Hans Moritz, Redaktionsleiter des Erdinger/Dorfener Anzeiger.

Schulen wieder geschlossen - trotz Vorkehrungen für sicheren Unterricht

Kommentar: Staat entzieht sich seiner Schulpflicht

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Der Landkreis hat Vorkehrungen für einen weitgehend infektionssicheren Unterricht getroffen. Trotzdem bleiben alle Schulen nach den Ferien geschlossen. Das zeigt ein weiteres Mal: Familien und Kinder haben hierzulande keine Lobby, kommentiert Redaktionsleiter Hans Moritz.

Wer einen Beleg sucht, wie miserabel die Politik dieses Land durch die Corona-Krise „steuert“, wird immer wieder (auch) bei den Schulen landen. Wer einen Beweis braucht, dass Kinder und Familien hierzulande keine Lobby haben, ebenfalls.

Die Schulen im Landkreis Erding werden ab Montag wieder einmal geschlossen. Die Inzidenz lag am Freitag über 100, das heißt: Distanzunterricht für alle mit Ausnahme der Abschluss- und der vierten Klassen. Nur fürs Protokoll: Tausende Schüler haben seit 16. Dezember 2020 gerade einmal zwei Wochen ihre Klassenzimmer von innen gesehen, die Grundschüler zwei Wochen länger. Der Staat hat sich seines Teils der Schulpflicht weitgehend entledigt. Regulärer Unterricht fand nur von September bis Dezember statt, und das nach einem zweiten Halbjahr 2019/2020, in dem nicht einmal nach Ostern, als die Infektionszahlen wochenlang bei Null oder knapp darüber lagen, die vollen Klassen zurückgeholt wurden.

Ministerpräsident Markus Söder und sein von jeglicher Fortune befreiter Kultusminister Michael Piazolo sind nicht bereit, die Tatsache in den Blick zu nehmen, dass vielerorts längst weitgehend infektionssicherer Unterricht möglich ist. Zum Beispiel im Landkreis Erding. In jedem (!) Klassenzimmer der Landkreisschulen und in so mancher in Trägerschaft der Gemeinden könnten längst hochmoderne Luftfilter eingesetzt werden. Rund eine Millionen Euro hat der Landkreis dafür investiert. Doch selbst das ändert nichts an der eisernen Regel: Inzidenz hoch, Schulen zu. Der Staat hat diese Investition mit 50 und mehr Prozent gefördert. Warum, wenn die Geräte nun verstauben? Es ist eine millionenschwere Steuergeld-Verschwendung.

Seit Wochen versäumt der Staat seine Pflicht, Lehrer zu schützen, indem er sie bevorzugt impft. Bei den Selbsttests lässt er sich allein.

Eltern sollten sich vorsorglich darauf einstellen, dass bis zum Beginn der Sommerferien kein regulärer Unterricht mehr stattfinden wird.

Der Kultusminister schaut auch zu, wie die Bildungsgerechtigkeit immer weiter zerstört wird. Kleinere Landschulen hatten das große Glück, die vergangenen Wochen vollen Präsenzunterricht anbieten zu können, weil es wenig Kinder in großen Klassenzimmern sind. Im September werden an den Realschulen und Gymnasien zwei Gruppen Fünftklässler aufeinandertreffen: die einen mit deutlich mehr Präsenzunterricht als andere, die monatelang daheim stupide ein Arbeitsblatt nach dem anderen ausgefüllt haben. Diese Lücke wäre vertretbar, wenn es wenigstens einheitliche Regelungen für einen echten Distanzunterricht geben würde. Doch wie viel Videounterricht stattfindet, entscheidet weiterhin jeder Lehrer für sich. Viele hielten maximal einen Termin pro Woche für ausreichend . . .

Deswegen: Hört bitte auf, zu behaupten, Kinder lägen Euch am Herzen! Familien erleben seit über einem Jahr genau das Gegenteil.

ham

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