Hans Moritz, Redaktionsleiter des Erdinger/Dorfener Anzeiger.

Schule nach dem Corona-Lockdown

Kommentar: Warum jetzt wieder Unterricht für alle stattfinden muss

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Weil niemand eine zweite Corona-Welle ausschließen kann, ist es jetzt wichtig, regulären Schulunterricht für alle  unter den neuen Vorkehrungen zu erproben. Viele Kinder sehen ihre Schule erst nach 15 Wochen wieder von innen. In der Bildung hat der Staat versagt und Chancen vertan, meint Redaktionsleiter Hans Moritz in seinem Kommentar zum Wochenende.

Am Montag sind die Pfingstferien zu Ende, und für hunderte Kinder aus dem Erdinger Land startet die 14. (!) Woche, in der sie wegen Corona nicht zur Schule dürfen. Erst jetzt beginnt der Schichtunterricht für die letzten Jahrgangsstufen. Viele werden zwischen 16. März, dem Beginn des Lockdowns in Kitas und Schulen, und dem Beginn der Sommerferien Ende Juli lächerliche drei (!) Wochen ihr Klassenzimmer von innen gesehen haben.

Natürlich war die Schließung angesichts rasant steigender Covid-19-Infektionen anfangs richtig. Doch danach ist monatelang so gut wie nichts passiert. Dabei hätte sich die Staatsregierung ab dem ersten Tag Gedanken machen müssen, wie der Staat seiner Schulpflicht – ja, die gilt nicht nur für die Kinder – nachkommt.

Es fehlt an verbindlichen Vorgaben

Bis heute fehlt es an verbindlichen Vorgaben, wie das Homeschooling aussehen soll. Nach wie vor macht jede Schule, was sie will. Das führt dazu, dass es sehr engagierte Lehrer gibt, die die Digitalisierung des Unterrichts als Chance begreifen und in intensivem Kontakt mit den Familien stehen. Es gibt aber auch Kinder, die seit März gerade einmal zwei, drei Mal mit ihrem Lehrer Kontakt hatten.

Einmal wöchentlich ein paar Arbeitsblätter per Mail verschicken und allenfalls stichprobenartig kontrollieren – so sieht auch im Landkreis Erding der Unterricht teils immer noch aus. Das ist Staatsversagen und zeigt, Kinder haben offensichtlich keine Lobby. Gerade die sozial Schwachen ohne Zugang zu digitalen Lernplattformen sind längst abgehängt. Es macht wütend, dass das weder Politik noch Lehrerverbände ernsthaft zu interessieren scheint. Die zugesagten Milliarden aus den Rettungspaketen für die Digitalisierung der Schulen (und der Familien) kommen für viele Kinder zu spät.

Kinder sind Corona kaum betroffen

Immerhin wird seit Wochen intensiv darum gerungen, wann der Regelunterricht für alle wieder beginnen kann. Es muss sofort passieren. Zugegeben: Bis heute weiß niemand exakt, wie stark Kinder am Infektionsgeschehen beteiligt sind.

Virologen haben inzwischen herausgefunden, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast aufweisen können wie Erwachsene. Tatsache ist aber auch, dass sich Jüngere deutlich seltener mit dem Corona-Virus anstecken. Weltweit waren nur ein bis zwei Prozent aller Patienten unter 18 Jahre. Und wenn sie infiziert sind, nehmen sie in aller Regel nur sehr leichte Verläufe, wenn sie denn überhaupt Symptome zeigen.

All das beweist: Diese Generation ist für die Wiedereröffnung der Schulen geeignet. Deswegen fordern das die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, die Gesellschaft für Hygiene, Umwelt- und Präventivmedizin sowie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Selbst Virologen wie Christian Drosten sind dafür

Aber nicht nur sie haben das Wohl der Kinder sowie die Notwendigkeit eines regulären Unterrichts im Blick. Selbst der sehr vorsichtige Virologe Christian Drosten spricht sich dafür aus. „Ganz klar, die müssen wir öffnen, und zur Hälfte öffnen kann man sie auch nicht“, sagte er im Spiegel-Interview.

Der Zeitpunkt dafür ist günstig. Auch im Landkreis Erding ist die Pandemie nahezu gestoppt. Es werden kaum noch neue Infektionen bekannt, 14 akute Fälle sind es derzeit. Natürlich muss man immer mit einer zweiten Welle rechnen, womöglich im Herbst.

JETZT, vor einer möglichen zweiten Welle, muss der Unterricht für alle getestet werden

Umso wichtiger ist es, jetzt den neuen regulären Unterricht zu testen – mit Abstandsregeln, Mund-Nasen-Schutz, zeitlich versetzten Pausen und eventuell Unterricht im Freien, in der Aula oder den Turnhallen. Jetzt gilt es, Erfahrungen für eine Zeit mit wieder mehr Fällen zu sammeln.

Ja, das ist für Lehrer eine große Herausforderung. Umso ärgerlicher ist es, dass sich bis zu 40 Prozent der Pädagogen vorsorglich schon einmal einer Risikogruppe zuordnen, um weiter daheim oder – wenn überhaupt – vor dem Laptop bleiben zu können. Die Gewerkschaften verspielen ihren Ruf als Beruf(!)sverbände, wenn sie nur nach Gründen suchen, warum ihre Mitglieder ihrem Beruf weiter nicht wie üblich nachgehen können.

Lehrer dürfen sich nicht einfach herausreden

Wie kommt diese Abwehrhaltung wohl bei Ärzten, Pflegern oder Verkäufern an, die seit Wochen mit Menschen zu tun haben, deren Infektionsgefahr deutlich höher ist als bei Kindern?

Österreich, erst in der Pandemie, dann in deren Bekämpfung Vorreiter, bietet mit Beginn der Sommerferien Aufholkurse für benachteiligte Kinder an. Darüber denkt man bei uns noch nicht mal nach. Ein weiterer Beleg für die Pflichtvergessenheit der Bildungspolitik, die zudem immer noch offen lässt, ob die Lehrpläne für das neue Schuljahr den Versäumnissen angepasst werden. Ein Weiter so wäre der nächste Riesenfehler.

Wer jetzt nicht handelt, nimmt in Kauf, dass regulärer Unterricht erst dann wieder stattfindet, wenn es gegen Corona Medikamente und einen Impfstoff gibt – also irgendwann 2021. Oder später. Ein Wahnsinn!

ham

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