Am Grab ihres Vaters : Bernadette Spies aus Jakobrettenbach.
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Am Grab ihres Vaters : Bernadette Spies aus Jakobrettenbach.

Trauer ohne Abschied

Einsames Sterben in Corona-Zeiten: Angehörige berichten

  • vonAlexandra Anderka
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Angehörige und Begleiter von Menschen, die am Covid-19- Virus verstorben sind, berichten über das Leid in Corona-Zeiten

Landkreis – Johann Holzmann kämpfte einsam gegen das Corona-Virus – eine Woche lang, dann war der Kampf verloren. Niemand durfte ihn im Krankenhaus besuchen. Der Abschied blieb den Angehörigen verwehrt. „Es war eine schreckliche Zeit“, erinnert sich die Tochter Bernadette Spies. „Neben der Angst um meinen Vater, hatte ich ja auch die Sorge um den Rest der Familie.“

Alle waren in Quarantäne. Auch die 53-Jährige selbst, ihr Mann und die Mutter (82) waren dann an Covid-19 erkrankt. Die beiden Söhne zum Glück nicht.

„Was Trauernden da im Augenblick zugemutet und aufgebürdet wird, ist sehr belastend“

Prof. Dr. Hans Otto Seitschek, Philosoph und Theologe

„Wir wussten ja nicht, wie sich das bei uns auswirkt. Mein Mann und meine Mutter hatten beide Fieber und waren geschwächt“, erzählt Bernadette Spies. Die Ungewissheit war umso größer, weil noch so wenig über die Krankheit bekannt war. Ihr Vater war das dritte Corona-Todesopfer im Landkreis. Der allseits bekannte Mesner von Jakobrettenbach (Stadt Dorfen) starb am 1. April 2020.

Johann Holzmann verstarb am 1. April 2020 an Corona

„Was Trauernden da im Augenblick zugemutet und aufgebürdet wird, ist sehr belastend“, bestätigt Prof. Dr. Hans Otto Seitschek. Die fehlende Verabschiedung könne zu einem schmerzlichen Einschnitt im Leben führen – im schlimmsten Fall zu einer Wunde, die nicht mehr verheilt, sagt der Professor für Philosophie, Theologe und Geschäftsführer des Katholischen Bildungswerks Erding.

In der Familie Holzmann ging es dann mit der Beerdigung bitter weiter. Nur 15 Personen waren damals erlaubt. Bernadette Spies organisierte die Trauerfeier gemeinsam mit dem Bestattungsunternehmen Liegl von zuhause aus. „Natürlich darf ein Mensch in diesem Alter sterben“, sagt sie, „aber unter diesen Umständen ist das sehr traurig“.

Im Augenblick sind Trauerfeiern auf 25 Personen beschränkt. Dadurch fehle der zwischenmenschliche Trost, der beim Abschied einer geliebten Person so wichtig sei, sagt Pfarrer Martin Garmaier, Leiter des Pfarrverbands Erding-Langengeisling. Er begleitete in den vergangen Monaten viele trauernde Angehörige – „weit mehr als sonst um diese Zeit“, stellt er fest, „das Drei- bis Vierfache.“

Er biete immer einen Gottesdienst im Freien an, trotzdem könnten sich viele enge Freunde nicht verabschieden, erzählt der Seelsorger. Das hinterlasse Spuren, denn „man möchte Pfia Gott sagen, das ist wichtig. Der Tod wird so auch erst begreifbar“. Wenn das nicht gelingt, nage das an der Psyche, „das kennt man aus Erfahrungen in Katastrophengebieten und im Krieg“, so Garmaier weiter.

Bei den Holzmanns hatten die Sorgen schon vor der Infektion begonnen. „Wir waren geschockt von den Nachrichten über das Virus.“ Die Familie habe sich sehr vorsichtig verhalten, „wir haben auch nicht mehr mit meinen Eltern an einem Tisch gegessen“. Und dennoch: „Ende März klagte mein Vater über Appetitlosigkeit, zwei Tage später erlitt er einen Schwächeanfall, er wurde ins Krankenhaus gebracht. Kein Mensch dachte damals an Corona.“ Dann die Nachricht vom Gesundheitsamt. „Ich war wie vom Blitz getroffen.“

„Mein Vater hatte sieben Kinder, und keines durfte ihn beim Sterben begleiten.“

Sevgi Obermaier aus Taufkirchen, ihr Vater starb an Corona
Salih Akyildiz starb fern von der Familie in Istanbul.

