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Dekanatsrat zum Missbrauchsgutachten: „Ein Totschweigen ist nicht mehr möglich“

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Von: Uta Künkler

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(Mit-)Schuldig? Der Münchner Bischof Reinhard Marx und der damalige Papst Benedikt, hier bei Marx’ Ernennung zum Kardinal im September 2013 im Petersdom in Rom. Rücktritt von Marx „nicht zielführend“ Pfarrer halten sich bedeckt
(Mit-)Schuldig? Der Münchner Bischof Reinhard Marx und der damalige Papst Benedikt, hier bei Marx’ Ernennung zum Kardinal im September 2013 im Petersdom in Rom. Rücktritt von Marx „nicht zielführend“ Pfarrer halten sich bedeckt © Jörg Koch/dapd

Das neue Gutachten zu sexuellen Missbrauchsfällen arbeitet ein dunkles Kapitel der katholischen Kirche auf. Während der Erdinger Dekanatsrat das Gutachten begrüßt, hüllen sich die Pfarrer im Landkreis am Tag der Präsentation in Schweigen. Das hat einen Grund.

Landkreis – Von einer „Bilanz des Schreckens“ sprach der Münchner Rechtsanwalt Martin Pusch gestern in der Pressekonferenz zum neuen Missbrauchsgutachten im Erzbistum München und Freising. Die Vorwürfe gegen Verantwortliche der katholischen Kirche sind auch für den Landkreis Erding relevant. Doch die hiesigen Kleriker hüllten sich dazu gestern in Schweigen. Grund war eine Anordnung des Ordinariats. Doch dazu später mehr.

Das lange erwartete Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) bekräftigt die bereits in der Vergangenheit geäußerten Vorwürfe gegen Verantwortliche der katholischen Kirche im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt. Es belastet unter anderem den damaligen Kardinal Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. schwer. Auch dem amtierenden Erzbischof Reinhard Marx wird Fehlverhalten vorgeworfen. Die Gutachter kritisieren den Umgang der beiden und weiterer hochrangiger Kleriker mit Verdachtsfällen sowie ihre Untätigkeit, die letztlich die umfangreiche Vertuschung ermöglicht habe. Marx selbst blieb der Präsentation des Gutachtens fern, obwohl er eingeladen war. Die Gutachter kritisierten dies öffentlich. Untersucht wurden Fälle sexuellen Missbrauchs seit der Nachkriegszeit.

Im Landkreis Erding blickten gestern Kleriker und engagierte Katholiken auf die Veröffentlichung des Gutachtens in München. Dr. Jörg Basten ist als Vorsitzender des Dekanatsrats Erding und Vize-Vorsitzender des Kreiskatholikenrats der Vertreter der Laien in der katholischen Kirche im Landkreis Erding. Als solcher sei er „natürlich sehr interessiert daran, dass die Dinge auf den Tisch kommen“, sagt der Wartenberger. „Ein Totschweigen ist nicht mehr möglich.“

Es sei unvorstellbar, wie sehr hohe Würdenträger der Kirche in der Missbrauchsaffäre versagt hätten. „Das lässt sich nicht schönreden.“ Eine Amtsniederlegung von Kardinal Marx hält Basten dennoch nicht für zielführend. „Er soll die Probleme lösen, die Gegenwart und Zukunft bringen. Man kann nicht einfach davonlaufen“, fordert er. Mit ähnlichen Worten hatte Papst Franziskus vergangenes Jahr seine Ablehnung des Rücktrittgesuchs von Kardinal Marx begründet.

Zwar könne man die Dinge, die geschehen sind, nicht mehr ungeschehen machen, erklärt Basten. Aber jede Aufarbeitung wie das aktuelle Gutachten trage dazu bei, aufzuklären und die Dinge künftig besser zu machen. „Das ist aus meiner Sicht auch passiert“, betont Basten und spielt auf eine Novelle der Leitlinien der katholischen Kirche aus dem Jahr 2012 an, die der Prävention von sexuellem Missbrauch dienen soll. Heute könnten Katholiken das Gefühl haben, „dass unsere Kinder und Jugendlichen in den kirchlichen Einrichtungen sicher und gut aufgehoben sind“, sagt Basten. Gott sei Dank seien im Landkreis Erding „meines Wissens keine Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden“.

Der Missbrauchsskandal hat nicht nur an der Glaubwürdigkeit, sondern auch am Selbstbewusstsein der katholischen Kirche gekratzt. Das ist schon allein daran zu erkennen, dass die Pfarrer der Erzdiözese München und Freising im Vorgriff auf die Veröffentlichung des neuen Gutachtens eine Anordnung des Erzbischöflichen Ordinariats erhalten hatten. Darin heißt es: „Bei Presseanfragen ist unbedingt zu beachten, dass keine Stellungnahmen, Kommentare, Einschätzungen o.Ä. zum Gutachten gegenüber Medienvertretern abgegeben werden.“ Unsere Zeitung hat mehrere Priester im Landkreis kontaktiert. Sie hielten sich an die Ansage aus dem Ordinariat und waren zu keinem Kommentar über das Gutachten bereit.

Zumindest dass eine detaillierte Aufarbeitung unabhängig vom Inhalt des Gutachtens grundsätzlich notwendig sei, stellten Erdings Stadtpfarrer Martin Garmaier und Pater Paul aus Taufkirchen heraus. „Die Aufarbeitung wird die Kirche auf die Knie werfen, aber auch reinigen“, sagte Pawel Kruczek. Und Garmaier betonte: „Das muss man möglichst offensiv und ehrlich angehen. Die Verschleierungstaktiken werden mit Recht kritisiert. Es wurden gravierende Fehler begangen, auch wenn es Missbrauch nicht nur in der Kirche gibt.“

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