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Auf dem Pausenhof der Mittelschule am Lodererplatz brannten die Hakenkreuze

Richter schickt junge Täter zum Informationsbesuch in die KZ-Gedenkstätte Dachau

Brennende Hakenkreuze auf dem Pausenhof

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Es muss ein bizarr-abstoßendes Bild gewesen sein: In der Nacht auf den 19. Mai 2018 brannten auf dem Pausenhof der Mittelschule am Lodererplatz in Erding Hakenkreuze, die zuvor mit Benzin auf den Boden gegossen worden waren. Davor standen zwei Jugendliche, die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben.

Erding – Die Szene filmten die beiden und stellten sie in eine WhatsApp-Gruppe. Aber nicht nur deswegen mussten sich gestern die heute 17 und 19 Jahre alten Erdinger vor Gericht verantworten. Sie kamen noch einmal glimpflich davon, denn die Verhandlung zeigte: Echte Nazis saßen nicht auf der Anklagebank.

Was Staatsanwältin Daniela Kustermann in der Verhandlung als Anklage verlas, ließ auf eine erheblich rechtsextreme Gesinnung schließen. Der 17-Jährige hatte wiederum über WhatsApp klar rassistische Botschaften in einer Gruppe verbreitet. Pauschal beleidigte er Ausländer, konkret Türken. Sie alle sollten sterben. Noch schlimmer: In dem Chat suchte er Leute, „die Hitler suchen und wiederbeleben sollen“.

Aufgekommen war der Film mit den brennenden Hakenkreuzen, weil sich die Burschen dazu das Handy einer völlig unbeteiligten Bekannten ausgeliehen hatten. Als die den Film entdeckte, wandte sie sich an ihre Schule und dann an die Polizei. Der Staatsschutz der Kripo Erding wertete die Handys der 17- und 19-Jährigen aus und entdeckte so die Chats.

Chat mit volksverhetzenden Aussagen

Doch Kustermann hatte noch mehr in ihrer Anklage. Dem Duo konnte die Polizei eine ganze Reihe von Sachbeschädigungen nachweisen, allesamt verübt im Mai 2018. Unter anderem verwüsteten sie die Minigolf-Anlage am Kronthaler Weiher. Wenige Meter entfernt beschädigten sie die Station der Wasserwacht Erding schwer. In der Stadt hatten sie eine Scheibe mit der Faust eingeschlagen und eine Bierflasche hindurch geworfen. Gesamtschaden: knapp 5000 Euro.

Angeklagt waren sie wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung und Hausfriedensbruch. In der Verhandlung unter dem Vorsitz von Jugendrichter Michael Lefkaditis gaben sich die Heranwachsenden reumütig. Sie und ihre Anwälte Andreas Martin und Christian Jahreiß sprachen von Gruppendynamik nach alkoholgeschwängerten Partys, von schwierigen Zeiten, Problemen in der Schule und von Konflikten mit anderen Jugendlichen, teils mit Migrationshintergrund.

Angeklagte: Es war eine problematische Zeit

Die jungen Männer zeigten Reue. Sie hätten unüberlegt gehandelt. An sich hätten sie mit rechter Gesinnung nichts zu tun und auch keine Kontakte in die rechte Szene. „Wir haben es nicht wirklich ernst gemeint“, räumte der 17-Jährige ein.

Die Ermittlungen hätten sie veranlasst, sich mit dem Nationalsozialismus und dem Genozid auseinander zu setzen. Es fanden Gespräche mit der Schulleitung statt. Einer schrieb einen vierseitigen Aufsatz zu dem Thema und besuchte zwischenzeitlich die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Anwalt Martin wies darauf hin, dass sein Mandant selbst ausländische Wurzeln habe.

5000 Euro Schaden müssen noch beglichen werden

Auch die Jugendgerichtshilfe kam zu der Überzeugung, dass es jugendtypische Taten gewesen seien. In den Gesprächen hätten sie sich überwiegend einsichtig gezeigt. Die Vertreterinnen des Jugendamts schlugen Sozialstunden und Beratungsgespräche vor. Wegen geringer Einkünfte baten sie von einer Geldauflage abzusehen, zumal die knapp 5000 Euro Sachschaden noch beglichen werden müssten.

Staatsanwältin Kustermann nahm beiden den Sinneswandel ab. Allerdings wies sie darauf hin, dass die Hakenkreuz-Brandspuren am nächsten Tag von vielen Schülern gesehen worden seien. Dem 17-Jährigen kreidete sie den rassistischen Chat besonders an.

Lefkaditis verurteilte beide zu je sieben Tagen mit acht Stunden Sozialarbeit. Der 19-Jährige muss an zehn, der 17-Jährige an 20 Beratungsterminen beim Verein Brücke teilnehmen. Zudem verpflichtete er sie, an einer Einzelführung durch die KZ-Gedenkstätte Dachau teilzunehmen. Und er machte ihnen klar: „Wenn Ihr Euch daran nicht haltet, kann ich auch Jugendarrest verhängen.“ Beide nahmen das Urteil an.

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