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Hans Moritz, Redaktionsleiter des Erdinger/Dorfener Anzeiger.

Über die Flut in Erding und Ebbe in den Kassen

Kommentar: Wenn der Damm zur Stolperfalle wird

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Zwei Themen treiben die Erdinger Stadtpolitiker um: der Hochwasserschutz und die Bewältigung der Corona-Krise. Beim Katastrophenschutz drohen die Stadträte in eine selbst gestellte Falle zu tappen. Und auf die einbrechenden Steuereinnahmen sollte man lieber pessimistischer denken, meint Redaktionsleiter Hans Moritz in seinem Kommentar zum Wochenende.

Die Vorschläge der Bürgerinitiative Naturnaher Hochwasserschutz sind bemerkenswert. Der Stadtrat ist gut beraten, sich intensiv und wohlwollend mit ihnen auseinandersetzen. Zum einen klingt es verlockend, die Gräben nicht nur hochwassersicher auszubauen, sondern sie damit zugleich ökologisch aufzuwerten.

Zum anderen stärkt die Stadt damit ihre Verhandlungsposition gegenüber dem Wasserwirtschaftsamt München. Das möchte die Sempt bekanntlich mit Mauern und Dämmen flankieren, damit der Fluss in seinem Bett bleibt. Gegen diesen so genannten linearen Ausbau läuft Erding zu Recht Sturm. Denn die Verbauung würde nicht nur das Ortsbild massiv negativ verändern und einen Kahlschlag an den Ufern bedeuten.

Hinzu kommt: Eine Stadt mit einem eingesperrten Fluss vor Überflutung zu schützen, ist völlig aus der Zeit gefallen. Renaturierung, mäandernde Flussläufe und ökologisch wertvolle Rückhaltebecken sind die heutigen Instrumente.

Es wirkt nicht sonderlich überzeugend, wenn Erding gegen Mauern und Dämme entlang der Sempt zu Felde zieht, sie bei der Sicherung der Gräben aber selbst bauen möchte. Deswegen muss nicht nur das Wasserwirtschaftsamt seine Planung überprüfen, sondern auch die Ingenieurbüros der Stadt.

Gut ist, dass OB Max Gotz einen Runden Tisch einsetzen und Ortstermine abhalten will. Die Präsentation der BI hat gezeigt: Hier bringen sich Bürger besonnen mit Herzblut und Gestaltungswillen ein. Diese Expertise muss genutzt werden.

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Das Szenario, das Kämmerer Kurt Hiller beim Nachtragshaushalt über die Erdinger Finanzen gezeichnet hat, ist ernüchternd. Die Stadtkasse ist coronabedingt in freiem Fall. Doch zu Panik besteht kein Grund. Zum einen sind kommunale Schatzmeister von Berufs wegen Sparfüchse und daher eher Pessimisten. Oft kommt es gar nicht so schlimm – oder besser als vorhergesagt. Zudem dürfte Hiller eher mit dem schlimmsten Fall kalkuliert. Es ist wie im Winter: Lieber erst mal zwei Pullover anziehen, wenn’s kalt wird.

Noch setzen alle Gemeinden ihre Projekte fort. Das ist richtig so. Denn Rückzieher können sie sehr teuer zu stehen kommen. Zudem ist die öffentliche Hand ein wichtiger Konjunkturmotor. Kommunale Infrastruktur, etwa neue Schulen, sind kein Wunschkonzert, sondern meist Pflichtaufgaben. Ein Investitionsstau würde die Corona-Wirtschaftskrise noch weiter in den Länge ziehen.

Allerdings kann es gut sein, dass Zukunftsprojekte in noch weitere Ferne rücken. In Erding etwa die Umgehungsstraßen oder der S-Bahn-Ringschluss.

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Die, die angesichts der groben wirtschaftlichen Entwicklung und des vergleichsweise milden Verlaufs der Pandemie bei uns schreien, der Staat habe mit dem Lockdown völlig überzogen und alles ruiniert, müssen die Rechnung erklären, wie viel (ihnen) die Rettung von Menschenleben wert ist – egal, ob zehn oder zehntausend.

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