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Lange dunkle Schatten fallen auf das Heiliggeist-Stift am Stadtpark. Offenkundig begünstigt durch Management-Fehler starben 18 betagte Bewohner an oder mit Corona, ein Fünftel aller Pandemietoten im Landkreis Erding. 87 Bewohner und 25 Mitarbeiter waren mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert. Mittlerweile ist die von der Stadt verwaltete Einrichtung allerdings wieder coronafrei. 

Heiliggeist: Grobe Fehler in der Pandemie – Vorstand und Stiftungsrat wollen Probleme abstellen

18 Corona-Tote: Heimleiter soll gehen

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Im Heliggeist-Altenheim in Erding ist der Heimleiter stark unter Druck geraten. Ein Massenausbruch des Corona-Virus mit 18 Toten dürfte ihm zum Verhängnis werden.

Erding – Es ist eine verheerende Bilanz: Im Heiliggeist-Altenheim in Erding sind im ersten Pandemie-Jahr 18 Pflegebedürftige an oder mit Corona gestorben, fast alle in der zweiten Welle seit dem Spätherbst. Das heißt: Jeder fünfte der 90 Covid-19-Toten im Landkreis Erding hat sich hier infiziert und ist gestorben. Das sind 20 Prozent. Recherchen unserer Zeitung zeigen auf, was alles schiefgelaufen ist. Im Fokus steht der Heimleiter. Er dürfte nicht mehr lange die Verantwortung in der von der Stadt verwalteten Einrichtung tragen.

Sondersitzung vor einer Woche 

Nach Informationen unserer Zeitung fand am Donnerstag vor einer Woche eine Sondersitzung mit allen Verantwortlichen und dem Stiftungsrat statt. Die offiziellen Verlautbarungen sind karg, bei den Stiftungsratsmitgliedern stößt man auf eine Wand des Schweigens. Kein Wunder, das Gremium ist klein, eine undichte Stelle wäre rasch ausfindig gemacht.

Eisernes Schweigen über Personalia

OB Max Gotz als Vorsitzender des Gremiums und der Geschäftsleitende Beamte im Rathaus, Reinhard Böhm, der als Stiftungsvorstand fungiert, teilen über Rathaussprecher Christian Wanninger mit: „Der Stiftungsrat hat im Rahmen seiner regelmäßigen Sitzungen und entsprechend seiner rechtlichen Verpflichtungen die Situation im Heiliggeist-Altenheim intensiv beraten und die notwendigen Entscheidungen getroffen.“ Ob das heißt, dass man sich vom Leiter trennen will, darüber herrscht Schweigen. Recherchen im Umfeld des Heimes ergeben: Der Leiter soll gehen, über die Modalitäten wird derzeit verhandelt.

Die Vorwürfe gegen die Heimleitung wiegen schwer

Die Vorwürfe, die aus dem Haus am Stadtpark und von den Angehörigen kommen, wiegen schwer. Zum einen soll der Chef ausgerechnet in der Zeit im Dezember, in der das Virus am schlimmsten grassierte, krank gewesen sein. Während der Aufarbeitung des Ausbruchs war er dann im Urlaub. Offen ist, ob er dazu gedrängt wurde.

Das Virus völlig unterschätzt

Insider berichten, der Heimleiter habe die Gefahr durch das Corona-Virus massiv unterschätzt. Als ihm Experten des Gesundheitsamtes kurz vor Weihnachten geraten hatten, infektiöse Patienten in einem eigenen Gebäudetrakt zu separieren, soll er sich mit dem Hinweis gesperrt haben, man könne die alten Menschen nicht kurz vor dem Fest aus ihren angestammten und vertrauten Zimmern nehmen. Schließlich erfolgte die Trennung auf Druck der Behörden aber doch. Die Infizierten wurden im ersten Stock des Altbaus untergebracht.

Verstand das Personal die Anweisungen nicht?

Das Virus dürfte sich auch deshalb nahezu ungebremst ausgebreitet haben, weil es Sprachbarrieren beim ausländischen Pflegepersonal gegeben habe. Einige Mitarbeiter hatten die strengen Regeln offensichtlich schlicht nicht verstanden – und sich deshalb nur unzureichend daran gehalten. Dem Vernehmen nach gab es die Anweisungen nicht in allen Sprachen der Pflegekräfte.

