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Mit einem Küchenmesser ist ein Frührentner (56) in Erding auf Polizisten losgegangen. Da er aufgrund psychischer Erkrankung zur Tatzeit schuldunfähig war, ordnete jetzt das Landgericht Landshut seine Unterbringung an, setzte sie aber zur Bewährung aus (SYMBOLBILD).

Besonnenheit der Beamten verhinderte Schlimmeres - Unterbringung auf Bewährung

Frührentner (56) bedroht Polizisten mit Messer - die hatten ihre Waffen schon gezogen

Mit einem Küchenmesser ist ein Frührentner (56) in Erding auf Polizisten losgegangen. Da er aufgrund psychischer Erkrankung zur Tatzeit schuldunfähig war, ordnete jetzt das Landgericht Landshut seine Unterbringung an, setzte sie aber zur Bewährung aus.

Südlicher Landkreis/Landshut– Er habe es nur der Besonnenheit der Polizeibeamten zu verdanken, dass er nach der Messerattacke auf sie noch lebe, machte Vorsitzender Richter Ralph Reiter von der 6. Strafkammer des Landshuter Landgerichts einem 56-jährigen Frührentner aus dem südlichen Landkreis klar. Da der ehemalige Behördenangestellte bei seiner Tat unter einer chronifizierten paranoiden Schizophrenie litt und deshalb schuldunfähig war, ging es im Sicherungsverfahren um seine zwangsweise Unterbringung in einer Psychiatrie.

Polizei: Messer fallen lassen „oder wir schießen“

Wie zum Prozessauftakt berichtet, hatte er am 27. November zur Mittagszeit auf der Bahnhofstraße in Erding mit einem Küchenmesser, Klingenlänge zehn Zentimeter, die Reifen eines Fahrrads aufgeschlitzt. Nachdem Passanten die Polizei verständigt hatten, wurde er von zwei Streifenbesatzungen auf der Münchner Straße, wo er in Richtung Pretzen unterwegs war, gestellt. Der Aufforderung, sich auszuweisen, kam er nach. Doch dann eskalierte die Situation: Statt, wie von den Beamten gefordert, die Hände aus den Jackentaschen zu nehmen und über den Kopf zu halten, griff er in die rechte Jackentasche, zückte das Küchenmesser und ging auf die Beamten zu. Deren Aufforderung – drei hatten inzwischen ihre Waffen gezogen – das Messer fallen zu lassen „oder wir schießen“, kam er nicht nach.

Polizist zückt Pfefferspray statt Waffe

Statt zur Waffe griff einer der Beamten zum Pfefferspray, verfehlte aber den flüchtigen 56-Jährigen. Nach etwa 50 Metern wurde er von zwei Polizisten eingeholt, warf, als sie sich genähert hatten, das Messer in ihre Richtung, verfehlte sie und konnte festgenommen werden. Wegen der festgestellten paranoiden Schizophrenie wurde für ihn die einstweilige Unterbringung im Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg angeordnet.

Vor der 6. Strafkammer räumte der Frührentner die Messerattacken über eine Erklärung seines Verteidigers Andreas Martin ein. Allerdings habe er nicht beabsichtigt, die Polizeibeamten zu verletzen.

Mit Mietern im von ihm und seiner Schwester geerbten Haus habe es Streit gegeben, er sei beleidigt worden, Hunde seien auf ihn losgegangen. Da er sich ständig bedroht fühlte, habe er immer ein Messer dabei gehabt und sich an besagtem Tag mit dem Aufschlitzen der Reifen „abreagiert“. Als die Polizeibeamten aufgetaucht seien, sei er in Panik geraten.

Der Angeklagte berichtet von einer schwierigen Kindheit und Jugend

Den Gutachtern hatte der Frührentner von einer schwierigen Kindheit und Jugend berichtet: Sein früh verstorbener Vater sei rücksichtslos und gewalttätig gewesen, habe viel Geld verspielt. Obwohl er bereits mit 14 Jahren psychische Probleme hatte, habe er die Mittlere Reife geschafft und sei als Fachangestellter bei einer Behörde untergekommen, bei der er bis 2018 gearbeitet habe, aber: „Ich habe immer Angst gehabt, dass ich meine Leistung nicht erbringe.“

Nach dem Tod seiner Mutter vor ein paar Jahren, die die bestimmende Kraft in seinem Leben gewesen sei, habe er den Boden unter den Füßen verloren, ein ziel- und planloses Leben geführt und sei dann in Frührente geschickt worden. Die ihm wegen seiner psychischen Erkrankung verordneten Medikamente habe er immer wieder eigenmächtig abgesetzt.

Gutachterin bescheinigt dem 56-Jährigen einen akuten Schub zur Tatzeit

Seit seiner vorläufigen Unterbringung bekomme er alle vier Wochen Depotspritzen, es gehe ihm seitdem gut. Die Gutachterin bescheinigte dem 56-Jährigen einen akuten Schub zur Tatzeit, er sei deshalb schuldunfähig gewesen. Inzwischen habe sich sein Zustand stabilisiert, sodass seine Unterbringung unter strengen Auflagen zur Bewährung ausgesetzt werden könne, zumal für ihn bald ein Platz in einer therapeutischen Wohngruppe in München zur Verfügung stehe.

Die Kammer ordnete, wie von Staatsanwalt Marc-Philipp Maeck und Verteidiger Martin beantragt, die Unterbringung an, setzte sie aber zur Bewährung aus. Zur Auflage wurde ihm gemacht, sich nach seiner Entlassung aus der Klinik umgehend in die Wohngruppe zu begeben, sich einer ambulanten Nachbetreuung zu unterziehen und zuverlässig alle vier Wochen die Depotspritze zu akzeptieren. Die Bewährungszeit wurde auf fünf Jahre festgesetzt, Führungsaufsicht angeordnet und ihm ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt.

Richter: Großes Glück, dass der Angeklagte noch lebe

Es sei ein großes Glück, so Vorsitzender Richter Reiter zum Frührentner, dass es nicht zur Katastrophe gekommen sei und er noch lebe. Für seine rechtswidrigen Taten – versuchte gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen mit tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte – könne er nicht bestraft werden, er sei schuldunfähig gewesen. In einer therapeutischen Wohngruppe bekomme sein Leben Struktur, mit den Medikamenten und der ambulanten Nachsorge sollte er seine Krankheit in den Griff bekommen und keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellen: „Wir gehen davon aus, dass es funktioniert.“

Walter Schöttl

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