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Vergessene Opfer der Pandemie: Kinder als Opfer häuslicher Gewalt. Wie viele sind es wirklich? 

Jugendamt stellt im Lockdown keinen Anstieg der Kindswohlgefährdungen fest – Dunkelziffer?

Wenn die Wohnung zum Gefängnis wird

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Nach offiziellen Zahlen gibt es im Lockdown nicht mehr Kindswohlgefährdungen als sonst. Aber bei der Bewertung des Dunkelfeldes sind sich die Experten uneins.

Erding – Seit 16. Dezember sind die Schulen geschlossen, die fünfte Woche ohne Unterricht läuft. Vor allem für Familien ist der Lockdown eine immense Herausforderung, insbesondere wenn es daheim eng zugeht, man sich über Monate nicht aus dem Weg gehen kann und die Eltern Ängste ob der beruflichen Zukunft plagen. Experten befürchten, dass diese Gemengelage für Kinder zu einer enormen Gefahr wird. Doch im Landkreis Erding stellt das Jugendamt keinen Anstieg der Kindswohlgefährdung fest. Doch werden viele Fälle hinter verschlossenen Türen gar nicht bekannt. Eine Aussage der Polizei macht Mut.

Betrachtet man die Statistik, sind die Fallzahlen im ersten Corona-Jahr im Vergleich zu 2019 sogar zurückgegangen. Vor der Pandemie gingen beim Jugendamt 291 Meldungen ein. Dabei wurden 44 Kindswohlgefährdungen entdeckt, berichtet Behördensprecherin Daniela Fritzen. 2020 seien es „nur“ 244 Meldungen gewesen. 25 Mal mussten Kinder daraufhin vom Jugendamt geschützt werden.

In den meisten Fällen stellten Sozialpädagogen eine Vernachlässigung eines Kindes fest. 20 Mal war das 2020 der Fall, 29 Mal im Jahr davor. Hinzu kamen vier körperliche Misshandlungen (2019: 5) und in einem Fall sexuelle Gewalt (6). Im Vorjahr mussten die Behörden kein einziges Mal wegen psychischer Behandlung einschreiten, 2019 war das vier Mal angezeigt.

Für Jugendamtsleiter Peter Stadick ist das aber kein Grund zur Entwarnung. „Aus unserer Sicht kann hieraus aber nicht der Schluss gezogen werden, dass es in der Folge des Lockdowns sowie der Schul- und Kitaschließungen zu keiner Zunahme häuslicher Gewalt gekommen wäre“, lässt er Sprecherin Fritzen zitieren. Denn häufig würden die Behörden von Lehrern und Erzieherinnen auf eine Kindswohlgefährdung aufmerksam gemacht.

Vor allem im ersten Lockdown waren dem Jugendamt oft die Hände gebunden. Hausbesuche bei Problemfamilien waren nur in Ausnahmefällen möglich.

Und der 2020er-Statistik haftet der Makel an, dass sie nur bis Anfang Dezember reicht. Was in den – verlängerten – Weihnachtsferien passiert ist, in denen es ohnehin häufiger kracht als zu anderen Jahreszeiten, ist zahlenmäßig noch nicht erfasst.

Keine Auffälligkeiten vermeldet auch die Polizei. Der stellvertretende Erdinger Inspektionsleiter Harald Pataschitsch versichert: „Uns liegen nicht mehr Fälle als sonst vor.“ Und was sagt er zu der Dunkelziffer? „Wir glauben, dass sie nicht höher ist als sonst, denn unsere Erfahrung lehrt, dass es in aller Regel die Opfer selbst oder unmittelbare Angehörige sind, die Anzeige gegen gewalttätige Eltern stellen.“ Über Schulen und Kitas erfahre man davon seltener.

Sein Dorfener Kollege Hans Rumpfinger bestätigt die Einschätzung. „2020 sind die Fallzahlen im Vergleich zu 2019 eher zurückgegangen.“ Natürlich sei es schwer, das Dunkelfeld zu ergründen. Aber auch der Vize-Chef der PI Dorfen hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Hinweise aus dem familiären Umfeld kämen.

Das Frauenhaus berichtet, es gebe keinen Anstieg der Nachfragen von Opfern häuslicher Gewalt. Allerdings befürchten die Verantwortlichen vom BRK-Kreisverband Erding, dass es eben doch eine signifikante Zahl an Fällen geben könnte, die aufgrund des Lockdowns und der Ausgangssperre nicht nach außen dringen.

Besonders Sorgen macht man sich im Frauenhaus um die Kinder. „Für sie ist es erst recht schwierig, weil auch das Homeschooling im Frauenhaus stattfindet. Die Mädchen und Buben sind aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen und haben keinen Kontakt zu Freunden“, berichtet BRK-Sprecherin Danuta Pfanzelt. Und auch die betreuten Mütter seien in einer schwierigen Lage. „Sie müssen sich um Vieles kümmern, mit den Kindern lernen oder sie den ganzen Tag beschäftigen“, so Pfanzelt weiter. Die Mitarbeiterinnen der Opferhilfeeinrichtung würden aber beim Homeschooling helfen und sich auch Angebote für die Kinder überlegen. Ein gutes Zeichen: Aktuell sind im Erdinger Frauenhaus noch Plätze frei; das ist nicht immer so. Bereits im ersten Lockdown hatten die Anfragen an das Hilfetelefon des BRK stark zugenommen.

Selbst wenn es die Statistik nicht hergibt, im Jugendamt ist man davon überzeugt, dass die Pandemie viele Familien vor große Herausforderungen stellt. „Bereits bestehende Belastungen und Konflikte können sich in der aktuellen Ausnahmesituation verstärken“, so Fritzen.

Landrat Martin Bayerstorfer appelliert daher an die Bevölkerung, Hinweise auf Kindswohlgefährdung oder häusliche Gewalt dem Jugendamt, der Polizei oder der BRK-Interventionsstelle mitzuteilen. „Das hat nichts mit Blockwartmentalität zu tun, hier geht es um den Schutz der Kinder“, so Bayerstorfer. Hinweise würden vertraulich behandelt.

Das Jugendamt ist unter Tel. (0 81 22) 58 12 14 oder per Mail unter jugendamt @lra-ed.de zu erreichen. Auch kurzfristige Termine sind möglich.

ham

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