+
Lange Schlange vor der Screening-Stelle am Bildungszentrum für Gesundheitsberufe neben dem Erdinger Klinikum. Einige Bürger mussten stundenlang warten oder wurden wieder heimgeschickt. Das sorgte für beträchtlichen Unmut. Deswegen geht am Montag eine zweite Einrichtung am – geschlossenen – Dorfener Gymnasium in Betrieb.

Elf Infizierte - Zweite Screeningstelle in Dorfen

Corona: Nicht nur Schulen machen dicht

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
    schließen

Für tausende Schüler im Landkreis Erding war gestern der letzte Schultag vor einer dreiwöchigen Corona-Zwangspause, die direkt in die 14-tägigen Osterferien mündet. Doch von der Zwangsschließung sind auch zahlreiche andere Einrichtungen betroffen. Das öffentliche Leben kommt ab diesem Wochenende nahezu zum Erliegen. Derweil geht der Kampf gegen das Corona-Virus weiter.

Erding –  An der Screeningstelle des Landkreises stauten sich die Patienten, die auf einen Abstrich warten. Das sorgte für Unmut.

Eine Betroffene berichtet: „Ich war am Donnerstag da, gemeinsam mit 30 bis 40 weiteren Patienten, die vom Arzt geschickt wurden. Wir mussten ewig warten. Am Ende wurde ich dann nach Hause geschickt.“ Am Freitag kam sie wieder – und fand sich erneut in einer langen Reihe. „Ich finde das unverantwortlich. Da kann man sich schnell anstecken.“ Auch im Internet machten einige ihrem Ärger Luft.

330 Abstriche

Auch deswegen trat Landrat Martin Bayerstorfer gestern um 16 Uhr vor die Presse – und versprach Verbesserungen. Am Montag geht am Gymnasium Dorfen eine zweite Screening-Stelle in Betrieb. „Damit entzerren wir und schaffen kürzere Wege“, so Bayerstorfer. In Erding habe sich die Lage am Freitagmittag entspannt. Der Betrieb geht übers Wochenende weiter. Wer Symptome zeigt, wendet sich unter der Nummer 116 117 an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und wird daheim aufgesucht. Insgesamt 330 Abstriche wurden nach Angaben von Dr. Sibylle Borgo vom Gesundheitsamt seit Mittwoch vorgenommen.

Bislang gibt es ihren Angaben zufolge neun Corona-Fälle im Landkreis. Neu hinzugekommen sind zwei Männer aus Taufkirchen und Buch sowie eine Frau aus Erding. „Alle Verläufe sind mild, bislang musste niemand ins Krankenhaus.“ Borgo betonte, wie wichtig es sei, die Kontaktpersonen zu ermitteln. So sei man auch auf die jüngsten Ansteckungen gestoßen. Aktuell gibt es laut Bayerstorfer 50 Verdachtsfälle. Von den fünf Wochen Zwangsferien erhofft sich Borgo, „dass wir Infektionsketten durchbrechen. Für die Aufrechterhaltung des Klinikbetriebs sei das überlebenswichtig.

Notbetrieb an Schulen

Am Klinikum wird laut Bayerstorfer eine zweite Notaufnahme für Infektpatienten geschaffen – und zwar im Gartengeschoss, um möglichst keine Kontakte zu anderen Patienten zuzulassen. Die – bisher noch nicht genutzte – Isolierstation wurde erweitert.

Trotz Zwangsferien: Ganz werden an den Schulen die Lichter nicht ausgehen. „Es wird in allen Grund- und Mittelschulen bis zur sechsten Klasse eine Betreuung geben“, kündigte Schulamtsleiterin Marion Bauer an. Zugelassen seien aber nur Kinder von Eltern mit „systemrelevanten Berufen“, also Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten, Berufsfeuerwehrleute, Busfahrer oder Müllwerker. „Wenn ein Elternteil zu Hause bleiben kann, ist keine Betreuung möglich“, so Bauer. Ab der sechsten Jahrgangsstufe könnten Kinder allein zu Hause bleiben. Die Schulen informieren über ihre Internetseiten und E-Mails.

Die Schüler müssen alle Träume von fünfwöchigem Nichtstun begraben. Sie bekamen dicke Hausaufgaben-Pakete mit. Zudem werden Lerninhalte per Mail oder über App versandt. Die Lehrer selbst, so Bauer, seien dienstverpflichtet, allerdings nicht im Unterricht.

