Discounter wollen höherwertige Produkte – Landwirte: Tierhaltung wird weiter zurückgehen

Billigfleisch verbannen: Entscheidung der Discounter stößt auf scharfe Kritik - „Deutsche Tierhaltung wird verraten“

  • Hans Moritz
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Aldi und Kaufland wollen schon bald das so genanntem „Billigfleisch“ einfacher Haltungsformen aus ihren Regalen verbannen. Was erstmal gut klingt, stößt bei den Bauern auf Kritik.

Erding - Es ist eine kleine Revolution im Supermarkt: Als erste Anbieter wollen Aldi und Kaufland künftig den Anteil an Frischfleisch aus einfacher Haltungsform sukzessive aus den Kühltheken verbannen. Klingt auf Anhieb gut, seitens der Bauern gibt es dennoch Kritik. Denn es gebe versteckte Schlupflöcher. Die neue Praxis könnte noch mehr heimische Bauern dazu veranlassen, die Tierhaltung aufzugeben. Das würde dem Import in die Hände spielen. Und für ausländische Spezialitäten sowie Tiefkühlware gilt die Regelung nicht, mahnt BBV-Kreisobmann Jakob Maier.

Aldi und Kaufland verbannen „Billigfleisch“: Deutsche Bauern kritisieren Entscheidung

Aldi schaltet derzeit große Anzeigen. Noch heuer sollen 15 Prozent des Frischfleisches aus den – selbst kreierten – Haltungsformen drei und vier kommen. Das heißt für die Tiere: Frischluft, mehr Platz, Futter ohne Gentechnik und Auslauf. Bis 2025 will der Discounter-Riese vollständig auf die Haltungsform eins verzichten – Stall- und Anbindehaltung. 2030 sollen es dann nur noch die Stufen drei und vier sein. Derzeit finden sich bei den Aldi, Lidl & Co. freilich fast ausschließlich Erzeugnisse der Haltungsform eins.

Maier ist der Auffassung: Diese Unterscheidung führt in die Irre. „Die Haltungsstufe eins ist der gesetzliche Standard in Deutschland. Er liegt deutlich höher als in Europa und auf dem Weltmarkt.“ Und er erinnert daran: „Das gilt nur für Frischfleisch, nicht für – oft importierte – Tiefkühlware, ebenso wenig für internationale Spezialitäten. Der BBV-Obmann mutmaßt nun, dass in der Preisschlacht der Tiefkühlanteil stark ansteigen und so die oft gepriesene regionale Herkunft an die Wand gespielt werden könnten. Und bei den Importen könne man die Herkunft und die Herstellung der Lebensmittel so gut wie gar nicht mehr kontrollieren.

Kein Billigfleisch mehr beim Discounter: Kommt jetzt mehr ausländische Ware?

Und er macht auch deutlich: „Dass es zurzeit fast ausschließlich die Haltungsform eins gibt, liegt daran, dass die Verbraucher nicht bereit sind, für Lebensmittel mehr zu bezahlen.“ Fleisch höherer Kategorien dürfte teurer werden, „und es ist völlig offen, wie viel davon bei uns Landwirten ankommt“. Die bisherige Erfahrung mit Molkereien und Schlachtereien lehre, „dass man sich nicht zu viel erwarten sollte“.

Er ist überzeugt: „Der Druck auf die kleinteilige Landwirtschaft nimmt weiter zu. Die deutsche Tierhaltung wird verraten und abgewickelt“, ärgert sich der Niederdinger. Und es sei ein Trauerspiel, dass es der Bundesregierung bis heute nicht gelungen sei, ein Tierwohl-Label einzuführen, sondern das den Handelsriesen überlasse.

Die aktuelle Entwicklung ist für Maier ein weiterer Beleg für die nicht zu bändigende Macht des Lebensmitteleinzelhandels, der von vier Konzernen geprägt und diktiert werde – Lidl, Aldi, Edeka und Rewe. Schon lange ist es dem BBV-Kreisobmann ein Anliegen, dieses Kartell zu zerschlagen. „Im Inland haben Landwirte kaum eine Chance, ihre Erzeugerkosten über den Handel an die Verbraucher weiterzugeben. Der hochkonzentrierte Einzelhandel fungiert als ,Torwart‘ und spielt die entscheidende Rolle für die gesamte Preisbildung.“ Für Maier „resultieren die niedrigen Preise vor allem daraus, dass sich die Lebensmittelindustrie in einem Verdrängungswettbewerb befindet und sie sich bei den Ausschreibungen gegenseitig zu unterbieten versucht“. Die Leidtragenden seien die Landwirte, die immer weniger für ihre Produkte bekämen.

Bauern kritisieren Entscheidung der Discounter: Schwierige Zeiten für Landwirte

Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, müsse die Landwirtschaft immer intensiver wirtschaften, was ihr dann wiederum von der Gesellschaft vorgeworfen werde. „Da es sich bei Agrargütern in der Regel um austauschbare homogene Rohstoffe wie Milch und Fleisch handelt, kann der Landwirt das Preisniveau kaum über einzelne Qualitätskriterien beeinflussen, anders als bei den hoch differenzierten Endprodukten“, erklärt Maier. „Deswegen sind wir reine Preisnehmer ohne Einfluss auf die Preisgestaltung.“

Was ist die Folge? „Wir müssen die Stückkosten so gering wie möglich halten. Und das geht nur über steigende Produktivität, etwa durch den Anbau ertragreicherer Sorten oder den Einsatz besserer Düngemittel- „Denn das wichtigste Gut, der Boden, lässt sich nicht vermehren“, so Maier. Im Gegenteil, er nehme ab. Weil aber auch die Nachfrage nicht beliebig nach oben geschraubt werden könne, sei die viel beklagte Überproduktion die Folge. Der Kreislauf geht in die nächste Runde, die Preise fallen weiter.

Was könnte die Lösung sein? Maier hat immer schon gesetzlich festgelegten Mindestpreisen das Wort geredet – die Konsumenten müssten dann mehr ausgeben. „Aber das ist unrealistisch, auch wenn es klar ein Oligopol sei, dessen sich das Kartellamt annehmen müsste.

Regelungen für Billigfleisch: Bauern fordern feste Mindestpreise - doch „das ist unrealistisch“

Würde der Lebensmitteleinzelhandel seine marktbeherrschende Stelle verlieren, ergäbe sich etwa für Molkereien und Schlachtereien eine bessere Verhandlungsposition. Die vier Großen, so Maier, beherrschten 85 Prozent des Marktes. Auch eine – gesetzliche – Stärkung der Erzeugergemeinschaften würde die Situation der Landwirte verbessern.

Immerhin, es tut sich was: Ende 2020 hat das Kabinett einen Gesetzentwurf gegen unlautere Handelspraktiken beschlossen. Die Konzerne sollen eingeschränkt werden. Sie können nicht mehr so einseitig die Bedingungen diktieren. Rabattschlachten zu Lasten der Erzeuger sollen verboten werden.

Maier hat Sorge, dass der Markt überdreht. „Wenn man mehr Tierwohl, Wasser-, Boden- und Insekten-, dafür aber weniger Pflanzschutz und CO2 will, sich an den Erzeugerpreisen aber nichts ändert, geht das Prinzip ,wachse oder weiche‘ weiter.“ Dann würden die Höfe immer größer – in Richtung industrielle Landwirtschaft.

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