Mit fatalen Folgen: Die Stadt räumt ein: Insgesamt 87 der rund 130 Bewohner sowie 25 Pflegekräfte waren infiziert. Und: Die Angehörigen kamen wochenlang nicht an Informationen. Bemerkenswert: Die Stadt gibt die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie nicht an – „aus ethischen Gründen und aufgrund des Vorbehalts einer Aussage durch Mediziner“, wie es in Wanningers Stellungnahme heißt. Doch die Gesundheitsbehörden führen Statistik.

Die Verantwortlichen in der Stiftung zu spät informiert

Ein weiterer Vorwurf: Der Heimleiter ist zwar für den Betrieb des Hauses allein verantwortlich. Dennoch soll er die Stadt und Stiftung viel zu spät und unzureichend über den Massenausbruch informiert haben. Auch deswegen läuft es nun auf eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses hinaus. Die Stadt schweigt dazu und verweist darauf, dass „insbesondere Personalangelegenheiten einen rechtlichen oder sonstigen Anspruch auf Vertraulichkeit haben“.

Nachdem es auch in anderen Heimen zu größeren Ausbrüchen gekommen ist, zuletzt in der Villa Moosen im östlichen Landkreis, entschied sich die Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK), die dreimal wöchentlich unter dem Vorsitz von Landrat Martin Bayerstorfer tagt, die frühere Pflegedirektorin des Klinikums Erding, Gertrud Friess-Ott, als Pflegekoordinatorin zu bestellen.

Zurzeit keine Infektionen mehr

Sie berichtet ebenso wie Wanninger, dass es derzeit keine Infektionen im Heiliggeist-Stift gebe, weder bei den Bewohnern noch beim Personal. Unserer Zeitung sagte Friess-Ott, dass die Trennung infektiöser Patienten Wirkung gezeigt habe: „Drei Wochen nach der Maßnahme waren die Ansteckungen weg.“ Sie sagt aber auch, dass es die Behörden im Dezember unterbinden mussten, dass Personal, das infizierte Bewohner betreut, auch Nicht-Angesteckte versorgt. „Wer wechseln wollte, musste in 14-tägige Quarantäne“, so Friess-Ott. Sonst wäre das Risiko viel zu hoch gewesen.

Zu den vom Leiter kritisierten Umverlegungen erklärt die Pflege-Koordinatorin, „dass die ganz große Mehrheit damit einverstanden war und den Weg bereitwillig mitgegangen ist“. Nur bei zwei, drei Prozent habe man mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, gesperrt habe sich danach niemand.

Bundeswehr unterstützte beim Testen

Mittlerweile hat das Heiliggeist-Altenheim laut Friess-Ott Unterstützung von der Bundeswehr. „Es ist jeden Tag ein Soldat da, der bei den Tests von Bewohnern und Personal hilft.“ Das gelte vorerst bis März. „Wir wollen das aber verlängern.“

Auch Gotz und Böhm berichten von einer neuen Sicherheitsstrategie für das Heim: „Alle Mitarbeiter werden drei Mal pro Woche einem Schnell- beziehungsweise PCR-Test unterzogen. Sämtliche Bewohner werden jede Woche getestet.“ Veranstaltungen mit mehreren Personen fänden bis auf Weiteres nicht statt. Das Tragen von FFP2-Masken in der Pflegearbeit sei obligatorisch.

Impffortschritte stabilisieren die Lage

Auch die Impffortschritte sorgen für eine Beruhigung der Lage. Laut Wanninger sind 52 Bewohner einmal geimpft, 44 bereits zweimal. Beim Personal verfügten 32 Kräfte über den vollständigen Impfschutz. Personen, die an Corona erkrankt waren, werden in sechs Monaten geimpft.

Neues Sicherheitskonzept

Mittlerweile wurde auch ein Konzept erarbeitet, damit Angehörige die Bewohner wieder besuchen können – unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Und die Bewohner dürfen wieder ins Freie. Lob zollen die Angehörigen vor allem stellvertretender Pflegedienstleiterin Biljana Radic, die sich stark dafür eingesetzt hatte, die Lage im Heim zu beruhigen.

ham

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