Von den Zwangsschließungen sind nicht nur alle Schulen betroffen. Auch die Kreismusikschule und die Volkshochschule haben ihren Betrieb eingestellt. KMS-Leiter Bernd Scheumaier teilt mit, dass alle Kurse, aber auch Konzerte bis zum Ende der Osterferien entfielen. Laut VHS-Geschäftsführer Claus Lüdenbach gilt das auch für sämtliche Kurse und Vorträge der Erwachsenenbildung.

An den Pflegeschulen findet ebenfalls kein Unterricht mehr statt. „Die Schüler arbeiten ab sofort auf den Stationen“, berichtete Martin Kornhaas, Verwaltungsleiter des Klinikums.

Auch die Fahrschulen treten auf die Bremse. „Wir haben uns geeinigt, die Theoriestunden vorerst bis 30. März auszusetzen. Die Fahrstunden selbst finden statt“, berichtet Christoph Flittner, Fahrschulinhaber aus Erding.

Geschlossen sind auch die Kindergärten. Es soll ein Notprogramm geben, teilt Bartholomäus Aiglstorfer vom Erdinger Rathaus mit. „Wir haben aber noch nicht entschieden, ob das zentral an einer Einrichtung oder in mehreren Häusern stattfindet“, so Aiglstorfer. Dieses Angebot richte sich ebenfalls nur an Kinder „systemrelevanter Personen“. Mehr könne man erst Anfang kommender Woche sagen.

Die Arbeiterwohlfahrt schließt ihre Einrichtungen nach den Worten ihres Präsidenten Fritz Steinberger bis Ende der Osterferien. „Ich schlage vor, dass das Personal jetzt Urlaub macht. Dann könnte die Schließzeit in den Sommerferien entfallen.“ Notgruppen seien bislang nicht geplant.

Auch in den anderen Gemeinden fanden am Freitag Krisensitzungen statt. In Ottenhofen etwa bemühte sich Bürgermeisterin Nicole Schley darum, eine Interimsbetreuung zu organisieren, ohne den Sinn der Schließungen zu unterlaufen – nämlich möglichst wenige soziale Kontakte ermöglichen.

Während die Gaststätten geöffnet bleiben, hat sich David Ritter entschieden, die Disco Weekend-Club bis auf Weiteres zu schließen. „Hier kommen viele Menschen auf engem Raum zusammen. Ich möchte niemanden einem Risiko aussetzen“, erklärt er.

Therme bleibt offen

OB Max Gotz kündigte Einschnitte in den Betrieb der Stadthalle an. „Eigene Veranstaltungen werden wir größtenteils absagen. Bei Fremdveranstaltungen liegt das in den Händen der jeweiligen Verantwortlichen.“

Rigoroser geht der Flughafen München vor. Die FMG schließt nach den Worten von FMG-Sprecher Ingo Anspach vorübergehend das Besucherzentrum und das Kinderland im MAC. Auch Rundfahrten werden nicht mehr angeboten. Vorerst gelte das bis Ende der Osterferien.

Saisonende auch in den Eisstadien in Erding und Dorfen: Wegen des vorzeitigen Abbruchs des Spielbetriebs wird das Eis abgetaut. Damit gibt es ab sofort auch keinen Publikumslauf mehr.

Geöffnet bleibt hingegen die Therme, teilt das Unternehmen via Facebook mit.

Wahlkampf zu Ende

Die Parteien beendeten den Kommunalwahlkampf vorzeitig und sagten nicht nur alle Veranstaltungen ab, sondern auch die Infostände an diesem Samstag. Im Stadtrat hatte Gotz am Donnerstag an alle Gruppierungen appelliert, in gleicher Weise zu verfahren. Auch alle Wahlpartys sowie der Empfang im Landratsamt am Sonntagabend sind gecancelt.

Bayerstorfer appelliert an die Verantwortung der Bürger: „Es geht hier um nicht weniger als um das Retten von Menschenleben.“

Lesen Sie außerdem:

Werden die Corona-Beschränkungen die Wahl beeinflussen, und wie denken die Bürger darüber (Erding-Seite)? So reagieren Pflegeheime und Nachbarschaftshilfen (Dorfen-Seite). Wie gehen Sportvereine mit Absagen um (Sport)? Aktuelle Berichte auf www.erdinger-anzeiger.de und www.merkur.de. Das Kultusministerium informiert auf www.km.bayern.de.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare