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Diesen Bildschirm bekamen gestern hunderte Familien statt Digitalunterricht zu sehen. 

Start in Distanzunterricht vielerorts gescheitert – Plattformen schon vor Schulbeginn überlastet

Katastrophe im digitalen Klassenzimmer

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Der erste Tag Distanzunterricht ist am Montag in vielen Schulen komplett in die Hose gegangen. Vor allem die von den Grund- und Mittelschulen genutzten Plattformen „Schulmanager“ und „BigBlueButton“ waren teils bereits vor Unterrichtsbeginn überlastet. Die Wut in vielen Familien, aber auch bei Lehrern, ist enorm.

Erding – „Hmmm ... diese Seite ist leider nicht erreichbar.“ Diesen Hinweis bekamen gestern viele Familien, die sich mit ihren Kindern am Montagfrüh vor Laptop oder Tablet gesetzt hatten, um ihre Lehrer zu begrüßen oder erste Aufgaben zu lösen. In etlichen Fällen gelangte man nicht mal auf die Startseiten.

Dass überhaupt Unterricht möglich war, ist den Lehrern zu verdanken, die einen Teil ihrer Weihnachtsferien geopfert hatten, um wie im ersten Lockdown im Frühjahr Arbeitsblätter zusammenzustellen. Zum Teil waren sie bereits während der Ferien versandt oder zum Abholen bereitgelegt worden.

Schulamtsleiterin Marion Bauer bilanzierte dennoch, „dass wir mit dem Start insgesamt sehr zufrieden sind“. In der Tat sei das System „Schulmanager“ aber überlastet gewesen. Doch das sei behoben worden. „Teams“ und „BigBlueButton“ sind nach Auffassung der Schulbehörde „problemlos gelaufen“.

Frustriert sagte eine Grundschullehrerin unserer Zeitung: „Alle Kinder sind mit Endgeräten versorgt. Alle Kollegen haben den Unterricht digital vorbereitet. Wir sind seit Freitag in Dauerkonferenzen gewesen. Alles fertig. Alles verschickt. Alles gut.“ Doch dann sei ab 8.05 Uhr nichts mehr gegangen. „Ich hätte die vergangenen Tage auch spazieren gehen könnte“, meinte sie sarkastisch. Viele Eltern würden jetzt denken: „Die Lehrer kriegen es wieder nicht auf die Reihe.“ Doch das stimme nicht. „Wofür haben wir eine Digitalministerin?“, fragt sie.

Auch einen Prominenten hat es erwischt: Landrat Martin Bayerstorfer sagte unserer Zeitung, sein Sohn habe größte Probleme, Zugang zur Plattform zu bekommen. Bayerstorfer ist Verfechter des Wechselunterrichts (wir berichteten). Er hielte es für sinnvoll, Livestream-Unterricht anzubieten.

Doch dazu bräuchte es leistungsstarke Internetverbindungen. Die meisten Lehrer gingen deswegen gar nicht erst zur Schule, um das Netz nicht zu überlasten, sondern versuchten, von zu Hause aus Kontakt zu ihren Schülern aufzunehmen.

Auf unserer Facebook-Seite machten viele Eltern ihrem Frust Luft. Von einer Grund- und einer Mittelschule in Dorfen erreichte die Redaktion der Hinweis: „Weder ,Schulmanager‘ noch ,Padlet‘ funktionieren. Aber die Lehrer sind bemüht.“ Eine Mutter teilte mit: „In Schwindkirchen bricht das Internet auch ohne Distanzunterricht zusammen.“ Eine weitere hat die Erfahrung gemacht: „Der ,Schulmanager‘ in Wörth stürzt immer wieder ab.“ „In Klettham läuft nix mehr“, bekundete eine frustrierte Mama. Gleiche Rückmeldungen unter anderem auch von der Grundschule am Ludwig-Simmet-Anger und von der Mittelschule in Altenerding, von der Mädchenrealschule und der Schule in Wartenberg. In Fraunberg „hängen sich Bild und Ton immer wieder auf“. Ein Vater spricht von einer „schieren Katastrophe“. Ein Weiterer schreibt: „Es ist eine Katastrophe, eineinhalb Stunden keine Möglichkeit, irgendwas abzurufen.“

Auf der anderen Seite lief es an etlichen Schulen auch sehr gut, vor allem an Realschulen und Gymnasien mit „Mebis“, „Zoom“ und „Teams“, vereinzelt auch an Grund- und Mittelschulen.

Weil es auch an der Grund- und Mittelschule Isen Probleme gab, rief deren Digitalbeauftragter beim Betreiber der Plattform „Schulmanager“ an – und erhielt laut Direktor Michael Oberhofer die Auskunft, dass ein Programmierfehler den Kollaps verursacht habe. Man sei dabei, das Problem zu beheben.

Oberhofer ist auch Kreischef des Lehrerverbands BLLV. In dieser Funktion wünscht er sich „möglichst rasch wieder etwas Normalität“. Er fürchtet sonst „große Schäden bei allen Beteiligten, auch den Eltern“. Man sehe doch: „Die Nerven liegen verständlicherweise blank.“

Seine private Meinung reicht weiter: „Ich wäre zumindest für Wechselunterricht in den Jahrgangsstufen eins und zwei, den fünften und den Abschlussklassen.“ Auch wünscht er sich wöchentliche Schnelltestes, wie sie in Österreich kommen sollen. Zusätzlich mit FFP2-Masken und Hygienekonzept wäre ein sicherer tageweiser Unterricht möglich. Auch Lehrer sollten rasch geimpft werden: „Das wäre eine Basis für die Öffnung der Schulen.“

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