Die Angehörigen würden oft darunter leiden, dass sie dem Verstorbenen nicht das Begräbnis schenken konnten, das er sich gewünscht und das er verdient hätte, sagt Seitschek. „Seit fast einem Jahr hängt es mir nach, dass wir dem Papa nicht eine angemessenen Trauerfeier ermöglichen konnten. Er war 50 Jahre Mesner und hat so viele Menschen in den Tod begleitet, umgekehrt war es uns nicht möglich, ihm diese Ehre teilwerden zu lassen.“

Die Abstandsregeln machen es zusätzlich schwer. „Man kann den Angehörigen nur distanziert Beistand leisten, dabei wäre es so wichtig, sie in den Arm zu nehmen“, bedauert Seitschek.

Karl Albert Denk vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Erding kennt ebenfalls die Nöte der Trauernden. Er bietet an, die Trauerfeier im engsten Kreis ins Internet zu streamen, so dass diese live von zuhause aus mitverfolgt werden kann. Seitschek findet das einen guten Ansatz, wobei so der fehlende persönliche Kontakt nicht ersetzt werden könne.

Das hat auch Sevgi Obermaier aus Taufkirchen erlebt. Die 54-Jährige hat am 5. November 2020 ihren Vater an Corona verloren. Er lebte zuletzt in Istanbul, sechs der sieben Geschwister sind rund um Taufkirchen zuhause. „Er wollte im Sommer noch kommen, hat es dann wegen Corona bleiben lassen.“

Dann starb der Vater in der Ferne. Die Familie wollte zu ihm reisen. „Aber das hätte ja nichts genutzt. Wir hätten in Quarantäne gemusst und weder ins Krankenhaus gekonnt, noch an der Beerdigung teilnehmen können“, erzählt Sevgi Obermaier. Noch dazu war die Feier auf wenige Personen beschränkt.

Ein Cousin filmte die Zeremonie und schickte das Video nach Deutschland. Ein schwacher Trost für die Tochter. „Mein Vater hatte sieben Kinder, und keines durfte ihn beim Sterben begleiten.“

Das macht auch Siegfried Stachl aus Moosen zu schaffen. Seine Mutter starb an Heiligabend nach drei Wochen auf der Intensivstation im Krankenhaus an Covid-19. Er selbst und sein Bruder, die alle im selben Haus wohnen und für die die 85-Jährige bis zum Schluss gekocht hat, waren ebenfalls infiziert. Das Krankenhaus hätte ihm sogar die Gelegenheit gegeben, seine Mutter Maria noch einmal zu sehen, aber das wollte er nicht. „So verkabelt und nur von der Ferne. Da war es mir lieber, sie so in Erinnerung zu behalten wie sie war.“

Maria Stachl verstarb ab Heilidabend an dem tückischen Virus

„Es macht auch uns zu schaffen, dass wir die Toten nicht waschen und anziehen dürfen“, sagt Bestatter Denk. Die Verstorbenen werden in desinfizierte Tücher gehüllt und in einem Leichensack in den Sarg gelegt. Der darf nicht mehr geöffnet werden und muss ohne Unterbrechung zum Friedhof oder Krematorium gefahren werden, klärt Denk auf. Wichtig sei eine zeitnahe Trauerfeier, damit die Angehörigen zur Ruhe finden könnten.

Große Trauerfeier könnte nachgeholt werden

Neben einer gelungen Trauerfeier kann laut Seitschek die Zusammenkunft in einem Gasthaus, der sogenannte Leichenschmaus, wichtig für die Trauerbewältigung sein. „Da ist nach dem Begräbnis ein Austausch in angenehmer Atmosphäre gegeben, in der sich die Trauernden entlastend begegnen können, das kann sehr heilsam sein.“ Zur Zeit könnten sich ja nicht einmal Geschwister mit ihren Familien nach der Beerdigung eines Elternteils zuhause treffen und gemeinsam Erinnerungen aufleben lassen, bedauert auch Pfarrer Garmaier.

Er versucht trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, eine persönliche Begegnung mit den Hinterblieben möglich zu machen. „Ich möchte die Menschen kennenlernen, möchte wissen, wie es ihnen geht und ihnen Beistand leisten. Eine fromme Soße hilft ihnen in ihrer Not nicht.“

Der Philosoph Seitschek rät Betroffenen, mit einem erfahrenen Bestatter auszuloten, was möglich ist oder später eine große Trauerfeier nachzuholen. Genau das wäre Bernadette Spies’ Plan gewesen. „Ich habe immer gesagt, zum ersten Todestag bekommt der Papa seine große Trauerfeier. Jetzt sind wir wieder im Ungewissen.“

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