Vollprofis: Die Ballett-Compagnie des Gärtnerplatz-Theaters ließ sich von Verzögerungen, Umzug und kleinerer Bühne nicht durcheinanderbringen – nicht mal von den Komparsen des FC Langengeisling. Archivfoto.
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Vollprofis: Die Ballett-Compagnie des Gärtnerplatz-Theaters ließ sich von Verzögerungen, Umzug und kleinerer Bühne nicht durcheinanderbringen – nicht mal von den Komparsen des FC Langengeisling. Archivfoto.

Eine Ballett-Adaption, die in die Geschichte der Stadthalle einging

Carmen und die Fußballer

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Was passiert, wenn die Ballett-Compagnie vom Münchner Gärtnerplatz-Theater auf Geislings Kicker trifft? Ein denkwürdiger Abend in der Erdinger Stadthalle. Aus unserer Serie Kulturerinnerungen.

Erding – An der vermutlich verrücktesten Veranstaltung in der Erdinger Stadthallen-Geschichte habe ich selbst mitgewirkt. Schuld am Chaos aber war weder ich noch einer der anderen Komparsen – auch wenn es schon ein abenteuerlicher Plan war, eine Fußballmannschaft in die Ballettadaption der Oper Carmen einzubauen.

Das Tanzensemble des Gärtnerplatztheaters gastierte im Juli 1994 in Erding. Es wollte George Bizets Meisterwerk unter freiem Himmel auf dem Alois-Schießl-Platz aufführen. Und ja, auch wir Langengeislinger Fußballer waren fest entschlossen, diesem Open-Air-Spektakel den nötigen Glanz zu verleihen.

Kicker als Einlauf-Eskorte

Stadthallen-Manager Hermann Herrndobler hatte Freiwillige für das Spektakel gesucht, und ich trommelte meine Mannschaft zusammen. Für uns Kicker war es eine schöne Abwechslung während der Sommerpause, und ich freute mich als Reporter darauf, meinen ersten Backstage-Artikel zu schreiben. Unsere Aufgabe: Wir sollten die Tänzerinnen der Ballett-Compagnie durch die Reihen führen.

Schon die Generalprobe war spannend: Das Ensemble war extrem fleißig, der Choreograf Günter Pick irrwischte detailversessen durchs Set – und wir Fußballer? Mei, wir sind eher Wettkampftypen, Training oder Proben halten wir generell für überschätzt. Das hat Herrn Pick etwas befremdet. Stadthallen-Boss Herrndobler nahm es eher belustigt zur Kenntnis, wurde dann aber auch etwas nervös, als Sigi Clemens an der Bar bestellte: „Pils für alle, geht aufs Haus!“

Am Tag der Aufführung wurde es dann aber auf andere Art mehr feucht als fröhlich. Es regnete, es schüttete. Keine Chance für eine Freilichtaufführung, dachten alle – bis auf Maestro Pick, der sich sein Bühnenbild doch nicht von Dramaqueen Petrus versauen lassen würde. Also abwarten, erst eine Viertelstunde. Dann noch mal 30 Minuten. Die Zuschauer harrten im stickigen Stadthallen-Foyer der nassen Dinge.

Tapfere Zuschauer: Nur 40 Leute gaben ihre Tickets zurück. Der Rest war begeistert von der Inszenierung und der Spontaneität der Künstler. Archivfoto.

Auch uns ging diese Gammelei auf die Nerven, aber dann hieß es endlich: „Wir bauen um!“ Alle rein in den großen Stadthallen-Saal! Um 22 Uhr sollte es losgehen. Für 40 Zuschauer war das zu spät, sie gaben ihre Karten zurück. Die anderen blieben und warteten tapfer – bis gegen 22.30 Uhr endlich die ersten Klänge ertönten.

So kamen auch wir FCL-Kicker noch zu unserem großen Auftritt. Eingekleidet in Bolero-Jäckchen, was besonders bei 1,95-Meter-Mann Norbert Simmet lustig aussah, führten wir die Tänzerinnen O-beinig, aber mit iberischem Stolz durch den ganzen Saal auf die Bühne. Jeder hatte eine Top-Tänzerin im Arm und schritt durch die Reihen. Gern wären wir noch eine Zusatzrunde gelaufen, aber Herr Pick stand der Sinn nicht nach abkippender Sechs oder falscher Neun.

Die fluchende Hauptdarstellerin

Egal, wir waren froh, überhaupt eine Tänzerin abbekommen zu haben, denn die wollten eigentlich alle mit Giulio Gorna einlaufen. Sämtliche Flirtversuche ihrerseits gingen allerdings ins Leere, weil gerade WM-Achtelfinale war, Italien bis zur 89. Minute 0:1 gegen Nigeria hinten lag, also Giulio ganz andere Sorgen hatte.

Die Aufführung ging bis nach Mitternacht und wurde ein sensationeller Erfolg, weil Picks Ensemble einfach großartig war. Und ich hatte noch was für meinen Backstage-Bericht. Rosina Kovacs, die großartige Hauptdarstellerin, rutschte im Finale kurz aus. Natürlich überspielte sie das gekonnt, aber sie hätten sie mal hinter der Bühne fluchen hören sollen. Seitdem kann ich über wütende Kabinenpredigten unserer Trainer nur noch milde lächeln.

Dieter Priglmeir

Kulturerinnerungen

Es ist still geworden um die Kultur. Kino, Stadthalle, Jakobmayer – alle Spielstätten haben geschlossen. Und vermutlich werden sie nach dem Corona-Lockdown auch als letzte wieder öffnen. Damit die Kultur nicht ganz in Vergessenheit gerät, schwelgen wir ein wenig in Erinnerungen. In loser Folge erzählen Redakteure und Reporter von ihren beeindruckendsten Konzerten, Kabarettabenden, Theater- oder Filmaufführungen im Landkreis.

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