Drei Panzerschränke voller Testamente hüten Rechtspflegeamtsrätin Petra Kolb und Justizverwaltungsinspektor Maximilian Schmid (Bild oben) von der Nachlassabteilung des Amtsgerichts Erding.
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Drei Panzerschränke voller Testamente hüten Rechtspflegeamtsrätin Petra Kolb und Justizverwaltungsinspektor Maximilian Schmid (Bild oben) von der Nachlassabteilung des Amtsgerichts Erding.

Nachlassgericht ist an den Gestütring umgezogen – Seine Aufgabe: Erben ermitteln

Drei Tresore für den letzten Willen

  • Hans Moritz
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Das Vermächtnis eines ganzen Landkreises passt in Erding in drei große Panzerschränke. Sie stehen in der Nachlassabteilung des Amtsgerichts, die seit September am Gestütring 2 angesiedelt ist.

Erding – Das Vermächtnis eines ganzen Landkreises passt in Erding in drei große Panzerschränke. Sie stehen in der Nachlassabteilung des Amtsgerichts, die seit September am Gestütring 2 angesiedelt ist. Pro Jahr werden hier 1600 Leben und das, was in Werten von ihnen übrig bleibt, juristisch abgewickelt. Ein Besuch im neuen Reich der Testamente.

Im ersten Stock haben die Bewährungshelfer der Erdinger Justiz ihre Büros. Sie versuchen, auf Abwegen geratene Biografien zu richten. Darunter beschäftigt sich Justitia mit Leben, die zu Ende gegangen sind, genauer gesagt Rechtspflegeamtsrätin Petra Kolb, Justizverwaltungsinspektor Maximilian Schmid, fünf weitere Mitarbeiter und zwei Wachleute. Am Gestütring sind sie vor knapp einem halben Jahr untergekommen, weil im Gericht selbst, an der Münchener Straße, einfach kein Platz mehr ist. Das Grundbuchamt musste schon vorher raus und logiert nun bei den Stadtwerken am Gries.

Täglich bekommt das Team um Kolb Post aus den Rathäusern, gut 1600 Mal pro Jahr. Immer geht es um den Tod, persönlicher formuliert um die Erblasser. „Die Standesämter übermitteln uns die Sterbefälle. Unsere Aufgabe ist es dann, die Erben zu ermitteln“, schildert die Rechtspflegeamtsrätin.

Im September 2020 ist das Nachlassgericht an den Gestütring 2 umgezogen, wo sie sich die zweite Außenstelle der Erdinger Justiz mit den Bewährungshelfern teilt.

Frische Post bleibt erst einmal zwei Wochen liegen, erklärt Schmid. Aber nicht, weil man das von Behörden so kennt, „sondern weil wir den Hinterbliebenen erst einmal etwas Zeit zur Trauer geben wollen“. Wer die ersten Ansprechpartner sind, erfährt das Nachlassgericht in der Regel von den Bestattern. Das Nachlassgericht versucht herauszufinden, wer Anspruch auf das Erbe hat – Gatten, Kinder oder bereits die Enkel. Aber auch die Eltern eines Toten können erbberechtigt sein. Und Kolb und ihre Kollegen forschen nach der letzten Verfügung: Ist ein Testament vorhanden? Gibt es einen Erbvertrag?

Manchmal müssen sie dazu nur in das Zimmer mit den Panzerschränken gehen. Darin sind Tausende Testamente, jedes einzelne in einem braunen Umschlag mit Nummer in grauen Plastikboxen. „Jedem Bürger steht es frei, seinen letzten Willen bei uns zu hinterlegen“, sagt Kolb. Das kostet zwar 75 Euro, doch dafür ist das letzte Dokument des Lebens in sicheren Händen. Denn es komme durchaus vor, dass der letzte Wille nicht auffindbar sei – oder auch ganz plötzlich verschwunden, das sei aber sehr selten, erzählt Kolb. Noch seltener sei, dass ein Testament nachträglich durch einen Dritten verändert wurde. Das ist dann eine Straftat – Urkundenfälschung.

Handschriftlich muss ein Testament abgefasst und bei Eheleuten von beiden unterschrieben sein. Die Rechtspfleger raten, vor allem bei höheren Vermögenswerten beim Abfassen einen Notar zurate zu ziehen. „Das verhindert, dass es Probleme beim Auslegen des letzten Willens gibt“, sagt Schmid.

