der zweiten Impfung ist man wirklich geschützt. Es gibt Covid-Patienten, die nach der ersten Dosis schwer erkrankt sind. Die Abstands- und Hygieneregeln müssen unbedingt weiter eingehalten werden.

Raten Sie zu Astrazeneca?

Ja, die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff für alle ab 60. In Bayern ist er nach ausführlicher Aufklärung durch den Impfarzt sogar für alle Altersklassen freigegeben. Dass es wirkt, sieht man exzellent an Großbritannien, das die Pandemie durch das Impfen vor allem mit Astrazeneca wirkungsvoll in den Griff bekommen hat – allerdings in Verbindung mit strengen Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Astrazeneca hat unbestritten ein Imageproblem, und das nicht ganz unberechtigt. Aber es ist eine sichere Alternative, insbesondere für Menschen über 60. Ich kann nur raten, das Impfangebot anzunehmen.

Das Gespräch führte Hans Moritz.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare