Engagierte Debatte (oben, v. l.): Christoph Lochmüller (Grüne), Simone Binder (Bayernpartei) im Gespräch mit Timo Aichele (stellv. Redaktionsleiter Erdinger/Dorfener Anzeiger), Tobias Boegelein (Linke) und Magdalena Wagner (SPD); (unten, v. l.) Charlotte Schmid (ÖDP), Alexandra Motschmann (Basis), Marc Salih (FDP) und Peter Junker (AfD); Josef Ametsbichler (stellv. Redaktionsleiter Ebersberger Zeitung) protokolliert mit.
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Engagierte Debatte (oben, v. l.): Christoph Lochmüller (Grüne), Simone Binder (Bayernpartei) im Gespräch mit Timo Aichele (stellv. Redaktionsleiter Erdinger/Dorfener Anzeiger), Tobias Boegelein (Linke) und Magdalena Wagner (SPD); (unten, v. l.) Charlotte Schmid (ÖDP), Alexandra Motschmann (Basis), Marc Salih (FDP) und Peter Junker (AfD); Josef Ametsbichler (stellv. Redaktionsleiter Ebersberger Zeitung) protokolliert mit.

Diskussion mit Bundestagskandidaten

Debatte entlang der Schmerzgrenze: Worauf müssen wir für den Klimaschutz verzichten?

  • VonTimo Aichele
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Energiewende, Klimaschutz, Umweltschutz - über diese Themen hat die Heimatzeitung mit den Direktkandidaten der Bundestagswahl im Wahlkreis Erding-Ebersberg diskutiert. Der Ort war symbolträchtig: Ein Müllhalde mit großer Freiflächen-Photovoltaikanlage symbolisiert das Thema bestens. Bei der Diskussion prallten teilweise Welten aufeinander.

Landkreis – Lässt sich der Klimawandel ohne Verzicht und Verbote bekämpfen? Diese Frage tut weh. Bei den Bürgern schmerzt es beim Gedanken an teure Schnitzel und unbezahlbare Urlaubsflüge. Bei den Politikern, wenn sie zu unbequemen Wahrheiten stehen müssen. Bei aller Klarheit der Argumente war das auch bei der Debatte auf der Ebersberger Schafweide zu beobachten. Für manche der Politiker wurde die Schmerzgrenze beim Austausch von Fakten und vermeintlichen Gegen-Fakten zuweilen überschritten. Doch alle acht Bewerber um das Bundestagsmandat begegneten einander mit höflicher Diskussionskultur.

Dabei hatte es vor dem Termin durchaus Berührungsängste gegeben. Nicht jeder Kandidat wollte mit jedem in einer Runde stehen. Absagen aus parteipolitischen Erwägungen kamen dann aber doch nicht. Bei der freien Platzwahl entstand dennoch so etwas wie eine Aufstellung streng nach politischer Farbenlehre. Und am Ende wurde der eine oder andere Abschiedsgruß auf der Schafweide leicht widerwillig ausgetauscht.

Warum diskutierten die Herausforderer eigentlich ohne Amtsinhaber Andreas Lenz? Wie stehen sie zu Windkraft und Solardach-Pflicht? Antworten zu diesen Fragen finden sie im Text: Heiße Debatte auf dem Müllberg.

Stresstest für die Diskussionskultur: Ist der Klimawandel menschgemacht?

Die Fundamente der Klima-Debatte brachte zunächst Simone Binder von der Bayernpartei ins Wanken. Die Klimaänderung habe über tausende von Jahren wirkende Ursachen. „Die Menschheit hat das nur beschleunigt.“ Natürlich müsse man jetzt etwas unternehmen, gab auch die Mittelschullehrerin aus Grafing zu. Aber: Dass die Temperaturerwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden kann – „das werden wird nicht mehr erleben“, meinte Binder. Hier bröckelte die Disziplin in der Runde, es entstand Stimmengewirr. Mehrere Kandidaten wollten das so nicht stehen lassen.

Für die Moderatoren der perfekte Zeitpunkt, Peter Junker zu einem Satz aus dem AfD-Parteiprogramm zu befragen. „Die Menschheitsgeschichte belegt, dass Warmzeiten immer zu einer Blüte des Lebens und der Kulturen geführt haben“, heißt es darin. „Ist das angesichts von Waldbränden von der Türkei bis Kanada und Überflutungen in NRW und Rheinland-Pfalz nicht einfach zynisch?“, wollten die Redakteure wissen. Das fand der AfD-Bewerber gar nicht. Im Gegenteil: In Griechenland oder auch auf Sizilien sei belegt, dass zwei von drei Waldbränden von Menschen gelegt worden seien. „Wegen dem Klimawandel brennen die Wälder nicht“, behauptete er. An dieser Stelle blickten die meisten anderen Kandidaten etwas schmerzvoll drein.

Das Bewerberfeld an der Freiflächen-Photovoltaikanlage: Es diskutieren die Direktkandidaten Peter Junker (AfD, 2. v. li), rechts daneben Alexandra Motschmann (Die Basis), Charlotte Schmid (ÖDP), Simone Binder (Bayernpartei), Christoph Lochmüller (Grüne), Tobias Boegelein (Linke), Magdalena Wagner (SPD), Marc Salih (FDP). Moderiert wird die Diskussion von den Redakteuren Josef Ametsbichler (li., Ebersberger Zeitung) und Timo Aichele (re., Erdinger/Dorfener Anzeiger).

Mit dieser Haltung widerspricht Junker nicht nur dem Stand der seriösen Wissenschaft, auch auf dem Müllberg bei Ebersberg blieb er damit ziemlich alleine. „Brauchen wir dann überhaupt eine Energiewende, oder sollen wir’s gleich sein lassen?“, wollten die Moderatoren wissen. „Ja, schaden tut’s ja nicht“, meinte Junker und spekulierte darüber, ob nun Photovoltaik, Windkraft oder doch neue, sich erst im frühesten Entwicklungsstadium befindliche Atomtechnologien der richtige Weg wären.

Aber wie bezahlt der kleine Mann, der die SPD wählt, die Energiewende? „Die reichsten zehn Prozent verursachen 36 Prozent der Emissionen und die ärmere Hälfte ungefähr genauso viel“, antwortete Magdalena Wagner. Am meisten verzichten müssten also die, die am meisten Geld haben und die richtig viel konsumieren. Vier Urlaubsflüge im Jahr seien da schwierig. Die SPD wolle die EEG-Umlage abschaffen und die Lücke aus Steuermitteln finanzieren, was wieder die Reicheren mehr belaste, so die 30-Jährige aus Egmating.

Auf welchen Konsum müssen die Bürger also verzichten? Fängt das schon beim Schnitzel an, da die Produktion von Fleisch viel CO2 verbraucht? Verzicht sei das nicht, meinte Christoph Lochmüller von den Grünen.

„Wir müssen dafür werben, dass es besser geht“, sagte der Grüne. Man dürfe nur so wenige Tiere halten, wie das Land an Futter hergibt, dann bleibe das auch CO2-neutral, meinte der Unternehmer aus Hohenlinden. Aber ja: „Das Fleisch wird teurer, wenn der wahre Preis drinsteckt.“

„Es ist wichtig, dass wir aufhören, nach dem Motto von Mediamarkt zu denken. Die Frage ist: Was brauchen wir?“, warf Charlotte Schmid (ÖDP) ein. Mit „Geiz ist geil“ werde man das Klima nicht retten können. „Wir schmeißen unheimlich viele Lebensmittel weg. Das ist unnötiger CO2-Verbrauch, gerade bei Wurst oder Fleisch“, pflichtete Wagner bei.

Bei der ökologischen Verkehrswende formulierte die Linke in ihrem Programm hohe Ziele: „Bis 2030 ist in Städten und auch in ländlichen Regionen die Mehrheit der Menschen nicht mehr auf Autos angewiesen.“ Ist das realistisch? Ja, fand Kandidat Tobias Boegelein. Der Verkehr verursache ein Drittel der Emissionen, erklärte der Software-Entwickler aus Bruck. Das müsse man schnell und massiv zurückfahren.

Die Nöte der Landbevölkerung: Wie kommt der ÖPNV in jedes Dorf?

„90 Prozent der Privatfahrten, zumindest im städtischen Bereich, sollen dann mit dem ÖPNV erledigt werden können. Das geht auch in neun Jahren“, erklärte er. Das wollten die Moderatoren so nicht stehen lassen. „Sie befinden sich im ländlichen Wahlkreis Erding-Ebersberg – das ist Ihnen klar, oder?“ Ja, dafür wolle die Linke zehn Milliarden Euro pro Jahr aufwenden – und so den ÖPNV in jeden Ort mit einem Stundentakt bis 22 Uhr bringen. „Auch wir Grünen wollen jede Stunde einen Bus“, warf Lochmüller ein.

Alexandra Motschmann (Die Basis) widersprach: „Das ist nicht umsetzbar.“ Überhaupt stehe sie Elektroautos sehr kritisch gegenüber. „Das ist nicht machbar, nicht nachhaltig. Null“, meinte sie im Hinblick auf den Rohstoffbedarf an seltenen Metallen wie Lithium. Hier widersprachen der studierte Astrophysiker Boegelein und Maschinenbauingenieur Lochmüller: Neue Batterietechnologien seien auf dem Weg.

Wird die Mobilitätswende mit Verzicht für die Bürger verbunden sein? Kein klares Ja, kein klares Nein vom Linken-Kandidaten. Wenn Pendelfahrten mit dem ÖPNV erledigt werden könnten, denke er durchaus, dass Carsharing und ähnliches „aufs Land drängen“, so Boegelein.

Je heißer die Themen, desto enger rückten die Kandidaten zusammen. Die Redakteure Timo Aichele (l.) und Josef Ametsbichler (r.) modererierten.

„Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, dass wir den ÖPNV wirklich für alle attraktiv machen“, gab Wagner zu. Aber Ebersberg sei schon der ländliche Landkreis mit den meisten Carsharing-Angeboten. Die Genossin gab kleine Ziele aus: „Vielleicht schaffen wir es nicht, dass alle Menschen in den Landkreisen Erding und Ebersberg das Auto ganz abschaffen, aber vielleicht, dass Familien auf ihr Zweitauto verzichten können.“

„Wie viel Verzicht wollen Sie unseren Bürgern zumuten? Sind Verbote nötig?“ Hier zeigte nur die ÖDP-Kandidatin klare Kante. Der Ausbau der Öffentlichen sei wichtig, erklärte Schmid. „Aber wir müssen gleichzeitig schauen, dass Autoverkehr weniger attraktiv wird.“ Wenn nur auf Verkehrskomfort geachtet werde, „werden immer mehr Menschen mit dem Auto fahren wollen. Wir wollen zeigen, dass es qualitativ bessere Angebot gibt.“ Mehr Fußgängerzonen in Innenstädten also? „Auf alle Fälle“, so Schmid. „Ich habe gerade ein kleines Projekt in Poing, wie ich zu Fuß von A nach B komme. Das ist manchmal verheerend.“

E-Mobilität: Saubere Technik als Heilsbringer?

ÖPNV, Ruftaxis, Carsharing – alles das könne er unterschreiben, antwortete Marc Salih von der FDP. „Aber ich widerspreche ganz klar: Man darf das Autofahren nicht unattraktiv machen. Warum sollten Menschen nicht einfach Auto fahren, wenn sie sauber Auto fahren?“, erklärte der Bundespolizist. Wichtig seien dafür eine saubere Energiewende und die entsprechenden Elektroautos.

Dieses Zukunftsversprechen hinterfragten die Moderatoren: Ist es denn so, dass wir die Energiewende ohne persönliche Einschränkungen hinbekommen? Der FDP-Kandidat denkt schon. Staatlich garantierte Abnahmepreise für Ökostrom seien da zum Beispiel der falsche Ansatz. Seine Partei setze auf den Zertifikatehandel für Treibhausgase, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Salihs Attacke: „Ich habe den Eindruck, dass manche Parteien mehr Lust am Verbieten als am Klimaschutz haben.“

Manche Parteien, da seien ja wohl auch die Grünen gemeint, oder Herr Lochmüller? Das fand der Hohenlindener gar nicht. „Ich mag die die Worte Verbot und Verzicht überhaupt nicht“, antwortete Lochmüller. „Der Fehler ist immer der, dass Sie die Zukunft von heute denken. Da ist doch jeder ein Auto gewöhnt“, rief er mit emotional aufgeladener Stimme. Es werde neue und attraktive Formen der Mobilität geben. Dann werde es heißen: „Das ist kein Verzicht. Ich treffe eine andere Entscheidung.“

Hier zeichnete sich fast schon eine grün-gelbe Koalition ab. „Richtig, das ist Einstellungssache“, erklärte Salih. Boegelein konterte: „De facto ist es so, dass 70 Prozent der Leute diese Freiheit nicht haben, weil sie nicht den Geldbeutel haben, sich ein Elektroauto zu kaufen.“

Diese Debatte wird noch weitergeführt werden. Erdinger/Dorfener Anzeiger und Ebersberger Zeitung laden alle Direktkandidaten zu einer zweiten Diskussionsrunde ein. Thema: Verkehr und Infrastruktur. Mal sehen, ob Lochmüller den weiteren Weg nach Taufkirchen an der Vils wieder mit dem Elektroroller antreten wird.

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