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Arzneimittel für Kinder gehen zur Neige

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Von: Hans Moritz

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Wenn Kinder krank sind, sind Eltern schnell in großer Sorge und schauen sich nach den richtigen Medikamenten um. Doch die sind immer schwerer zu bekommen. Manche sind aktuell gar nicht lieferbar. © MZV-Archiv

Wolfgang Reiter aus Erding, Inhaber einer Apotheke in Markt Schwaben, schlägt Alarm: „Deutschland kann seine Kinder nicht mehr mit Arzneimitteln versorgen.“

Erding - Schuld daran sei (auch) eine verfehlte Politik früherer Bundesregierung, erklärt der ÖDP-Kreisvorsitzende via Pressemitteilung.

Fiebersäfte mit Ibuprofen oder Paracetamol und Kinderelektrolytlösungen bei Durchfall und Erbrechen sind seinen Angaben zufolge derzeit überhaupt nicht lieferbar, Fieberzäpfchen und Antibiotika würden knapp.

Das Problem sei nicht neu so Reiter: „Seit dem Frühjahr ist bekannt, dass es im Herbst zu Engpässen kommen wird, da einige Firmen die Produktion von Ibuprofen- und Paracetamol-Säften eingestellt haben.“ Was ihn wundert: „Eigentlich sollte ein Aufschrei durchs Land gehen. Aber in der Politik wird das Problem nicht aufgegriffen.“ Seine bittere Schlussfolgerung: „Kinder haben offensichtlich bei den Regierungsparteien keine Lobby.“

Er selbst könne derzeit die Versorgung der jüngsten Patienten noch aufrecht erhalten, „weil wir im Frühjahr noch vorausschauend eingekauft haben“. Aber seit Juli würden die Apotheken „praktisch nicht mehr von der Industrie beliefert“.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Reiter berichtet, dass gleich vier Pharmahersteller, darunter Stada und Ratiopharm, die Produktion aus wirtschaftlichen Gründen komplett eingestellt hätten. Vier Firmen seien in den vergangenen Jahren vom Großkonzern Teva aufgekauft worden. „Und im Ausland wird bis zu dreimal so viel pro Saft bezahlt wie in Deutschland“, rechnet der Apotheker vor.

Das gleiche Bild sehe man bei Paracetamol-Säften: „Stada liefert gar nichts mehr und Ratiopharm nur noch Kleinmengen über den Großhandel.“ Die Firmen 1A Pharma und Hexal, die mittlerweile dem Schweizer Großkonzern Novartis gehören, hätten die Produktion ebenfalls eingestellt. „Somit gibt es in Deutschland nur noch zwei Hersteller, die Paracetamol-Säfte herstellen und nur noch drei Produzenten, die Ibuprofen-Säfte für Kinder generieren. Die verbleibenden wenigen Hersteller schaffen es nicht mehr, den Bedarf zu decken“, meint Reiter.

Den Schwarzen Peter schiebt der ÖDP-Kreisrat den Bundesregierungen der vergangenen 15 Jahre zu.

Diese hätten mit ihrem Festhalten an den Rabattverträgen dafür gesorgt, dass der Großteil der mittelständischen Arzneimittelhersteller von Großkonzernen wie Teva, Zentiva und Novartis aufgekauft worden seien. „Und damit ist Deutschland in der Arzneimittelversorgung komplett abhängig von diesen Großkonzernen“, kritisiert Reiter.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und dem bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) wirft er vor, „praktisch überhaupt nichts getan zu haben, um die Katastrophe zu verhindern. Es wird Zeit, diese Schieflage endlich zu korrigieren und den Machteinfluss von Großkonzernen zu begrenzen“, lautet seine Forderung.

Den Mangel und allgemeine, meist nicht vorhersehbare Lieferschwierigkeiten bestätigt Armin Braun von der Stadtapotheke in Erding und nennt dafür mehrere Gründe. Zum einen schlössen die Kassen für einzelne Medikamente Rabattverträge und legten fest, welche Versicherten welche Produkte zu einem festen Preis erhalten. „Das ist für uns leider völlig undurchsichtig“, moniert Braun. Der Druck der Kassen auf die Hersteller von Generika sei enorm – und das auf einem Markt, auf dem es ohnehin kaum etwas zu verdienen gebe. Die Folge: „Für einige rechnet sich die Herstellung nicht mehr“, sagt der Stadtapotheker. Zudem sei deren Zahl so weit gesunken, dass sich ein Ausfall oder Probleme beim Transport sofort auswirkten.

Er selbst behelfe sich im äußersten Fall damit, „dass wir die Medikamente selbst herstellen“. Das werde aber durch den Personalmangel in den Apotheken erschwert.

ham

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