Seine Vorgesetzte weiß, dass dieser letzte Wille mitunter gar nicht der letzte ist. „Es gibt schon Leute, die zu uns kommen, weil sie etwas ändern wollen, einen neuen Partner einsetzen oder einen nahen Verwandten streichen etwa.“ Juristisch ist es dann immer ein neues Testament.

Und wenn es den letzten Willen gar nicht gibt? „Dann tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft“, erklärt Schmid – bei verheirateten Erblassern erben beispielsweise der Gatte und die Kinder. Für sie ist das Nachlassgericht die Anlaufstelle, einen Erbschein zu bekommen, das Dokument, um das Vermögen des Verstorbenen für sich reklamieren zu können.

Kolb erklärt auch, was das Nachlassgericht nicht ist: „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Höhe des Nachlasses zu ermitteln. Wenn wir die Berechtigten gefunden haben, ist der Fall für uns an sich erledigt. Wir wissen nicht, wie hoch das Erbe ist.“ Dr. Stefan Priller, Pressesprecher des Amtsgerichts, hat dazu einen guten Rat: „Jeder sollte sich eine Sterbemappe zulegen, in der aufgelistet ist, was vererbt wird – Konten, Grundstücke, Sparverträge, Häuser, Autos und so weiter.“ Die Nachlasschefin gibt ihm Recht: „Oft ist es gar nicht so einfach, den Besitz eines Toten herauszufinden.“

Mitunter ist das detektivische Arbeit. „Wir hatten schon Fälle, in denen wir auf Friedhöfe gegangen sind, um die Namen von den Grabsteinen abzuschreiben“, erzählt Kolb. Es gebe auch Erbenermittlungsinstitute, die sogar international tätig seien.

Und wenn es auf den ersten Blick gar keine Erben gibt? Dann, sagt Kolb, setze man Rechtsanwälte als Nachlasspfleger ein. Die müssten dann auch mal in die Wohnung eines Toten, um Hinweise auf Erbberechtigte zu suchen. „Nur wenn absolut niemand zu finden ist, fällt das Erbe an den Staat. Doch das dauert oft Jahre.“ Vorher schauen die Rechtspfleger auch mal ins Grundbuchamt, um Eigentum und Besitzer ausfindig zu machen.

Gar nicht helfen kann das Nachlassgericht streitenden Parteien. Wird ums Erbe gerungen, müssen Verwandte, die sich ungerecht behandelt fühlen, gegen den Haupterben zivilrechtlich vorgehen. „Dann geht es um schuldrechtliche Ansprüche“, klärt Priller auf. Das Anrecht auf den Pflichtteil bestehe immer. Auch er kann im Streitfall nur zivilrechtlich eingeklagt werden. Fast, denn ein Erbe kann auch ganz leer ausgehen, etwa wenn ihm nachgewiesen wird, dass er dem Erblasser nach dem Leben getrachtet hat.

Einen Nachlassrichter braucht es laut Kolb auch dann, wenn in Zweifel gezogen wird, dass der Verfasser eines Testaments noch wusste, was er tat. „Das kommt etwa zehn Mal im Jahr vor“, bilanziert die Rechtspflegeamtsrätin, die in ihrer Stellung so frei ist wie ein Richter.

Grundsätzlich können auch Schulden vererbt werden. Allerdings haben die Hinterbliebenen sechs Wochen nach Kenntnisnahme der Vermögensverhältnisse Zeit, das Erbe auszuschlagen.

Weil der Streit ums Erbe so alt ist wie Testamente, rät Priller, die Entstehung von Erbengemeinschaften möglichst zu vermeiden. Der friedvollere Weg sei, eine Person als Alleinerbe einzusetzen, ergänzt um Vermächtnisse zu Gunsten weiterer Berechtigter. Zum Beispiel: Ein Kind ist Alleinerbe, das aber verpflichtet ist, das Grundstück an den Bruder und das Bankvermögen an die Schwester abzutreten. All das kann im Testament verfügt werden.

Hans Moritz

Das Nachlassgericht

am Gestütring 2 ist montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr geöffnet. Termine vergibt der Bürgerservice unter Tel. (0 81 22) 40 04 01. Am Eingang muss sich jeder Besucher einer Sicherheitskontrolle unterziehen.

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