32 weiblichen Opfern häuslicher Gewalt wurde in diesem Jahr im Frauenhaus geholfen. SymbolFoto: Maurizio Gambarini/dpa
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32 weiblichen Opfern häuslicher Gewalt wurde in diesem Jahr im Frauenhaus geholfen. Symbolfoto.

„Second Stage“: Neue Betreuungsform von Gewaltopfern bewährt sich – Staat soll weiter fördern

Eine Wohnung als Brücke in den Alltag

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Im Juni 2021 läuft der Zuschuss für das Modellprojekt „Second Stage“ aus. Doch die Übergangswohnungen werden weiterhin benötigt, findet der Landkreis.

Erding – Spätestens im Juni 2021 muss der Freistaat Bayern Farbe bekennen, wie viel ihm der Schutz von weiblichen Opfern häuslicher Gewalt wert ist. Dann nämlich läuft der Zuschuss für das Modellprojekt „Second Stage“ aus, das vor einem Jahr im Landkreis Erding eingeführt wurde. Das Bayerische Rote Kreuz als Träger des Frauenhauses hat Wohnungen angemietet, um dort Frauen sowie Mütter mit Kindern unterzubringen, die nicht mehr auf den besonderen Schutz des Frauenhauses angewiesen sind und hier mit wesentlich geringerem Aufwand auf die Rückkehr in ein weitgehend normales und sicheres Leben vorbereitet werden.

Noch ist nicht entschieden, ob aus der Modell- eine Regelförderung wird. Im ersten Jahr hat der Landkreis 24 000 Euro zugeschossen. Bleibt das Sozialministerium im Boot, müsste der Landkreis ab Juli nächsten Jahres 10 500 Euro beisteuern. Springt der Staat ab, bleiben am Landkreis bis zu 58 000 Euro hängen, berichteten Christine Kaltenbach, Leiterin des Sozialamts in der Kreisverwaltung, und BRK-Kreisgeschäftsführerin Gisela van der Heijden im Kreisausschuss.

Das Geld wird unter anderem für eine Fachkraft mit 30 Wochenstunden benötigt. Im Rahmen von „Second Stage“ wurden bereits zwei Frauen betreut, die mittlerweile in eigene Wohnungen vermittelt werden konnten – und das binnen weniger als sieben Monaten, so van der Heijden. Derzeit kümmere man sich um eine Mutter mit zwei Kindern.

Im Kreisausschuss bestand kein Zweifel an der Notwendigkeit von „Second Stage“ als Übergangslösung aus der häuslichen Gewaltspirale. Hans Wiesmaier (CSU) warnte jedoch vor einer verfrühten Zusage des Landkreises, notfalls die Förderung des Staates zu übernehmen. Dann könnte man es sich in München leicht machen. Diese Gefahr witterte auch Landrat Martin Bayerstorfer (CSU). „Wir dürfen den Staat hier nicht aus der Verantwortung lassen und pochen auf eine Regelförderung.“ CSU-Fraktionschef Thomas Bauer regte die Wiedervorlage des Themas an, wenn sich der Staat festgelegt hat. Grundsätzlich will man aber an dem Projekt festhalten.

Mehr Geld, nämlich 33 000 statt 30 000 Euro, gewährt der Landkreis für die ebenfalls ans Frauenhaus angedockte Interventionsstelle. Sie wird bei akuter Gewaltanwendung durch Männer etwa von der Polizei angerufen, damit Opfer schnell in schützende Hände gelangen. Eine neue Förderrichtlinie schreibt nach den Worten van der Heijdens eine „Anhebung der Fachbesetzung“ vor. „Das bedeutet eine Mehrleistung der betroffenen Frauen und damit ein qualitativ höheres Angebot“, so Kaltenbach. Die Erhöhung werde auch wegen gestiegener Personalkosten benötigt. Dem wollte sich der Kreisausschuss nicht verschließen.

Auch über das Frauenhaus selbst informierte die BRK-Chefin. Seit Jahresbeginn seien dort 32 Frauen betreut worden, 16 mit ihren Kindern. 29 Mädchen und Buben habe man auf diese Weise Schutz bieten können. „Derzeit betreuen wie vier Gewaltopfer“, so van der Heijden.

Corona hat auch die Arbeit im Frauenhaus erschwert. Das BRK mietete eine eigene Quarantäne-Wohnung an. Erst wer nachweislich negativ auf Covid-19 getestet wurde, durfte umziehen. Jetzt kommen laut Geschäftsführerin Schnelltests zum Einsatz, um ein Einschleppen von Sars-CoV-2 in die Schutzeinrichtung zu verhindern.

Zudem könne man aufgrund der Pandemie und des Lockdowns nicht sagen, wie viele Opfer das Frauenhaus gar nicht erreicht haben, etwa weil sie angesichts des sich ständig zu Hause aufhaltenden Mannes nicht telefonieren oder flüchten konnten. „Wir haben sogar Beratungsgespräche während des Einkaufs angeboten und Flyer bei Frauenärzten und in Kliniken ausgelegt“, berichtete van der Heijden. Dennoch sei die Nachfrage schwächer gewesen.

Ulla Dieckmann (SPD) befürchtete, dass Corona viele Fälle häuslicher Gewalt verdeckt habe. Und Helga Stieglmeier (Grüne) meinte, „dass die Anzeigen stark nach oben gehen werden, wenn die Beschränkungen vorbei sind“. Immerhin wusste Bayerstorfer zu berichten, „dass uns im Klinikum keine Zunahme der Zahl von Gewaltopfern aufgefallen ist“. Dazu führe man allerdings auch keine Statistik.

Van der Heijden betonte zwar, dass man die Angebote intensiv bewerbe, dennoch riet Dieckmann, dazu auch die Mitteilungsblätter der Gemeinden zu nutzen und Plakate aufzuhängen.

Der Frauennotruf

... ist rund um die Uhr unter Tel. (0 81 22) 97 62 43 erreichbar. In Akutfällen kann per Notruf 110 die Polizei alarmiert werden.

Hans Moritz

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